Manchmal ist es schon kompliziert: Als Band musst du die Leute unterhalten. Im besten Fall vermittelst du auch noch eine Geschichte oder gar eine Meinung. Das alles zusammen nicht immer oder fast nie klappt ist bekannt. East Cameron Folkcore aus Austin, Texas, meistern auf ihrem neuen Album “Kingdom Of Fear” diesen Spagat mit ganz einfachen Mitteln: Ehrlichkeit. Sowohl die Musik, Folk mit E-Gitarre und Verstärken, sowie die Texte sind einfach zu 100% “real”, wie man heutzutage wohl sagen würde. Man nimmt ihnen alles ab. Andere würden das “credibility” nennen, ich nenne es einfach aufrichtig. Im Interview verriet uns Jesse Moore vor dem Konzert im Berliner Magnet Club, was ihm Angst macht, wie er Deutschland findet und wieso es so wichtig ist zu (hinter) Fragen.

 

In den letzten Monaten hab ihr eine Video Trilogie veröffentlicht, die die Geschichte des Albums erzählt. Wie wichtig war das für euch?

 
Die Videos waren nicht wirklich eine Beschreibung des Albums oder der Musik. Die ursprüngliche Idee war es, einen Film, basierend auf dem ganzen Album, zu drehen. Die Platte wäre dann sowohl der Soundtrack, als auch das Thema gewesen. Dann haben wir realisiert, dass wir weder das Geld noch die Zeit haben um so ein großes Projekt zu verwirklichen. Deshalb haben wir uns die ersten drei Songs rausgepickt, die auf der Platte als Mikrokosmos fungieren. Wir erfanden also eine komplett eigenständige Geschichte ohne aber die Thematik des Albums zu verlieren.

“Du stehst voll im Leben und im nächsten Augenblick bricht alles zusammen.”

 

Worum geht es in den Videos denn genau?

 
Wir wollten diesen amerikanischen Traum, der in westlichen Ländern immer mit dem kapitalistischen Traum gleichgesetzt wird, auflösen und ihn der Realität gegenüberstellen. In diesem Fall ging es eben um Vater und Tochter, die versuchen über die Runden zu kommen und dann in so einer Spirale stecken bleiben. Es ist einfach ein Beispiel, wie schnell das alles gehen kann. Du stehst voll im Leben und im nächsten Augenblick bricht alles zusammen. Im einen Moment lebst du in einem schicken Vorort und plötzlich schläfst du auf der Straße. Wenn du einmal da unten bist, dann steckst du da auch irgendwie fest.

 

Diese Trilogie handelt also genau davon?

 
Der erste Teil ist aus der Sicht eines Kindes. Wie sieht die Welt aus den Augen eines Kindes aus? Jeder erinnert sich so ein wenig daran, wie es als Kind war, durch die Welt zu laufen. In dem Alter versteht man ja noch nicht so wirklich, was um einen herum passiert. Meine Eltern ließen sich scheiden als ich jünger war. Ich erinnere mich nicht mehr an so viel, nur an einzelne Momente aber man erinnert sich an das Gefühl, an diese Verwirrung. Man versteht einfach nicht was da los ist. Alles passiert total schnell, gleichzeitig vergeht die Zeit aber extrem langsam. In Teil zwei wollten wir das alles aus der Sicht des Vaters erzählen. Wir erhöhen also die Geschwindigkeit, verändern die Farbigkeit und das Aussehen des Videos. Was muss der Vater durchmachen? Wie sieht er all das? Nach dem er mit seiner Tochter alleine ist, geht es erstmal darum einen Job zu finden. Er ist ab diesem Zeitpunkt der Einzige, der sich kümmert. Es ist einfach eine Art Krieg, jeden Tag – drängeln, abrackern, versuchen sein Kind zu ernähren. Trotzdem gibt es immer wieder diese Momente der Schönheit, Momente der Klarheit und des Vergnügens. Darum geht es dann im dritten Teil.

