Deine Lakaien sind eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Musiklandschaft. Ihre geschmackvoll und stilsicher zwischen Klassik, Folk, Techno, Rock, Industrial, Gothic, Wave und ambienten Soundscapes balancierende Musik folgt keinem aktuellen Trend und orientiert sich nicht an irgendwelchen kommerziellen Vorgaben.

Deine Lakaien Trotzdem feiern der charismatische Sänger Alexander Veljanov und der klassisch geschulte Komponist, Pianist und Schlagzeuger Ernst Horn mit ihrem Genre- und Kulturgrenzen trotzenden Konzept große Erfolge. Drei Jahre nach dem letzten Werk “White Lies” öffnet das Duo nun mit seinem achten Studioalbum “April Skies”, mit dem es seinen Einstand bei Capitol feiert, ein weiteres faszinierendes Kapitel seiner inzwischen fast 20 Jahre umspannenden Karriere, die einst mit einer Kleinanzeige (“Suche experimentierfreudigen Sänger”) in einer Stadtzeitung begann.

Verantwortlich für die Annonce war der musikalische Tausendsassa Ernst Horn, der in Freiburg und Hamburg klassische Musik studiert hatte und als Dirigent und Pianist in München arbeitete. Auf die Anzeige meldete sich Alexander Veljanov, der zum Film- und Theaterstudium in die Isarmetropole gekommen war. Beide entdeckten eine Geistes- und Wesensverwandtschaft sowie gemeinsame musikalische Vorlieben und gründeten 1985 Deine Lakaien. Den Namen borgten sie sich von einer Textzeile der Einstürzenden Neubauten.

Das erste Album erschien 1986 im Eigenvertrieb und entwickelte sich zunächst nur ganz langsam zum Geheimtipp in der Indieszene. Erst als das Duo, verstärkt durch zwei weitere Musiker, im Anschluss an das 1991 erschienene, zweite Album “Dark Star” seine Musik auch auf der Bühne präsentierte, avancierten Deine Lakaien zur Kultband. Nun füllten der Titelsong sowie “Reincarnation” und “Love Me To The End” die Tanzflächen der alternativen Clubs. Den Durchbruch beim großen Publikum markierte das dritte Album “Forest Enter Exit”, das 1993 den Sprung in die deutschen Albumcharts schaffte. Seitdem erreichten alle Studioalben – “Winter Fish Testosterone” (1996), “Kasmodiah” (1999) und “White Lies” (2002) – die Media Control Charts. Die letzten beiden platzierten sich in den Top 10.

In Zeiten, in denen eine musikalische Mode die nächste jagt und neue Bands kaum länger als ein paar Wochen im Rampenlicht stehen, wenn sie es überhaupt soweit bringen, wirkt eine langfristig arbeitende Gruppe wie Deine Lakaien wohltuend anachronistisch. Musik, die nicht für schnelles Drüberweghören gedacht ist und die aus verschiedenen Einflüssen etwas Neues schafft, braucht halt Zeit zum Reifen. Überdies beschäftigen sich die beiden Ausnahmemusiker auch mit diversen Nebenprojekten. Alexander Veljanov, der seit 1986 in Berlin lebt, veröffentlichte bislang zwei Soloalben, die ihn als Seelenverwandten schöngeistiger Melancholiker wie David Sylvian und Scott Walker auswiesen. Ernst Horn gründete mit Qntal und Helium Vola zwei Gruppen, die sich mit mittelalterlicher Musik auseinandersetzen. Außerdem komponiert er erfolgreich Musik für Theater und Hörspiel. Wenn Deine Lakaien also drei Jahre zwischen ihren Studioalben verstreichen lassen, ist das nichts Ungewöhnliches, wie Alexander Veljanov bestätigt: “Die lange Zeitspanne zwischen unseren Studioalben erklärt sich auch dadurch, dass wir nach jeder Veröffentlichung sehr viel live spielen. Beim letzten Album haben wir gleich mehrere Tourneen absolviert. Und wenn wir dann ein neues Album in Angriff nehmen, vergeht von den ersten Ideen bis zu den endgültigen Aufnahmen auch meist ein ganzes Jahr.”

