Mario Puzo wusste, worüber er schrieb, er hat vieles davon selbst erlebt: Als Sohn italienischer Einwanderer lebte er in New York City in armen Verhältnissen. Seine Geburt fiel in das Jahr 1920, dem Start der Prohibition, einer wilden Zeit, als die Cosa Nostra begann, in den USA Fuß zu fassen. Der italo-amerikanische Schriftsteller landete 1965 einen ersten Bestseller mit dem Roman „Mamma Lucia“. Die Handlung spielt während der Depressionszeit in New York, in den Kreisen italienischer Einwanderer.

Doch am stärksten ins Gedächtnis der Menschheit hat sich Puzos zweiter Erfolgsroman gebrannt: Der Pate. Das Mafia-Epos wurde zur Vorlage für drei cineastische Welterfolge, die noch heute die Zuschauer in den Bann schlagen: Die Pate-Trilogie mit Al Pacino gehört zu den Meisterwerken der Filmkunst, und Kenner sagen, dass Puzos schriftstellerische Leistung sich nicht dahinter verstecken muss.  Die Intensität der Erzählung ist sowohl dem Buch als auch den Filmen zu eigen, und das liegt sicher nicht zuletzt an der Nähe, die der Autor zum Sujet seiner Erzählung empfand.

Nicht, dass Puzo selbst ein Mafio-Boss gewesen wäre, der sich in einem nervenaufreibenden Poker gegen rivalisierende Banden zum gefürchteten “Godfather” aufschwang. Nein, Puzo war “nur” tief mit den Hintergründen verwachsen, den sozialen Missständen, den falschen Träumen, aber auch der tiefen Verbundenheit seiner Landsleute in einem gefühlt feindlichen Milieu. Kultur und Zeitgeschichte prägen stets das künstlerische Werk, und mitunter mutet es an, als habe ein Schriftsteller selbst erlebt, was er seine Helden durchleiden lässt.

 

 

Von der Kultur zum Buch bis hin zum Film

Aus Büchern werden Filme, das ist der wohl gängigste Weg, wie sich künstlerische Werke in anderen Genres neu erschaffen. Beispiele gibt es en masse, angefangen von den zahlreichen Stephen-King-Verfilmungen über die weltberühmte Herr-der-Ringe-Trilogie bis hin zu Bram Stokers historischem Dracula. Der Film ist ein Medium, welches sich viel Zeit nehmen kann, um Geschichten zu erzählen. Er ist für die breite Masse leicht zugänglich; der Konsument muss nicht erst lesen lernen, um sich in eine Story zu vertiefen. Er braucht nichts weiter als Augen, Ohren und Gefühle, damit geht es auf die Reise in eine fremde Welt, durch gefährliche Abenteuer und unglückliche Liebschaften, bis hin zu glorreichen Siegen oder furchtbaren Niederlagen.

 

Von der Kultur zum Film zurück zur Kultur

Das filmische Werk greift historische oder aktuelle Kultur auf, um im Gegenzug wiederum die Kultur prägen: Das zeigt sich besonders bei großen gesellschaftlichen Themen, die es immer wieder bis auf die große Kinoleinwand schaffen. Ein Beispiel hierfür sind die zahlreichen Filme, die Spiele wie Poker und die gesamte Casinokultur der USA über die letzten Jahrzehnte portraitieren. Filme wie Rounders, Oceans 11 oder auch die Hangover-Reihe widmen sich dieser Thematik und werden dabei selbst zum Synonymen für die Szene. Viele Menschen denke heute zuerst an die genannten Blockbuster, sobald der Begriff “Poker” oder “Texas Hold’em” fällt.  Nicht selten werden solche fulminante Streifen dadurch auch zu Initiatoren, die Einzelne oder ganze Gruppen dazu bewegen, reale Pokerturniere oder entsprechende Veranstaltungen zu besuchen. Keinem Medium gelingt es auf dieselbe durchschlagende Weise, einen gesellschaftlichen Prozess anzustoßen.


Ein Klassiker im großen Kultur-Poker der Menschheit

Doch nicht nur relativ neue Themen erfreuen sich der kulturellen Erneuerung. Goethes Faust, ein klassisches Werk, das den meisten Zeitgenossen nur noch aus der Schulzeit einigermaßen bekannt ist, schaffte es im Laufe seiner Geschichte gleich auf mehrere Verfilmungen. Das Epos hatte schon zu Lebzeiten des Dichterfürsten enorme gesellschaftliche Auswirkungen. Dies lässt sich sogar in einem „Interview“ aus der damaligen Zeit herauslesen. In seinem Gespräch mit Eckermann im Jahr 1827 meinte Goethe: “Die Deutschen sind übrigens wunderliche Leute! Sie machen sich durch ihre tiefen Gedanken und Ideen, die sie überall suchen und überall hineinlegen, das Leben schwerer als billig.”

