Ballet School gehen zunächst mal als der Inbegriff der zeitgenössischer Berlin-Band durch: Sängerin Rosie Blair kommt aus Belfast, ist irgendwann nach Berlin gezogen, wo sie in der U-Bahn ihren späteren Gitarristen Michel Collet getroffen hat, seines Zeichens halb japanischer Herkunft, aber trotzdem aus Brasilien. Zusammen mit ihren Drummer Louis McGuire kreieren sie einen Sound, der nach der ersten oberflächlichen Betrachtung fast schon erwartbar klingt: Synthies, eine gewisse Spur 80s, dazu eine weibliche Stimme.

Doch Ballet School können nicht mal eben als typisches austauschbares Haupstadtphänomen abgetan werden. Wenn andere Bands ein wenig in die Tiefe gehen, befinden sich Ballet School irgendwo in der Nähe des Erdkerns, wo sie Teile der internationalen Popkultur in frischem Magma einschmelzen um etwas doch sehr eigenes zu erschaffen. Wir haben uns mit Rosie getroffen, um herauszufinden, wie das denn genau funktioniert.

Schauen wir zunächst mal auf die Selbstdarstellung. Rosie stellt in Interviews gerne klar, dass es sich bei Ballet School nicht um eine „synth band“, sondern um eine „guitar band“ handelt. An dieser Stelle muss man sich aber natürlich fragen, was das überhaupt für Pole sind, die da entworfen werden. Und natürlich, was es bedeutet, Teil der einen oder der anderen Seite zu sein.

Ich denke es geht da um das, was Rock’n’Roll traditionell ist. Es gab da eigentlich nichts mehr, was mich wirklich interessiert hat, bis auf die Enthropie und den langsamen Verfall, in dem der Rock’n’Roll sich meine ganze Jugend über befunden hat. Es ist einfach die selbe alte verdammte Musik, die immer wieder herauskommt. Offenbar wollen die Leute das immer noch hören – Es ist ja auch ein Teil der Musikgeschichte, dass die Leute nicht immer gleich weit sind. Wir lesen alle verschiedene Teile des gleichen Buchs. Und einige Leute machen verdammt viel Geld mit den anderen, die noch im letzten Kapitel hängen geblieben sind. Royal Blood zum Beispiel: Soweit ich weiß sind das doch einfach zwei Typen mit Bärten, die die gleiche Scheiße wie Queens of the Stone Age machen. Bitte nicht. Ich schwöre zu Gott: Wenn noch eine weitere Band genau so klingt wie Queens of the Stone Age… Aaah!

Es gibt eine Trägheit im Rock’n’Roll. Wir alle haben darüber geredet. Wir alle sind Fans, wir alle wollen verdammt noch mal gute Musik, wir alle wollen gute Shows. Wir wollen großartige Musiker, wir wollen großartige Songs, wir wollen dieses unglaubliche Gefühl, wenn wir gute Musik anhören. Und Berlin ist natürlich eine Dance-Stadt. Ich würde uns nicht als Dance-Band bezeichnen, daher freuen wir uns auch über diese Synth-Band-Definition. Ich bin aber gar kein Spezialist für Synthesizer, also will ich auch nicht respektlos gegenüber denen sein, die sich da wirklich auskennen. Denn bei uns sind das gar keine Synthesizer, das sind verdammte Plugins [lacht]. Wir haben einen einzigen analogen Synthesizer, nur ein Teil, dass wir zum Touren brauchen.

Wir halten fest: Ballet School sind Rock’n’Roll, nur weniger degeneriert. Progressiver Rock’n’Roll sozusagen. Und der hört sich so an:

Aber wie ist das nun mit Berlin? Man ist es ja schon leid, dass sich die zeitgenössische Band von heute immer wieder über die Hauptstadt definiert. Die Vibes der Stadt, die sich mysteriöser Weise auf das eigene Schaffen übertragen, werden zur Allzweckwaffe der Selbstprofilierung. Doch bei Ballet School scheint hier mehr dahinter zu sein. Das sind dann auch ganz profane Aspekte, wie die Frage, ob man es nicht vermeiden kann, bei Kaiser’s an der Kasse sitzen zu müssen:

Ich denke dass [Berlin] auch ein guter Ort zum Leben ist. Ich glaube, dass man in Berlin die Möglichkeit hat, sich in seiner eigenen Vorstellungskraft zu verlieren. Das ist gut um herauszufinden, was man wirklich sagen möchte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das in London, New York oder L.A. auch so einfach ist, weil du dich da nicht vom… [überlegt] Monument der Stadt trennen kannst. Das ist immer der Ausgangspunkt dessen, was dort kreativ erschaffen wird. […]

