In Zeiten, in denen entweder nervige und nach asiatischen Herbergen benannte Lausebengel den guten Namen des Rock vergewaltigen; wenn Studentencombos der Meinung sind, die unerträgliche Einöde ihres tristen Alltags in ebensolche Songs verpacken und damit die bereits von genug Elend geplagte hiesige Bevölkerung heimsuchen zu müssen, richtet sich das Allsehende Auge des Rock’n’Roll dieser Tage nach: Bramsche, Niedersachsen. Das ist die Heimat von Boozed, die nicht nur mit überragenden Livequalitäten, sondern auch mit ihrem programmatisch ‘Tight Pants’ betitelten Album allen Skeptikern gehörig beweisen, dass auch in Deutschland ordentlich dreckig gerockt werden kann.

Und wie so viele Erfolgsgeschichten beginnt auch die von Boozed zunächst mit leidenschaftlicher Idolpflege, in diesem Falle AC/DC. Zumindest für Sänger Markus. “Unser jetziger Schlagzeuger ist damals sitzengeblieben und in meiner Klasse gelandet. Ich wusste, dass er die Band überhaupt nicht geil findet, habe ihm aber immer wieder vorgeschlagen, eine AC/DC-Coverband zu gründen. Irgendwann hat er dann ja gesagt und wir haben uns Leute gesucht, die da mitmachen. Bei den ersten Proben kannten wir uns alle noch gar nicht so richtig und haben dann einfach angefangen, AC/DC-Songs zu spielen. Das ging erst nicht so gut, weil ich nicht so geil singen konnte wie Bon Scott. Kann ich jetzt auch noch nicht, obwohl der Mann schon der geilste Sänger ist.”

Nun, verstecken muss Markus sein Organ dann aber auch nicht. Wäre ja auch schade um diese schön raue und erdige Stimme, die manchmal in ihrer Färbung an den genialen Gluecifer-Frontmann Biff Malibu gemahnt, übrigens Markus zweites großes Vorbild. Wie dem auch sei, die ‘Highway To Hell’-Retorten-Nummer hat sich dann schneller selbst überholt als gedacht. “Wir hatten dann nach ein paar Wochen schon unseren ersten Gig und mussten fix noch ein paar eigene Songs schreiben, weil das eben schneller ging, als die Covers einzuproben. Letztlich haben wir dann gar keine AC/DC-Stücke gespielt.” Zum Glück möchte man fast sagen, denn was Boozed an Eigenkompositionen auffahren, erfüllt locker internationale Qualitätsstandards. Erdiger, schwitzender, klassischer Rock, ohne große Schnörkel und Umschweife, ehrlich und direkt auf den Punkt. Und nach mehr als 250 Liveshows dürfte nunmehr auch das anfänglich noch lose Bandgefüge als äußert gefestigt und eingespielt gelten.

Markus weiß jedenfalls, worauf es live bei einer Band ankommt “Ich finde es geil, wenn sich eine Band natürlich gibt. Ich kann so aufgesetztes Rumgepose überhaupt nicht leiden. So wie im Power-Metal, wenn sich die Gitarristen auf eine bestimmte Art hinstellen und die Gitarren kreuzen. Das kann man halt cool bringen, aber auch sauätzend. Man muss sehen, dass das nicht durchgeplant ist, sondern die Leute spontan Bock drauf haben so, einen Move zu machen. Ansonsten sollt man nicht scheiße spielen und einfach natürlich sein.” Natürlich kennen auch Boozed als in Popularitätsbelangen bislang quasi noch unbeschriebenes Blatt, gerade im Bühnentest aufreibende Überzeugungsarbeit leisten zu müssen. Für Markus eine Herausforderung: “Wenn viele Leute da sind, die einen noch nicht kennen, und man merkt, dass man die auf seine Seite ziehen kann, dann gibt das einem schon den größten Antrieb. Oft haben wir auch die Erfahrung gemacht, dass die Leute gar nicht wissen, was sie erwartet und eigentlich auch gar nicht auf diesen Rock’n’Roll-Kram stehen, aber es dann trotzdem gut finden und voll mitgehen. Das ist auch eine Supersache. Deprimierend ist es nur wenn, nur drei Leute da sind, dann hat man ja eigentlich keinen Bock. Aber letztlich lacht man sich dann auch wieder darüber kaputt, weil diese Situation so lächerlich ist.”

Von derartigen Verhältnissen war bei dem Gig in Hamburg, wo Boozed für die Hellacopters eröffnen durften, allerdings keine Spur. Vielmehr haben unsere Bramsche-Boys es fertig gebracht, nahezu die komplette Markthalle mit ihrem energetischen Set in fieberhafte Entzückung zu versetzten, was nicht nur durch frenetische Jubelsbekundungen, sondern auch durch anschließende, mental mitgeschnittene Klo-Konversationen belegbar ist. Apropos Hellacopters, denn damit wären wir auch schon beim Stichwort Skandinavien. Während in nordischen Regionen gut durchgehangener, traditionsverpflichteter Rock’n’Roll quasi zur Allgemeinbildung gehört und auch von genügend eifrigen Schülern praktisch in die Tat umgesetzt wird, herrscht hierzulande ja in diesem Bereich gerade im Nachwuchs akuter Notstand. Warum nur? Markus hat da so eine Theorie: “Ich kann mir nur vorstellen, dass die Meisten hier eine falsche Auffassung von cooler Mucke haben. Viele denken, man müsste unbedingt was Neues machen, und das ist total verkrampft. Da kommen immer nur so komische Geschichten bei raus, die nicht echt klingen.” Boozed haben erfreulicherweise genau die richtige Auffassung von cool, zumindest was die Mucke betrifft. Ansonsten ist cool für diese Band in jeder anderen Hinsicht eine schamlose Untertreibung. Boozed sind heiß. Verdammt heiß. Das haben auch die Nachfolger zu ‘Tight Pants’, ‘Acid Blues’ (2007) und ‘One Mile’ (2009) bewiesen. Und trotz einiger Besetzungswechsel sind Boozed alias Markus, Michael (Gitarre), Nico (Gitarre), Tim (Bass) und Klaas (Drums) immer noch sehr aktiv auf den Bühnen der Republik.

Boozed sind:

Markus Strothmann (Gesang)
Klaas Ukena (Schlagzeug)
Michael Ponert (Gitarre)
Nico Choczko (Gitarre)
Tim Mischke (Bass)