“Apocalyptica ist eine sehr kreative Band, die ausschließlich für den Moment lebt”, erklärt Perttu Kivilakso, mit 24 Jahren der jüngste der auf drei zusammen geschmolzenen apokalyptischen Reiter, die Philosophie hinter dem neuen Album. “Früher waren wir kreativ in der Imitation des typischen Heavy Metal-Gitarrensounds. Jetzt sind wir kreativ im eigenen musikalischen Ausdruck, bekamen Lust auf neue Spieltechniken und wollten die Instrumente vielseitiger einsetzen.” Was nach Hunderten von einsamen Stunden im Studio herausgekommen ist, darauf ist jeder in der Band stolz. “Wir haben einen neuen musikalischen Stil geschaffen – Cello-Rock.”

Schon beim Vorgängeralbum “Cult” hatte die Band musikalische Grenzen einfach aufgelöst. In der heimischen Presse wurde das Album denn auch von Klassikjournalisten besprochen – “warum auch nicht?” kann sich Paavo Lötjönen (Jahrgang 1968) nur wundern. “Wir sind Profis, nehmen die Sache ernst und gehen mit Ehrlichkeit ran an die Musik – wo liegt denn das Problem?” Nun, es gibt keins: Apocalyptica stehen an vorderster Front einer typisch finnischen Musikkultur, die unterschiedlichste Stilrichtungen verbindet.

So perfekt wie auf “Reflections” gelingt eine solche Suche jedoch selten. Die musikalischen Einflüsse von Apocalyptica reichen von dem russischen Sinfoniker Dmitri Schostakowitsch über Heavy Metal bis zu Oper und sind so weit gefächert, dass sie sich mit einem einfachen Spagat nicht überbrücken lassen. Die Beherrschung solcher Klangsäulen erfordert Können und ungewöhnliche Flexibilität. Stolz zieht Hauptkomponist Eicca Toppinen, mit 27 zu jung, als dass der Satz “Ist es zu laut, bist Du zu alt” ihn treffen könnte, Bilanz.

“Faraway” ist die wichtigste Ballade auf dem Album, verblüfft mit einem fetten Groove am Schluss und mischt den durchgängig saft- und kraftlosen Cello-Sound, den die tonwuchtigen Finnen überall wähnen, zugunsten des klassischen Cello-Tons auf. Ähnlich komplex ist auch “Cortège” geraten: “Wir kombinierten den Klang einer klassischen Orchestrierung mit Anlehnungen an den Dmitri Schostakowitsch und legten einen richtig harten, dunklen Metal-Sound darüber, der an Slayer erinnert.” Da trifft es sich gut, dass Dave Lombardo, Drummer eben jener Thash-Legende, auch für vier weitere Stücke auf “Reflection” angeheuert wurde – nämlich für “Prologue”, “No Education”, “Somewhere Around Nothing” und “Resurrection”. Perttu Kivilakso komponierte mit “Resurrection”, “Pandemonium” und “Conclusion” drei Songs für das neue Album. Mit letzterem erfüllte er sich und den anderen einen Traum: “Klassisches Cello-Spiel mit perfektem Klang, ausgedrückt in einem wunderschönen Lied. Das wollten wir erreichen, denn dieses Zusammenspiel bringt einen Sound hervor, der uns auf allen vorangegangenen Alben gefehlt hat. Hier konnten wir diese Sehnsucht mal so richtig ausleben.”

Auch anderen Sehnsüchten wird freien Lauf gelassen. Denn Apocalyptica zehren nicht nur vom Schwermetall, das, wie Youngster Perttu glaubhaft versichert, jedes einzelne Mitglied schon in der Wiege gehört hat, sondern von den Schönheiten der heimischen Natur. “Die tiefdunklen Wälder, die unglaubliche Weite und Größe Lapplands, die Stille, die wunderschönen Seen – all das inspiriert uns.” Gut zu hören in “Cohkka”, einem samisch benannten Berg, dem ein Song gewidmet ist. Fast flott kommt dagegen “Somewhere Around Nothing” daher. “Der beste Groove, den wir je hatten”, begeistert sich Perttu. “Ein riesiges Dankeschön an Mr. Lombardo!” Im letzten Stück des Albums geht Eicca ein weiteres Mal neue Wege. “Epilogue (Relief)” schrieb er für die Bühnenfassung von Fjodor Dostojewskis “Schuld und Sühne”. “Im letzten Akt erfährt Raskolnikow Vergebung. Wir einigten uns sofort darauf, das Album mit diesem Stück zu beenden. Denn wir hatten nichts weiter zu sagen.”