Denkt man an Beirut, kommt einem sicherlich zu aller erst die mondäne Haupstadt des Libanons in den Sinn. Das Paris des Nahen Ostens, wie die Stadt oft genannt wird, ist kultureller Schmelztigel und politischer Brennpunkt zugleich. Hier gibt es einerseits den größten Büchermarkt der arabischen Welt, aber auch ein Netzwerk an urbanen Unterschlüpfen der radikal-islamischen Hisbollah. Als der junge Amerikaner Zach Condon sein Solo-Projekt Beirut nennt, hat er genau diese Idee von Kollision und Verschmelzen für seine Musik vor Augen.

Zach Condon wächst an der Küste von Virginia auf, wo er als Junge für sein Leben gerne mit den Fischerbooten aufs Meer hinaus fährt um die unendliche Weite des Ozeans zu spüren. Die Familie zieht nach New Mexico um, als Zach 15 Jahre alt ist. Frustriert über den “Einschluss” im Landesinneren, wie er es nennt, zieht er sich in sein Zimmer zurück und beginnt mit einem einfach Synthesizer Musik zu machen. Unter verschiedenen Namen nimmt der Junge innerhalb kurzer Zeit fünf Alben in seinem auf.

Mit gerade mal 16 Jahren, verlässt er die High School, um auf eigene Faust durch Europa zu reisen. Sein Weg führt ihn von Berlin aus immer weiter in Richtung Südosten über den Balkan. Hier kommt er mit Balkan Gypsy-Band in Kontakt die ihn entscheidend prägen sollte. Voll gesogen mit Eindrücken und Emotionen dieser Europa-Reise, kehrt Zach in sein Zimmer in Santa Fe zurück und beginnt mit den Arbeiten für das erste Album “Gulag Orkestar”. Für diese Aufnahmen öffnete, der sonst so eigenbrödlerisch veranlagte, Condon seine Zimmertür und ließ Freunde mit musizieren. Über eine Bekanntschaft mit Jeremy Barnes (Ex-Neutral Milk Hotel) bekam Beirut ein Platten-Vertrag beim New Jersey-Label Da Ba Bing angeboten. Gelockt vom urbanen Leben zieht es Zach nach New York und die Aufnahmen zu “Gulag Orkestar” werden im Big Apple vollendet. Das Album erscheint 2006 und sorgt für einigen Wirbel. Beirut begeistern durch ihre rohe Kreativität und ehrliche Emotinalität der Musik. Durch den starken Gypsy-Einschlag stecken viele das Band-Projekt, das mittlerweile auf ein knappes Dutzend Mitglieder angewachsen ist, in die Balkan-Folk Schublade.

Das diese Kategorie aber zu klein ist, beweist Beirut mit “The Flying Club Cup”. Das zweite Album der Band erscheint 2007 und zu den starken Balkan-Einflüssen gesellt sich eine gehörige Portion französischer Chanson. Das kommt nicht von Ungefähr, denn erneut verarbeitet Zach Condon hier die Erlebnisse seiner musikalischen Reise durch Frankreich. Der Hype um Beirut wächst und um den vorzeitigen Internet-Leak des Albums entwickelt sich eine kleine Medien-Fehde die für viel kostenlose Publicity sorgt.

Im April 2008 sagt Zach Condon die komplette Europa-Tour der Band ab. Man wolle Zeit gewinnen und die Dinge überdenken, heißt es in der Begründung. Beiruts MySpace-Seite vermeldet im Mai des selben Jahres, dass Zach zuletzt im Süden Frankreichs gesichtet wurde. Wahrscheinlich wie er sich von einem alten Straßen-Musikanten bei einer Flasche Rotwein, neue traurige Melodien auf einem exotischen Instrument beibringen lässt.

Beirut sind:
Zach Condon (Gesang, Gitarre, Akkordeon, Keyboard, Saxophon, Klarinette, Mandoline, Ukulele, Horn, Glockenspiel & Percussion)
Jeremy Barnes – Akkordeon & Percussion
Heather Trost – Violine
Perrin Cloutier – Cello
Nicholas Petree – Schlagzeug
Jason Poranski – Gitarre & Mandoline
Paul Collins – Bass
Jon Natchez – Ukulele, Saxophon, Klarinette
Kristin Ferebee – Violine
Tracy Pratt – Euphonium

Sebastian Koch