Das Tonträger-Lager des Independent-Riesen PIAS wurde Opfer der London Riots. Das Entsetzen war groß – die Folgen sind überschaubar.

Burning down the house – as seen on BBC. 

„Ich hab gelesen, das Sony/PIAS Gebäude ist abgebrannt. Ich bin wahrscheinlich der einzige Mensch, der das lustig findet.“ Alan McGee ist so etwas wie das Enfant Terrible der britischen Musikszene, allerdings einer, der als Gründer von Creation Records und Entdecker von Jesus & Mary Chain, Primal Scream und vor allem Oasis, immer noch als Meinungs-Schwergewicht gilt. Und als einer, der um ein paar drastische Worte gegen das ihm inzwischen verhasste System der Musikindustrie nie verlegen ist. Zum Beispiel Anfang September bei der Musikkonferenz Big Sound im australischen Brisbane. Später legte er noch nach: „Ich hasse Sony. … Eine Menge shit music ist verbrannt, ich finde das großartig.“

„At the end of the day I couldn’t give a fuck. … And if you don’t like it go fuck yourself!“ – Alan McGee zu Musicfeeds. 

Es fand sogar in den wilden Tagen der London Riots im August besondere Beachtung: Zu den scheinbar willkürlich niedergebrannten Gebäuden gehörte auch eine riesige Lagerhalle, die dem Vertrieb des Musikkonzerns Sony gehörte. Gelagert wurde dort allerdings auch der Großteil der Tonträger des Vertriebs PIAS. Die in Belgien ansässige und weltweit agierende Firma zählt zu den Giganten im Independent-Bereich. Über 100 unabhängige Labels werden von PIAS in die Plattenläden gestellt. Dabei sind neben vielen weniger bekannten Kleinlabels solch renommierte und derzeit überaus rege Größen wie 4AD, Beggars Banquet, Domino, Ninja Tune, Sub Pop oder Warp. Deren mehr oder weniger kompletter europäischer Backstock – über drei Millionen CDs sollen es sein – wurde eingeäschert. Es war ein böser Treppenwitz der tief im allgemeinen Pop-Bewusstsein eingegrabenen britischen Independent-Kultur, dass den in ihrer Geschichte oft beschworenen „Riots“ nun auch die zum Opfer fielen, die sich eigentlich als ihr Sprachrohr begriffen hatten – zumindest in Zeiten, als gerade britische Bands noch ganz vorn dabei waren, wenn es um Gegenkultur und Krawall ging, gegen staatliche Repression und Zukunftslosigkeit. (Dass die alten Fronten nicht mehr gelten – und dass man das Schicksal auch trefflich provozieren kann –, dürfte allerdings auch dem Letzten aufgefallen sein, als bizarrerweise ausgerechnet die Londoner Olympia-Werbespots für 2012 mit Textzeilen wie „A nuclear error, but I have no fear / London is drowning and I live by the river“ untermalt werden sollten, mit dem Clash-Song „London Calling“ nämlich.)

Schon ein wenig länger eher so harmloses Gemeingut: „London Calling“ mit Allstar-Besetzung bei den Grammys 2003. 

Öffentlich lustig fand das jedoch wirklich nur Alan McGee, der auch gleich erklärte, warum er die weltweit geäußerte Bestürzung nicht nachvollziehen mochte: Es wäre sowieso alles versichert und die Labels würden sogar noch einen guten Schnitt machen, da sie zwischenzeitlich gleich ihre Download-Verkäufe pushen könnten, während die CDs eh nicht zu verkaufen gewesen wären. Die zwischenzeitlich von der Zeitung Telegraph ins Spiel gebrachte Theorie von einem Raubüberfall, dem das anschließend gelegte Feuer nur zur Tarnung diente, wurde schnell wieder fallen gelassen. Denn hochwertige Waren gab es nicht im Lagerhaus – und wer mit genügend klarem Verstand, um derlei durchzuziehen, würde heutzutage schon Tonnen von CDs und DVDs klauen, deren Wiederverkaufswert nur wenig über null liegt? Das ist auch der entscheidende Knackpunkt in den derzeit laufenden Verhandlungen mit der Versicherung. Denn ihre Schadensbemessung richtet sich nicht nach den Idealvorstellungen der Geschädigten, die gern den Ladenpreis für ihre Ware geltend machen würden. Es ist die bekannte Strategie der Musikindustrie, um zum Beispiel auch die behaupteten Schäden durch illegale Downloads mit beeindruckenden Summen aufzuwerten, was im realen Business natürlich nicht funktioniert. Da spielen Herstellungs- und Lagerkosten sowie Materialwert eine Rolle, vielleicht ergänzt durch eventuell auftretende kurzfristige Umsatzeinbußen. So sieht das immerhin auch PIAS-Manager Edwin Shroter, der damit McGees Anwürfe zurückwies.

Der tatsächlich irreparable Schaden ist denn auch weniger materieller Natur. Nichtsdestotrotz sind gerade kleine, schlechter abgesicherte Labels derzeit im Begriff, sich zu neuen Verbünden zusammenzuschließen, die gemeinsam auch einen größeren Schicksalsschlag wegzustecken vermögen. Faktisch jedenfalls gab es ein paar verspätete populäre Veröffentlichungen – die aktuelle MogwaiEP, das neue Roots Manuva-Album oder eine Arctic Monkeys-Single – und einige Songs oder Alben werden nicht – wie sonst Usus – auf Vinyl erhältlich sein. Wirkliche Auswirkungen auf den deutschen Markt hat das sowieso nicht, weder Vertrieb noch Plattenläden wurden ernsthaft beeinträchtigt – genau genommen interessierte es eigentlich kaum einen Plattenladenbesitzer wirklich. Jemanden zu finden, der irgendeine Platte nicht kaufen konnte, weil sie in London verbrannt wurde, ist praktisch unmöglich. Schwerer ins Gewicht fällt, dass etliche der gelagerten „physischen Tonträger“ schlicht und einfach nicht mehr nachgepresst werden. Kein Problem ist die schnelle Nachlieferung aktuell umsatzerzeugender Platten durch die hocheffizient arbeitenden Presswerke. Aber eine Neuauflage von Restbeständen lohnt sich oft nicht. Prominentestes Beispiel dafür ist die Ankündigung von Warp – immerhin das vielleicht wichtigste konstant arbeitende Independent-Label der letzten zwanzig Jahre, zumindest im elektronischen Bereich –, etliche Klassiker-Veröffentlichungen nicht mehr physisch herzustellen. Die sind dann nur noch als Download verfügbar. Das indes ist ein Liebhaberproblem, eine Randnotiz in der Business-Bilanz – allerdings eine, die an die Nieren der Independent-Kultur geht. Und ein weiterer Baustein im Triumphbogen des digitalen Zeitalters.

Augsburg