Es war Oktober 2004, als in einer öden Londoner Vorstadt ein paar Frustrierte zu den Instrumenten griffen und auf eigene Faust den Zustandsbericht einer ganzen Generation aufnahmen. Das Ergebnis: Stars Of CCTV, die Band: HARD-FI. Nicht einmal drei Jahre danach haben Richard Archer und seine Jungs die britische und deutsche Alternative-Szene im Sturm genommen und gelten als eine der besten und originellsten der neuen britischen Gitarrenbands. Immerhin schafften sie sich neben einem ganzen Sack von hochkarätigen Auszeichnungen eine grandiose UK-No.1-Chartplatzierung heran (bei uns schraubte sich Stars of CCTV bis in die Top-20). Und jetzt ist es fertig, das zweite Album Once Upon A Time In The West. Der würdige Nachfolger für ein konkurrenzloses Durchbruchsalbum. 12 Songs vom Feinsten.

Wie schon Stars nahmen HARD-FI auch Once Upon A Time In The West in ihrem eigenen Cherry Lips-Studio auf, einem ausgedienten 24-Hours Mietwagenverleih an einer Industriestraße in Staines. „Wir hatten erst überlegt, es irgendwo anders aufzunehmen“, so erklärt Richard Archer, der das Album schrieb und in Zusammenarbeit mit Wolsey White produzierte. „Wir schauten uns in England um und stellten fest, dass überall alle anderen produzieren – wir wollten aber nicht so klingen wie alle anderen. Wir sind deshalb in Staines geblieben, obwohl wir dort am Anfang nicht einmal fließendes Wasser hatten. Aber wir konnten tun, was wir wollten. Wir haben das Album zwar in größeren Studios gemischt, aber in unserem natürlichen Lebensraum aufgenommen.“

„Das erste Album entstand in mehreren Schritten,“ fügt Richard hinzu. „Erst ein paar Songs, dann die EP, das Mini-Album und schließlich das Album. Jetzt hatten wir zum ersten Mal das Gefühl, wirklich ein ganzes Album aufzunehmen. Es gibt darauf zwar immer noch Elemente im Stile von CCTV, zum Beispiel die sozialen Themen, aber sie sind subtiler und schlüssiger in die Songs integriert. Insgesamt ist Once Upon A Time In The West etwas tiefer und dunkler geworden, und es hat einen weiteren Horizont. Das erste Album funktionierte so: anstellen, aufdrehen, spielen. Das neue Album hat mehr Luft zum atmen.“

Once Upon A Time In The West pulsiert daher mit den typischen Beats, die für CCTV so chrakteristisch waren, es gibt sich aber noch ein Stückchen schärfer und tighter. Die 12 Songs gehen mehr auf den Punkt, kommen schneller zur Sache und wirken enger miteinander verknüpft. Etwa die knackigen Beats auf I Shall Overcome und die Zerbrechlichkeit der Ballade Help Me Please, die den Tod Richards Mutter zum Thema hat. Der Song beginnt im Sound ungewohnt still und entfaltet sich dann in einer wunderbaren Refrainmelodie. Deutlich wird die Entwicklung im Songwriting zudem in einem Song wie Can’t Get Along, dessen Beat aus Archers Faszination für Motown-Sounds kein Geheimnis macht. Ungewöhnlich, und in seiner musikalischen Herkunft kaum zu bestimmen, überrascht auch I Close My Eyes. Tonight ist eine ebenfalls eher melancholische Pianonummer – „Es brauchte eine ganze Reihe von Inkarnationen, bis es zu dem wurde, was es jetzt ist. Es geht in dem Song um die Möglichkeiten der Nacht – Geschichte wird nachts gemacht!“ We Need Love stellt sich dagegen als Specials-geprägter Ska heraus, der zudem von Billy Braggs Roman „The Progressive Patriot“ inspiriert wurde.

Erste Single ist Suburban Knight, ein sofort ansprechender Track mit selbstbewussten Chören, die mitreißenden Charakter besitzen. „Suburban Knights ist unsere Antwort auf die wohlhabenden Londoner, die mehr Geld als Geschmack haben und sich ständig über die Vorstädte lustig machen,“ erklärt Archer. „Der Song ist unsere Fuck-Off-Retourkutsche, denn die meisten guten Ideen entstehen in den Vorstädten und werden in den Zentren dann gehypt. Der Song beschreibt einen Tag in unserem Leben hier draußen. Die ist unser Leben, also blickt nicht auf uns herunter.“

Einen Anlass, auf eine Band wie HARD-FI hinabzublicken, gibt es in der Tat überhaupt nicht. Immerhin setzten sie mit Stars of CCTV ein packendes Pop-Statement in die Landschaft, das neben der No.1-Albumplatzierung vier UK-Top-20-Singles mitbrachte, für den Mercury Prize und den Brit Award nominiert wurde und mit 1 Million verkauften Exemplaren in England mehrfach Platin eingefahren hat. Ihre Touren sind fast durchweg ausverkauft, und HARD-FI wurden die fünfte Band, die fünf Auftritte an fünf aufeinanderfolgenden Abenden an der Brixton Academy spielte – nach The Clash, The Prodigy, Massive Attack und Bob Dylan. HARD-FI sind – wie der NME feststellte, „die Band des Volkes“, geliebt von den Kids, den Musikfachidioten, den Hausfrauen, den Ravers und allen, die dazwischen liegen.

Und wie hat man den nahezu epischen Titel zu verstehen? „Er bringt eine gewisse Art Grandezza mit, das stimmt“ lächelt Archer. „Aber es geht dabei auch um die Tatsache, dass wir aus dem Westen Londons stammen. Dies sind die Geschichten aus unserer Heimat. Aber es sind Geschichten mit einer universellen Bedeutung. So wie das gesamte Album.“

Hard-Fi sind:
Richard Archer (vocals)
Ross Phillips (guitar)
Kai Stephens (bass)
Steven Kemp (drums)

© WMGG/tbe