Wider den „Schall & Wahn“. Wo kommt eigentlich dieser Tocotronic-Kult her?

An diesem Freitag erscheint „Schall & Wahn“, das neue Album der Hamburger Band Tocotronic, und es ist praktisch unmöglich, nicht mitzubekommen, dass es quer durch die deutsche Musikzeitschrifts- und Feuilleton-Landschaft als das essenzielle Werk des Jahres gehandelt wird. Aber wieso eigentlich?

Natürlich ist es an sich gewissermaßen verdienstvoll, wenn man sich seit anderthalb Jahrzehnten ganz oben in den Relevanz-Tabellen nicht nur der hiesigen Musikkritik, sondern auch der des gemeinen Indienerds hält. Trotzdem darf man sich ein wenig wundern, wenn der mediale Kniefall vor einer einzelnen Band so durchgehend, so einhellig ausfällt, ausgerechnet bei einer Band, die den Zweifel an sich, am System, an Allem doch zum obersten Prinzip erhoben hat. Wenn also der durchaus als wertreaktionär geltende Rolling Stone und die – allerdings, wie sie selbst es uns kürzlich wissen ließ – nicht mehr ganz so gewohnt meinungsführerschaftig wie in den alten Tagen auftretende Spex einer Meinung sind, dann sollten gestählte Popdiskursler doch eigentlich wenigstens ein bisschen misstrauisch werden. Denn es kann natürlich in der Popkultur keine allgemein akzeptierte Übermeinung geben (zumindest, solange es nicht um die Beatles oder Velvet Underground geht), kein Verzicht auf Mäkeln, auf Besserwisserei, auf Abneigung und Abgrenzung. Tocotronic haben es mit „Schall und Wahn“ trotzdem geschafft und irgendwie erscheint einem dies als der nächste Nagel am Sarg der anständigen Popkritik, die dieser Tage eh irgendwann zur ewigen Ruhe gebettet werden wird.

Was ist das Besondere an Tocotronic? 1995 erschien (nach noch einigermaßen insiderischen Vinylsingle-Vorboten) „Digital ist besser“, das Debütalbum von Tocotronic, dessen unverfrorene Sloganhaftigkeit punktgenau den Nerv einer auf deutsche Studentenverhältnisse heruntergerechneten Kurt-Cobain-ist-tot-Generation traf. Natürlich ist dieses Album eines der wichtigsten der deutschen Popkultur, jeder einzelne Song ein Klassiker mit in Zement gemeißelten Weisheiten zum postpubertären Leben und Leiden an sich einerseits und ausreichend Ironie- und Interpretationspotenzial für die Metaebene. Dass die Sache mit der ironischen Brechung nicht unbedingt beim Endverbraucher ankam, konnte man schon deutlich bei den damaligen Konzerten sehen, deren ebenso hemmungslose wie distanzfreie Publikumsempathie einigermaßen abschreckend wirkte – obwohl oder weil die Band selbst damals kaum in der Lage war, ihre Instrumente halbwegs zu beherrschen. (Was wiederum sowieso nicht wirklich wichtig war.) Richtig schlimm wurde es danach, als Dirk von Lowtzow – sprich: Scheitelfrisur, Cordhose, Adidas-Trainingsjacke – plötzlich das auf Jahre hinaus unausrottbare Rolemodel für den gemeinen Indiehörer wurde. (Die parallele Stilschablone für Mädchen lieferte kurz darauf Charlotte Roche bei Viva II mit ihrem unerträglichen Rock-über-Hose-Look und dem zugehörigen Lippenpiercing.)


Falls es jemand nicht mitbekommen hat: Es steht unübersehbar auf der Tocos-Homepage.

Nicht, dass Tocotronic das nicht mitbekommen hätten. Ihr Versuch, dem Zeitgeist durch textlichen Paradigmenwechsel hin zu so etwas wie permanent systemkritischer aber diffuser Befindlichkeit vorauszueilen misslang grandios. Denn das konnte jetzt auch noch der letzte Indie-Disco-Geher interpretieren, wie er wollte. Lyrisch stehen Tocotronic inzwischen bei einer Ostrock-haften Unverbindlichkeit, die allerdings durch den allmächtigen Hamburger Schule-Filter gedreht wurde. Keine andere Band der Szene hat das so hinbekommen. Die Helden von damals sind heute komplett verschwunden, agieren marginal (Die Sterne), komplett am Mainstream vorbei (Die Goldenen Zitronen) oder haben die Flucht in Literatur und Theater angetreten (Rocko Schamoni).

Tocotronic sind einen Hauch jünger als ihre Wegbereiter und haben immer absolut clever agiert. Die richtigen Remixer, die richtigen Videos (wer erinnert sich nicht an den antizyklisch putzigen Wald-Reh-Wiese-Clip von „Sie wollen uns erzählen“ oder den durchgeknallten Evil-Console aus „Freiburg V 3.0“?), die richtigen Titelzeilen. Zudem waren sie nie so perfektionistisch, dass ihr Sound ohne Ecken daherkam, „stadiontauglich“ – sonst der vorgezeichnete Weg aller zehn Jahre halbwegs erfolgreichen Bands – war nie ein Thema. Und sie haben es immer geschafft, gerade soviel am Konzept zu variieren, dass man den Vorwurf der Abnutzung oder Wiederholung nicht machen kann. Das ist zweifelsfrei mehr als die allermeisten Bands jemals schaffen. Was hierzulande offensichtlich schon reicht, um sich einen extraordinären Status zu verschaffen und quasi besinnungslos anmutende Rezeption.

Man kann dieses neue Album bei iTunes vorbestellen (ja, auch sowas gibts inzwischen), kann Donnerstag nachts am Hamburger Hanseplatte-Laden zum Nachtverkauf anstehen, sich auf dem Schwarzmarkt Karten für das hoffnungslos ausverkaufte Release-Konzert besorgen, beim bevorzugten Jugendsender anrufen, um Tickets für eine exklusive Radioshow zu ergattern. So groß sind Tocotronic inzwischen. Man kann aber auch einfach nur das Album kaufen, weil man auch einige Alben besitzen muss, über die man meckern will. Und vielleicht – aber nur vielleicht – ist es ja wirklich das Album des Jahres. In diesem Land. Was ja wiederum gar nichts bedeutet.

Augsburg

» Hier gehts zum Interview mit Tocotronic, in dem sie selbst über die neue Platte und 15 Jahre Bandgeschichte sprechen.