 

In wiefern kann man Amerika und Deutschland vergleichen? Sind beide Länder nicht total unterschiedlich?

 
Na klar, trotzdem hast du in beiden Ländern die gleichen Idealvorstellungen. Westdeutschland wurde ja auch von amerikanischen, demokratischen Einflüssen geprägt.

“Wenn du aus Deutschland nach Amerika kommst, dann bekommst du erstmal einen Hot Dog.”

 

Berlin ist vielleicht die amerikanischste Stadt in Deutschland. Nicht von der Architektur oder so, sondern vom Lebensstil.

 
Das ist ja auch das Schöne an Deutschland. Hier lässt man sich gerne von anderen Kulturen beeinflussen. In Amerika beeinflusst man eher die anderen Länder. Amerikaner halten an ihren eigenen Werten so starr fest, dass es ihnen egal ist, andere Kulturen und Einflüsse zu begrüßen und aufzunehmen. Wenn du aus Deutschland nach Amerika kommst, dann bekommst du erstmal einen Hot Dog. Niemand fragt sich, was du magst, was deine Kultur mitbringt. Amerikaner akzeptieren so etwas einfach seltener.

 

Es ist doch aber echt schön, dass sich aus Deutschland, und speziell Berlin, so eine offene Kultur entwickelt hat. Vor allem nach den Nazis und dem Fall der Berliner Mauer, ist das doch eine tolle Entwicklung.

 
Das ist unglaublich!

 

Gegenwärtig sind die Beziehungen zwischen Deutschland und Amerika ja doch recht angespannt. Was für ein Bild bekommt man in Amerika von den Deutschen?

 
Um ehrlich zu sein: Ich hatte eigentlich gar kein Bild von Deutschland. Ich konnte mir das gar nicht vorstellen. Für mich hat Deutschland nicht existiert bis ich das erste Mal hier war.

 

Wann war das?

 
Das erste Mal waren wir für die „For Sale“ – Tour hier. Im Herbst 2013. Das ist jetzt das dritte Mal, dass wir hier sind.

 

Wie war das, dein erstes Mal in Deutschland?

 
Es war das erste Mal, dass ich das Land verlassen konnte. Ich hatte nie das Geld und die Möglichkeiten. Das Einzige war vielleicht mal ein Ausflug nach Kanada als Kind. Nach Deutschland zu kommen, hat mir dann die Augen geöffnet. Es war unglaublich die Gemeinsamkeiten, aber eben auch die Unterschiede zu sehen. Man fing an sich mit Leuten über Politik zu unterhalten, lernte den jeweiligen Lebensstil kennen. Wir haben in Amerika das gleiche Gefälle zwischen Nord und Süd. Im Norden ist man progressiv, während man im Süden eher konservativ ist.

 

Was fasziniert dich an Berlin?

 
Die Geschichte, die hier in der Stadt steckt ist einfach unglaublich. Man geht hier über die Brücke und sieht dann einfach wo die Mauer stand. Man realisiert eben, dass man hier an einem sehr wichtigen Ort ist, einem Ort an dem der kalte Krieg stattfand. Diese Orte zu sehen war für mich sehr wichtig.

 

Wie seid ihr denn zu Grand Hotel Van Cleef gekommen?

 
Einer der Gründer des Grand Hotel, Reimer Bustorff, sah uns beim SXSW 2013. Er kam zufällig in die Bar, in der wir spielten, weil er auf’s Klo musste und ein Bier wollte. Da hörte er uns spielen. Danach kam er wohl noch zu ein paar anderen Shows und ein paar Wochen später hatten wir dann eben eine Mail im Postfach.

 

Das ist doch eine unglaubliche Geschichte, oder?

 
Man hört immer von solchen Geschichten auf dem SXSW. Es heißt ja, wenn man dort spielt wird man entdeckt. Wir spielten fünf Jahre dort und uns hat niemand entdeckt – bis zu dem Tag.