Auch für ihr erstes EMI/Capitol-Album haben Alexander Velajanov und Ernst Horn wieder über Monate intensiv Songs und Texte geschrieben und mit Rhythmen und Sounds experimentiert. Während sie beim letzten Album nur vereinzelt mit Gastmusikern gearbeitet haben, entstand “April Skies” in enger Kooperation mit den Musikern der “White-Lies-Tour”, B. Deutung (Cello), Ivee Leon (Violine, Gesang), Sharifa (Violine, Gesang) und Robert Wilcocks (Gitarre, Keyboards). “Bereits auf der Tour gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den Musikern so positiv, dass wir mit ihnen unbedingt auch im Studio zusammenarbeiten wollten”, erzählt Alexander Veljanov. “Das letzte Album ‘White Lies’ war sehr introvertiert, eher so ein um sich blicken im Ruhezustand. “April Skies” ist lebendiger, bietet mehr Extreme, mehr Tempo und mehr Kraft. Musikalisch sind auch mehr Einflüsse zu entdecken. Die Gitarren sind dominanter als früher und der verstärkte Einsatz von Streichinstrumenten sowie die Backingvocals der Musikerinnen bringen neue Farben ins Spiel.”

Tatsächlich haben Deine Lakaien mit ihrem achten Studioalbum ihr bislang ambitioniertestes und abwechslungsreichstes Werk aufgenommen. Zwar bieten die zwölf neuen Songs all das, was die Band groß gemacht hat und ihren Anhängern vielfachen romantischen Trost bescherte: Veljanovs dunkel-sinnlicher Gesang, Horns Gespür für hymnische Melodien und überdurchschnittlich phantasievolle Beats sowie die unverkennbare bitter-süße Atmosphäre. Aber das ist nicht alles: Hinzu kommt noch vielerlei Ungewohntes, etwa der bedrohlich verfremdete Violinenklang, mit dem die fesselnde erste Single “Over And Done” beginnt oder die gelungene Verknüpfung von Minimal-Music mit melodischem Elektropop bei “Secret Hideaway”.

“Midnight Sun” überschreitet mit wuchtigen Gitarrenriffs die Grenze zum Rock-Genre. “Heart Made To Be Mine” verstört mit dämonischen Maschinenklängen und das von peitschenden Beats angetriebene “Through The Hall” sowie die glamourös verführerische Elektro-Dance-Nummer “When You Lose” stehen frühen Club-Klassikern wie “Dark Star” in nichts nach. Gleichwohl üben sich Deine Lakaien auf “April Skies” auch in akustischer Zurückhaltung. Die Breitwand-Ode über die Macht der Zeit “Slowly Comes My Night”, das französisch intonierte klassische Liebeslied “Vivre” und der intensive Albumausklang “Dialectic” sind ergreifend schöne Songs, die einmal mehr ein wesentliches Merkmal der Lakaien dokumentieren: Melancholie als lebensbejahendes Element oder, wie sie Alexander Veljanov definiert: “Melancholie ist die gesunde Schwester der Depression.”

Deine Lakaien ist mit dieser Songsammlung ein Audio-Trip par excellence gelungen – mal dunkel und beklemmend, mal andächtig und stimmungsvoll, mal vital und mitreißend und dabei immer unverwechselbar. Jeder Titel besticht durch dynamische Wendungen und detailreiche Arrangements mit kunstvoll übereinander geschichteten Instrumenten. Wenn man nach einer Metapher sucht, dann ist “April Skies” wie ein Fluss voller Mäander, Untiefen, Stromschnellen, friedlichen Abschnitten und imposanten Wasserfällen, in denen sich das Licht bricht. Einmal gefangen, lässt einen diese Musik nicht mehr los. Kein Zweifel: Deine Lakaien haben mit “April Skies” die eigene Messlatte mal wieder ein gutes Stück höher gelegt. Die vielen Fans der Gruppe werden begeistert sein und die Tournee im Frühjahr wird mit Sicherheit wieder ein Triumph.