Dem ultimativen Genuss zuliebe sollte man „Talkie Walkie“ von Air vorzugsweise in einer der folgenden Situationen hören: an einem klaren Frühlingsmorgen in einem Fesselballon über dem Loiretal schwebend, beim ziellosen Schlendern durch die Parks der Londoner Innenstadt an einem klirrend kalten Wintertag, oder beim Sex (versteht sich von selbst; immerhin geht es hier um Air).

Viele hatten gehofft, dass Air sich mit genau dieser Art von Album zurückmelden würden. Denn für eine Gruppe, die sich ausschließlich über ihren musikalischen Output definiert, ist ‚Talkie Walkie’ zwar weniger turbulent und fordernd als ihr vorheriges Werk ‚10,000 Hz Legend’, dennoch haben die beiden Musiker aus Paris jenes sinnliche Ausdrucksmedium weiter verfeinert, das ihren Erstling ‚Moon Safari’ zu einem derart unvergesslichen Debüt gemacht hat. Diese zehn unwiderstehlichen neuen cinematischen Popsongs, geschrieben von zwei Musikern, die ihr Studio und ihren Sound meisterlich beherrschen, sind direkt, intim und romantisch und bilden das bis dato wohl lohnendste Werk des Duos. Das Ergebnis von Nicolas Godins und JB Dunckels gelungener Vereinigung von klassischem Songwriting und sanfter elektronischer Experimentierfreude ist ein Album, das irgendwo zwischen Nick Drake und Aphex Twin angesiedelt ist, 10cc mit Boards of Canada verbindet und jene sanfte und zugleich mächtige emotionale Resonanz an den Tag legt, auf die sich niemand besser versteht als Air.

‚Talkie Walkie’ erscheint nach zweieinhalb Jahren voller unermüdlicher Aktivitäten. Im Jahr 2001 stellten die beiden Musiker ihrem Publikum das ‚10,000 Hz Legend’-Material in über 100 Shows im Rahmen ihrer zweiten Welttournee vor. „Wir müssen touren, um die Songs zu verbrennen, damit wir auf der Asche etwas Neues aufbauen können“, erklärt Godin. Jeden Abend zu fünft live aufzutreten war eine harte und ziemlich ungewohnte Erfahrung, die beide dazu motivierte, sich als Musiker weiter zu verbessern. Bei den Shows teilten sich Godin und Dunckel die Vocals – mit dem Ergebnis, dass sie auf dem neuen Album die Gesangsparts erstmals selbst übernommen haben.

Im letzten Jahr, Tag für Tag verschanzt in ihrem Pariser Studio, schrieben und komponierten sie 40 Songs. Achtzehn davon wurden auf besonderen Wunsch des italienischen Autoren Alessandro Barrico, dessen Werke Air sehr bewundern, als akustischer Hintergrund für die Hörbuch-Aufnahme seiner Tre Storie verwendet. Weitere neunzehn ihrer elektronischen Stimmungswerke liefern die musikalische Grundlage zu dem gefeierten zeitgenössischen Ballet Near Life Experience, mit dem sich der renommierte französische Choreograph Angelin Preljocaj gerade auf Europa-Tournee befindet.

‚Talkie Walkie’ ist im Grunde eine Platte, die Godin und Dunckel für sich selbst und niemanden sonst aufgenommen haben. Obwohl beide betonen, dass sie sich musikalisch nie wiederholen, geben sie ihre Enttäuschung offen zu angesichts der vergleichsweise lauwarmen Reaktionen auf ‚10,000 Hz Legend’, einem ambitionierten Album, auf das sie extrem stolz sind. „Offenbar finden die Leute es kompliziert, und das macht uns traurig, denn wir hielten es wirklich für unsere beste Musik“, seufzt Godin.

Dieses Mal, gewissermaßen an ‚Moon Safari’ anklingend, spielte und programmierte das Duo sämtliche Instrumente und hat alle Stücke selbst eingesungen, wobei Dunckel den größeren Teil übernnahm. Der Titel ‚Talkie Walkie’ ist folglich eine Anspielung auf die beinahe schon telepathische Kommunikation zwischen den Musikern während des Aufnahmeprozesses.

Diese auf das Wesentliche beschränkte Herangehensweise in Sachen Songwriting und Airs Rückkehr zum Minimalismus unterstreicht die neue Klarheit in ihrer Musik. Stücke wie das sanfte und melancholische ‚Run’, das köstlich synthetische Highlight ‚Biological’, das atemberaubend schöne ‚Cherry Blossom Girl’ und das sinnliche ‚Venus’ erzählen in herzzerreißend sanften Worten von der Liebe und dem grundlegenden Bedürfnis, geliebt zu werden.

„Dieses Album handelt von Liebe, von zwischenmenschlichen Beziehungen. Es drückt das aus, was wir den Mädchen nicht zu sagen wagen.

Zwei der Instrumentals, ‚Mike Mills’ und ‚Alone In Kyoto’, entstanden ursprünglich als Soundtracks zu Filmen. Letzterer, zugleich der krönende Abschluss des Albums, ist in Sofia Coppolas neuem Film Lost in Translation zu hören, nachdem Air im Jahr 2000 bereits die Musik zu ihrem verträumten Leinwanderstling The Virgin Suicides geliefert hatten. ‚Mike Mills’ wurde für den ersten Streifen ihres guten Freundes Mike Mills geschrieben, der sich gerade in der Produktionsphase befindet oder auch nicht; wirklich sicher scheinen sie sich in diesem Punkt nicht zu sein.

Zusätzliche Unterstützung bot der bekannte Saitenarrangeur Michel Colombier, zu dessen früheren Brötchengebern Künstler wie Serge Gainsbourg, Madonna, die Beach Boys und Prince zählen, sowie von Nigel Godrich. Radiohead-Producer Godrich verpasste ‚Talkie Walkie’ den letzten Schliff im Oceanway, seinem Lieblingsstudio in Los Angeles, und destillierte dabei die Essenz des Albums in wenigen erstaunlich schnellen Sessions heraus.

Der vielleicht ermutigendste Aspekt ist wohl der Gedanke, dass Air erst jetzt versuchen, ihr Potential als Musiker und Songwriter, als Künstler, zu verwirklichen. In einer Ära, in der übermäßig gehypte Karriererockbands sich schwer damit tun, überhaupt etwas zu sagen – ganz zu schweigen davon, etwas Bedeutungsvolles zu sagen –, scheinen Air acht Jahre nach ihrer Debütsingle ‚Modular Mix’ auf einer gänzlich anderen Ebene, einem völlig anderen Level zu operieren und hauen uns dabei immer mal wieder lebenswichtige musikalische Botschaften um die Ohren.

Also lehnen wir uns zurück, entspannen wir uns, tauchen wir ein in die schiere Schönheit von ‚Talkie Walkie’ und erinnern uns daran, warum wir uns damals in Air verliebt haben.