Reggae ist der Sound Jamaikas, vermutlich benannt nach dem Stück ’Do The Reggay’, das Ende der Sechzigerjahre von Toots & The Maytals veröffentlicht wurde. Wichtiger als der Ursprung des Namens ist allerdings der charakteristische Musikstil, der aus einer eigenständigen Mischung von Rhythm’n’Blues, Ska und Rocksteady entstand. Lange Zeit war Reggae eine selbstständige Szene mit eigenen Codes und sogar der eigenen Sprache namens Patois, einer auf dem Englischen basierenden jamaikanischen Umgangssprache. Dort als Außenstehender Fuß zu fassen, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren, ist nicht ganz so leicht. Doch der Kölner Tilmann Otto, besser bekannt als Gentleman, hat es geschafft!

Das erste Mal reiste er mit 17 Jahren nach Jamaika. Eine Erfahrung, die sein Leben nachhaltig verändert hat. „Was ich nie vergessen werde, ist der eine Morgen, an dem vor meiner Hütte 20 Leute standen und den ’white man inside’ sehen wollten.“ Nach und nach lernte er die jamaikanische Kultur kennen und exportierte die neu gewonnenen Erkenntnisse aus erster Hand nach Deutschland. Mitte der Neunzigerjahre tourte er einerseits als Deejay, wie der Sänger beim Reggae genannt wird, mit verschiedenen Soundsystems wie Seven Star oder Silly Walks durch die Clubs, nahm anderseits aber auch schon Songs für diverse Compilations und Singles auf. Der große Durchbruch gelang ihm schließlich 1998, als er für die gemeinsame Single ’Tabula Rasa’ von Mellowbag und Freundeskreis den Refrain sang. Freundeskreis erkannten das große Potenzial von Gentleman und integrierten ihn als festen Bestandteil ihrer Live-Shows in die FK Allstars.

Ein Jahr später war die Zeit reif für das erste eigene Album. ’Trodin On’ wurde über ’Four Music/Sony’ veröffentlicht, nachdem die Single ’Heat Of The Night’ mit Hilfe von Mighty Tolga und dem jamaikanischen Produzenten Richie Stephens bereits einen beachtlichen Club-Erfolg hinter sich hatte. Zwar verließ sich Gentleman damals noch stark auf seine deutschen Kollegen wie Fader Gladiator von Die Firma, Meli von Skills En Masse, Silly Walks oder die FK Allstars Max Herre, Sékou, Afrob, Tommy Wittinger und Brooke Russell, konnte aber auch schon Reggae-Legenden wie Sly & Robbie, Anthony ’Red Roze’ Redrose und Jack Radics für sich gewinnen. Seine unverkennbare Stimme setzte hier wichtige Akzente, auch wenn er musikalisch noch nicht seinen eigenen Stil gefunden hatte. Das sollte ihm erst drei Jahre später mit der zweiten Scheibe ’Journay To Jah’ gelingen.

Der Erfolg gab ihm Recht, dass er dabei weniger auf die Kombination mit HipHop oder Dancehall und verstärkt auf Rootsreggae gesetzt hat – den Stil, der weniger von Rock und Disco als vielmehr musikalisch und inhaltlich von der geistlichen und politischen Philosophie der Rastafaris beeinflusst ist. Über 150.000 Exemplare gingen von ’Journey To Jah’ dank toller Singles wie ’Leave Us Alone’, ’Dem Gone’ und ’Runaway’ über die Tische der Plattenläden. Zur Belohnung für diese Leistung erhielt Gentleman bei der Echo-Verleihung einen der begehrtesten Musikpreise Deutschlands. Was allerdings kein Grund für ihn war, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen.

2003 veröffentlichte Gentleman erst die ’Runaway’-EP und anschließend das Live-Album ’The Cologne Sessions’, die auch auf einer DVD festgehalten wurden. Als Single wurde damals das Stück ’Rainy Days’ ausgekoppelt, auf der auch der Newcomer Martin Jondo und Gentlemans Freundin Tamika zu hören waren. Im Mai 2003 begann er außerdem die Arbeit an seiner dritten Studio-Platte ’Confidence’, die mit Hilfe von z.B. Barrington Levy, Cocoa Tea und Tony Rebel komplett auf Jamaika eingespielt und im Herbst 2004 veröffentlicht wurde. Mit der ersten offiziellen Single ’Superior’ daraus enterte Gentleman die Deutschen Reggae Charts direkt auf Platz 1. Die Erfolgsgeschichte von Deutschlands größtem Reggae-Star setzt sich also unbeirrt fort. Nebenbei wirkte er 2003 u.a. als Gast auf den (deutschen Versionen der) CDs ’Homegrown’ von UB 40 und ’True Love’ von Toots & The Maytals mit. So schließt sich der Kreis, denn welche größere Ehre kann es geben, als mit einem der Gründungsväter des Reggaes zusammenzuarbeiten!

Im folgenden Jahr versucht sich Gentleman erfolgreich als Labelinhaber. Er gründet die Bushhouse Records, auf dem zahlreiche Dancehall und Reggea Künstler ein neues Zuhause finden. Erste Veröffentlichung ist die Single „Lass Los“ von Mamadee. Gemeinsam treten beide beim Bundesvision Song Contest von Initiator Stefan Raab für sein Bundesland Nordrhein-Westfalen an.

Danach begann die Zeit der Leere. Tilmann Otto hatte noch so viel zu sagen, nur konnte er es nicht. Er war blockiert, er hatte das Ziel verloren. Das Ziel, Musik zu machen. „Aber keine Panik, denn „Das wird immer wieder passieren. Und wenn ich Zuhause bin, will ich dann die meiste Zeit mit den Kindern verbringen, und ich höre nicht viel Musik, merke aber immer nach ein paar Monaten, dass es mich wieder juckt.“ Zum Glück für ihn, zum Glück für uns alle. Denn so freut sich die Welt 2007 auf das neue Werk „Another Intensity“. Ein Album, das Erwartungen und Hoffnungen gleichsam erfüllt: Bläsersätze, Kritik an der Gesellschaft und Ausflüge in andere Genres. Wunderbar vielschichtig und unterhaltsam.

Text: Holger Köhler