“Punk in Amerika ist tot, niemand hört mehr Punk.”

 

Ihr habt über die letzten Jahre auch eine recht enge Beziehung zum deutschen Publikum aufgebaut. Woher kommt diese?

 
Ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht. Unsere zweite Platte „For Sale“ war eigentlich gar keine so politische Platte. Wir hatten natürlich einen politischen Unterton, auch das Cover war wohl ein wenig politisch. Songs wie „Robin Hoods Rise“ sind natürlich auch offensichtlich gegen das kapitalistische System. In Amerika hat man damit einfach das Problem, dass es dort niemand hören will. Die Leute scheuen sich davor Politik mit Musik zu vermischen. Punk in Amerika ist tot, niemand hört mehr Punk. Jeder hört Hip-Hop, Popmusik oder Indie Rock. Keiner in diesen Genres redet über die Welt in der wir leben. Es geht um eine künstliche Welt und ihre letzte Beziehung und so einen Mist.

 

Wie ist das in Deutschland?

 
Als wir hier rüber gekommen sind, haben wir festgestellt, dass jeder darüber reden will. Jeder will über Politik sprechen, jeder will wissen, wo unsere Songs herkommen. Hier in Deutschland war das wirklich willkommen. Dazu kommen unsere Shows, bei denen wir immer alles geben und eben auch versuchen dem Publikum etwas zu bieten. Bei vielen unserer ersten Shows standen Leute im Publikum, die unsere Texte mitsingen konnten. Es gab auch Shows, bei denen die Leute nur rumstehen und klatschen. Danach weiß man immer nicht so recht woran es lag. Nach dem Konzert kamen dann die Leute zu uns an den Merch-Stand und sagten wie toll das Konzert war.

 

Das ist schon auch typisch für deutsches Publikum. Die einen flippen total aus und die anderen stehen da, nicken mit dem Kopf und klatschen.

 
Ganz genau! Trotzdem haben sie irgendwie die selben Beziehungen zur Band, sie zeigen das nur anders.

 

Wie du schon sagtest: Im Norden hast du ein anderes Publikum als im Süden.

 
Das haben wir schon mitbekommen. In Bayern hast du eher ein ruhigeres Publikum. Gestern Abend spielten  wir in Husum, einem total kleinem Dorf. Der Club, Speicher, ist aber unglaublich gut.

 

Viele Bands spielen deshalb ja auch gerne in Husum.

 
Das haben wir an den ganzen Plakaten schon gesehen.

 

Euer aktuelles Album heißt ja „Kingdom Of Fear“. Was macht ein „Kingdom Of Fear“ für dich aus?

 
Ich glaube, der größte Teil ist einfach die Angst. Die Presse, Pollitik und verschiedene Unternehmen verkaufen sich oder ihr Produkt dadurch, dass sie einfach Angst schüren. Angst vor Dingen, die es gar nicht gibt. In Amerika können wir uns nicht mal offen über den Klimawandel unterhalten, obwohl der Ort, in dem wir leben, gerade überflutet ist. Viele der Menschen die in unserer Gegend oder generell in Amerika leben, glauben nicht daran, dass es wirklich einen Wandel gibt. Es ist einfach dieser Irrglaube, der den Leuten Angst macht.

“Es gab einfach nur Angst, Angst und noch mal Angst.”

 

Woher stammt der Titel des Albums „Kingdom Of Fear“?

