Ihr erstes, kaum bekanntes Soloalbum „Monarch“ veröffentlichte Leslie Feist 1999 noch in ihrer kanadischen Heimat, doch wirklich los ging ihre Karriere erst, als sie ihren Mitbewohnern Peaches und Gonzales nach Europa folgte. Nach zwei Alben mit der Broken Social Scene und einem Umzug nach Paris erschien 2004 das preisgekrönte Solowerk„Let It Die“. Nun erscheint endlich der großartige Nachfolger „The Reminder“, Feists bisher überraschendstes und bestes Album, zu dem wir sie im Januar zum Interview trafen.

Empfindest Du das neue Album eher als Weiterentwicklung oder als Neuanfang?
Wenn ich ehrlich bin, ist „The Reminder“ noch zu nah an mir dran, als das ich es schon objektiv betrachten könnte. Ich habe bis vor kurzem noch daran gearbeitet, deswegen fällt es mir schwer, schon wirklich darüber zu urteilen. Aber soweit ich das sagen kann, ist es für mich eine Fortsetzung des Gesamtbildes. Vielleicht nicht unbedingt der logische nächste Schritt nach „Let It Die“, aber doch die natürliche Entwicklung daraus und aus den darauf folgenden drei Jahren auf Tour.

Wie persönlich ist das Bild, das Deine Alben von Dir vermitteln? Hat man eine Ahnung davon, wer Leslie Feist wirklich ist, wenn man nur Deine Musik hört?

Vielleicht könnte man sagen, meine Musik ist so etwas wie der Bodensatz meiner Persönlichkeit. Obwohl, lieber nicht, denn Bodensatz ist ja eigentlich Müll, den man dann wegwirft. Auf jeden Fall wäre es eine Fehlinterpretation, wenn man meinen würde, die Alben seien die Gesamtsumme eines Musikers. Aber natürlich ist man als Künstler wie ein Schwamm, der alles aufsaugt, was er wahrnimmt, von Filmen über Begegnungen bis hin zu guten und schlechten Erfahrungen aller Art. Jeder hat eine andere Art, das dann wieder zu etwas Neuem zu verwerten – und natürlich steckt da auch ein persönlicher Anteil mit drin. Aber man kann Kultur auch als gigantische Recycling-Maschinerie verstehen.

Wie verarbeitest Du denn Deine Erlebnisse zu Song? Machst Du Dir permanent Notizen oder speicherst Du alles im Unterbewusstsein und kannst dann später im Studio die Kreativität abrufen?

Also im Studio schon mal nicht, denn das empfinde ich immer als beängstigend. Aber um auf die Frage einzugehen: Früher habe ich tatsächlich alles immer aufgeschrieben. Ich war wie so ein Schmetterlingsjäger und habe alles eingefangen und untersucht, was ich schön fand. In letzter Zeit ist das ein wenig entspannter geworden und ich vertraue mir selbst mehr. Mittlerweile suche ich eher nach einer Kommunikationsform mit mir selbst und taste mich dabei sehr langsam durch den Nebel, ohne etwas Konkretes erhaschen zu wollen. Deswegen kann ich übrigens auch nicht die Texte anderer Leute singen, nur ihre Melodien. Sprache ist für mich das Allerwichtigste und Persönlichste. Hätte ich die Geduld dazu, würde ich sicher Bücher schreiben und nicht Musik machen.

Wie läuft es ab, wenn Du mit Kollegen zusammenarbeitest?

Mit Gonzales habe ich dieses Mal nur „Limit To Your Love“ zusammengeschrieben. Da hatte ich mit ihm eine Wohnung in Berlin gemietet und wir saßen wirklich zusammen am Klavier und haben den Song gemeinsam geschrieben. Ich habe das auf meinem Laptop aufgenommen und als wir es später noch einmal anhörten, musste wirklich fast nichts mehr dran getan werden. Ich war selbst ganz überrascht, wie schnell und einfach wir diesen Song geschrieben hatten. Mit Mocky war es anders, der kam schon mit einem fast fertigen Song zu mir. Wir haben dann gemeinsam den Text zu Ende geschrieben und ich habe noch den Refrain hinzugefügt. Und bei „Brandy Alexander“ habe ich Ron Sexsmith den gesamten Text geschickt und er hat dann dazu die Melodien geschrieben – ohne dass wir uns dafür überhaupt getroffen hätten.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie eng Eure kanadische Clique mit Gonzales, Mocky und Peaches immer noch befreundet ist und auch zusammenarbeitet. Was ist da Euer Erfolgsrezept?

Es war sicherlich hilfreich, dass wir alle schon sehr eng befreundet waren, bevor wir wirklich etwas mit dem Musikgeschäft zu tun hatten. Natürlich haben wir auch in Kanada damals schon Musik gemacht, aber eigentlich hatten wir alle noch „richtige“ Jobs. Ich war Barfrau und Köchin in einem Restaurant, Peach war Lehrerin. Und ich erinnere mich nicht einmal mehr, was Mocky machte… Dann sind wir gemeinsam nach Europa gekommen, und zu sehen, wie sich bei jedem nach und nach der Erfolg einstellte, war einfach nur die reine Freude. Außerdem gehen wir sehr unterschiedliche Wege, keiner macht exakt das gleiche wie ein anderer. Dadurch gab es nie das Gefühl von Konkurrenz, sondern wir konnten uns immer aus vollstem Herzen unterstützen.

Du hast auch mit so spannenden Leuten wie Jane Birkin oder den Kings of Convenience gearbeitet. Wie kommt so etwas zustande? Hast Du eine Art Wunschliste und sprichst die Künstler nach und nach an?

Nein, überhaupt nicht. Es ergibt sich eigentlich eher zufällig, etwa weil Gonzales mit Jane Birkin zusammenarbeitete und wir dadurch ein paar Mal zusammen aus waren. Aber ich schreibe meine Songs eigentlich sehr zurückgezogen und alleine, und außer Mocky und Gonzo fällt es mir ziemlich schwer, jemand anderen an dieser Arbeit teilhaben zu lassen. Deswegen würde mich eine solche Liste irgendwie eher einschüchtern. Wenn sich so etwas allerdings ganz ungeplant mit den richtigen Leuten ergibt, dann freut mich das natürlich sehr. Ich bin mir zum Beispiel ganz sicher, dass ich irgendwann mal ein Album zusammen mit Kevin Drew von Broken Social Scene aufnehmen werde.

Ganz am Anfang hast Du die vergangenen drei Jahre auf Tour erwähnt, nun steht natürlich die nächste an. Bist Du gerne on the road?

Ach, das schwankt. Manchmal macht es wirklich viel Spaß, vor allem hier in Europa. Man wacht jeden Morgen in einer anderen wunderschönen Stadt auf. Aber in Amerika genieße ich es tatsächlich nicht so sehr, denn da sieht jede Stadt wie die nächste aus. Das schlaucht mitunter sehr. Aber natürlich hängt auch ganz viel davon ab, mit wem man unterwegs ist, welche Band noch mit dabei ist. Viele schalten nach Jahren des Tourens irgendwie auf Autopilot und zählen nur noch die Tage bis zu ihrer Rückkehr. Das macht natürlich keinen Spaß, denn ich möchte natürlich jeden Auftritt frisch und wirklich live angehen. Doch selbst ich konnte mich nicht völlig dagegen wehren, dass sich am Ende nach 32 Monaten eine gewisse Routine eingeschlichen hatte. Dieses Mal werde ich das kürzer halten!

Text: Patrick Heidmann