Ich glaube, darüber zu meditieren, zu grübeln, was du wirklich bist, ist ein Privileg, das du nur in einer Stadt genießen kannst, in der du nicht drei Jobs haben musst, in der du nicht laufend schauen musst, wie cool deine verdammte Musik ist, verglichen mit dem nächsten Arschloch. Diese Dinge überschatten oft die Inhalte und eines großen Teil der künstlerischen Praxis. Dabei sollte man sich eigentlich keine Sorgen darüber machen müssen. Du solltest darüber nachdenken, was du sagen willst: Sage ich etwas wirklich fesselndes? Geht es um Gender? Geht es um die Wirtschaft? Wie politisch möchte ich sein? Geht es darum, wie sehr die Welt gute Geschichtenerzähler braucht? Sage ich etwas über Musikalität? Sage ich etwas subjektives, was niemand sonst sagen kann, über meine eigenen Erfahrungen? Oder erschaffe ich eine Fantasie-Welt? Du musst dich entscheiden, was es wirklich ist, um das es bei dir gehen soll, und das geht nicht mit zu vielen Ablenkungen. Und in Berlin gibt es keine Ablenkung davon. Die gibt es einfach nicht.

Hier werden sich offensichtlich Gedanken gemacht: Ballet School sitzen nicht im WG-Zimmer zusammen, um die erstbeste Idee zu einem Song zu verwursten, sondern machen das, was Sinn macht. Und genau das hört man auch. Man fühlt sich fast an David Byrne erinnert, der in seinem Buch How Music Works zusammenfasst, wie er akribisch das ausgearbeitet hat, was später die Talking Heads werden sollten. Byrne ist dann natürlich auch eines der Vorbilder von Rosie, die im Gespräch sagt, dass sie den ganzen Tag über Talking Heads hören könnte. Aber wer könnte das auch nicht.

Ballet School machen alles selbst, haben ihr Debütalbum "The Dew Lasts An Hour" mit nur drei Tagen Studiozeit weitgehend in Eigenregie zusammengebastelt, und auch der Aufbau der Band an sich war kein Zufall:

Eine Band, das ist eine Stimme, eine Gitarre ein Bass und ein Schlagzeug. Normalerweise vier Leute, normalerweise vier Kerle. Und meine Frage war: Wie kann ich erreichen, dass dieses Model, das ich schon immer für seine Einfachheit geliebt habe – ich liebe es wirklich – jetzt und für mich funktioniert. Denn wenn man das schon macht, dann will man auch die Musik machen, die man selbst hören möchte!

Zunächst mal dachten wir uns, dass man das Schlagzeug updaten könnte. Weil Touren heute so teuer ist, vor allem wenn man mit dem eigenen Equipment unterwegs ist, wollten wir einen Weg finden, das Schlagzeug so weit wie möglich einzuschrumpfen. Wir wollten Drum Machines benutzen, wir wollten ein elektronisches Drum Kit. Und das haben wir dann gemacht. […]

Und dann ging es um den Bassisten: Okay, wir würden keinen Bassisten haben. Denn mit vier Leuten zu touren ist teurer als mit dreien. Es geht immer um die Finanzen! Außerdem habe ich auch so eine Sache mit Dreier-Kombos, schon mein ganzes Leben: Nirvana waren zu dritt, die Sugarbabes auch [lacht]! Drei ist die magische Zahl! Außerdem fühlen wir uns immer sehr komplett, wenn wir zu dritt spielen. Wir müssen da niemanden sonst herein holen, denn die Dynamik funktioniert sehr gut für uns. Also macht Louis beides. Großartig!

Michel ist unser Gitarrist, er stammt aus Brasilien. Sein ganzer Vibe ist davon inspiriert, das ist so ungewöhnlich für einen Gitarristen! Mit seiner ganzen Geschichte ist er die merkwürdige Pflanze in unserem Garten. […] Dazu kommt sein eigener einzigartiger Sinn für Harmonien, was auch damit zusammenhängt, dass er auch japanischer Herkunft ist. Und das ist verdammt noch mal einzigartig. Er liebt es, diese Walls of Sound zu bauen, Schicht auf Schicht diese speziellen Harmonien. Ich kann das dann zusammen basteln und die Melodien und Strukturen finden, um diesen massiven Sound in Pop-Songs zu bekommen.

Und ich singe … Mein ganzes Leben lang wollte ich schon singen. Aber ich war in meiner Jugend nie in härteren Bands, weil ich nicht schreien kann. Ich bin einfach kein Schreihals. […] Wenn man ein elektronisches Drum Kit hat, und dann diesen Typen, der gut mit seiner Gitarre umgehen kann und dabei Hall einsetzt, dann kann man da drüber singen. Ästhetisch ist es in der Balance. Und ich kann eigentlich gar nicht fassen, dass wir das geschafft haben.

Ballet School haben es offensichtlich verstanden, aus finanziellen Nöten Vorteile herauszuschlagen. Das ist heute natürlich auch ziemlich wichtig. Denn nur, wenn man das auf dem Schirm hat, kann man an den Dingen arbeiten, die die wichtigsten sein sollten. Rosie sagt, um was es ihr geht:

Die Haupt-Priorität an diesem Album war, was die Songstruktur angeht, genau auf den Punkt zu kommen. Es ging darum, die Riffs so catchy und die Melodien so wunderschön zu schreiben, wie es menschenmöglich war.

Das geht offensichtlich auch, wenn man sparen muss.

(Foto: Bella Union)