 
Der Titel kommt von Hunter S. Thompsons Buch, das er nach dem 11. September schrieb, zu einer Zeit, in der es extrem unheimlich war in den Staaten zu leben. Es gab viel Verwirrung und solche Dinge. Es gab dieses Ideal unter dem Busch-Regime „Loose Lips – Sink Ships“. Wenn du dem Regime nicht glaubst und dich dagegen äußerst, bist du der Feind – du bist sofort der Feind. Es gab jeden Tag Sicherheitsanweisungen im TV – die Alarmstufen für den jeweiligen Tag. Es wurde einfach versucht, dir jeden Tag auf’s neue Angst zu machen. Es gab Tage an dem erzählt wurde, dass Anthrax in der Luft wäre und man mit Klebeband die Fenster abkleben soll. Es gab einfach nur Angst, Angst und noch mal Angst. Es wurde einfach angenommen, dass die Leute mit der Freiheit zufrieden sein werden, die man ihnen gewährt. Man hat die Bevölkerung in die Unterwerfung geängstigt. Das ist ein „Kingdom Of Fear“ für mich.

 

Was resultiert für dich daraus?

 
Wir leben in einer egozentrischen Gesellschaft, die sich sehr schnell bewegt. In einer Gesellschaft, in der es für jede Krankheit eine Pille gibt, trotzdem gibt es keinen echten Blick darauf, was mit uns und unserer Welt falsch läuft. Wir leben in einer von Angst getriebenen Gesellschaft. Irgendwann im Leben gibt es diesen Zeitpunkt an dem man entweder diese eine Sache findet, die einem hilft die Angst zu lindern, oder man lässt sich eben vorschreiben, wie man zu leben hat: Man geht zur Schule, macht eine Ausbildung, zieht in einen Vorort, gründet eine Familie und verabschiedet sich vom Leben. In der Unabhängigkeitserklärung gibt es einen Satz „The pursuit of happiness“ („Das Streben nach Glück“).  Jeder hat das Recht nach Glück zu streben. Niemand bekommt Glück, du musst es wollen, du musst es dir nehmen. Wenn du ein Rad an einer Maschine sein willst, dann tu das – es ist dein Recht. Wenn du dich von all der Angst befreien willst, dann tu es! Diese Angst ist nicht echt, sie ist nur künstlich herbeigeführt um jeden einzelnen zu unterdrücken.

 

Deshalb funktioniert euer Album nicht nur in Amerika, sondern auch in Deutschland. Diese Ängste gibt es einfach überall.

 
So war es ja auch gedacht. Als wir nach der ersten Tour hier in Deutschland wieder zurückkamen, fingen wir direkt an am neuen Album zu schreiben. Eben genau deshalb. Was hier passiert, passiert überall.

 

Ist Folk denn der beste Weg solch eine Meinung unters Volk zu bringen?

 
Es war nicht so geplant. Wir waren auf unserer ersten Platte noch viel mehr eine Folk Band als wir es heute sind. Wir haben ja nicht angefangen Musik zu machen, um über Politik zu reden. Als wir damals unser erstes Album geschrieben haben, wollten wir eigentlich nur einem Freund, einem Gründungsmitglied der Band, der verstarb, Ehre erweisen. Als wir dann am zweiten Album arbeiteten war Politik einfach überall, deshalb ging es gar nicht anders. Als ich Aufwuchs waren meine Vorbilder Woody Guthrie, Bob Dylan und Bruce Springsteen. Typen die Folk dazu nutzten um über soziale Veränderungen zu sprechen. Natürlich gibt es auch noch andere Wege, über Politik in der Musik zu sprechen. Die Hardcore-Szene in New York in den 80er Jahren machte ja genau das selbe, aber eben mit Hardcore. Du kannst es auch mit Pop-Musik machen, wenn die Pop-Prinzessinnen endlich mal ihren Kopf aus dem eigenen Arsch ziehen würden und die Welt so sehen würden, wie wir es tun.

 

Wer East Cameron Folkcore noch live sehen will, hat hier noch eine Chance
am 02. Juni in Dresden, Groove Station
am 03. Juni in Leipzig, Werk 2
am 04. Juni in Erlangen, E-Werk
am. 07. Juni in München, Ampere
am 16. Juni in Köln, Underground
am 17. Juni in Trier, Ex-Haus
am 18. Juni in Wiesbaden, Schlachthof