Trotz der nicht mehr zeitgenössischen Sprache und der im Werk enthaltenen überkommenden Tradition hat die Geschichte bis heute nichts an Aktualität eingebüßt: Der moderne Mensch will noch immer “mehr” von allem: Er jagt dem Geld, dem Wissen und den körperlichen Freuden hinterher, versucht dabei einem Poker Spiel gleich alles auf eine Karte zu setzen, im Bemühen, Tradition und Fesseln abzustreifen, vielleicht sogar seiner eigenen Natur zu entkommen.

 

 

Bühnenstück, Film und Rockoper: Faust macht Karriere

Die erste Verfilmung von Goethes Faust stammt aus dem Jahr 1926 in Stummfilmvariante. Zuletzt nahmen sich Ingo J. Biermann 2009 und Alexander Sokurov 2011 der historischen Thematik an. Davor und auch danach finden sich zahllose Bühnenaufführungen des mittlerweile fast 200 Jahre alten Meisterwerks. Die Faszination nimmt kein Ende, und niemand kann bemessen, wie sehr Goethe mit seinen Worten die Geschichte und einzelne Geschicke prägte – bis heute und auch in Zukunft. Rudolf Volz strickte aus Faust I sogar eine Rockoper, die 1997 ihre Uraufführung in Ulm feierte.

Das Bühnenwerk fand seine Fortsetzung in Faust II, denn auch Goethe selbst konnte es nicht bei einem einzigen Teil belassen. Zum gesprochenen Wort und der schauspielerischen Darstellung kam jetzt noch die Musik hinzu – und eine moderne Inszenierung, die das Publikum der Neuzeit mitriss. Die Thematik ist längst nicht tot, sie nimmt immer wieder neue Formen an.

 

Von der Gedichtsammlung zum weltberühmten Musical

Neben der Rockoper gehört auch das Musical zu den künstlerischen Ausdrucksformen der Moderne. Eines der Berühmtesten Werke dieses Genres ist ohne Zweifel Andrew Lloyd Webbers “Cats”, das seit vielen Jahrzehnten die Herzen kulturbeflissener Menschen in aller Welt bewegt. Der Komponist Webber beschäftigte sich im Jahr 1977 mit dem “Old Possum’s Book of Practical Cats”, einer Gedichtsammlung des englischsprachigen Lyrikers T.S. Eliot. Er begann, einzelne Gedichte zu vertonen, mit dem Ziel, eine TV-taugliche musikalische Anthologie zu erschaffen.

Auf einer Erstaufführung im Rahmen des Symonton-Festivals versorgte ihn Eliots Witwe mit weiteren, bis dato unveröffentlichten Werken ihres Mannes. Das Stück “Grizabella, the glamour cat” brachte Webber auf die Idee, eine stringente Handlung aus den einzelnen Puzzleteilen zu knüpfen. Ein Musical sollte entstehen, mit Grizabella als Hauptcharakter. Mittlerweile gibt es in der westlichen Hemisphäre wohl kaum noch jemanden, der nicht von “Cats” gehört hat. Das Musikstück verzauberte bereits Generationen, die Uraufführung fand 1980 statt, danach avancierte es Stück für Stück zum erfolgreichsten Musical aller Zeiten. Wer denkt noch an T.S. Eliot, wenn die Katzen mit gewaltiger Sangeskraft die Bühne erobern? Und doch ist es ihm zu verdanken, dass dieses zeitgeschichtlich herausragende Werk überhaupt im Musicalgeschäft Fuß fassen konnte.

 

Ein Tsunami der Cover-Songs

Und es geht weiter. Das Jahr 2020 hat es gezeigt und wird sicher auch damit in die Geschichte eingehen: Der Cover Song hat seinen festen Platz. Während das Kino und seine Geschichten wieder viele Menschen begeisterte und der Fokus mehr auf heimischer Unterhaltung lag, überlegte sich der Lead-Sänger der Punkrock-Band Green Day eine ganz spezielle Aktion: Billie-Joe Armstrong erfand den No Fun Monday, der natürlich jede Woche regelmäßig wiederkehrte, pünktlich zum Montag. Dann gab es für seine Fans jedes Mal einen neuen Coversong zu hören, der an die guten alten Zeiten erinnerte – nur auf dezidiert punkige Weise.

Die Veröffentlichung uralter, auf neu getrimmter Hits wie “I think we’re alone now”, “Manic Monday” und “Gimme some Truth” erfolgte über die bekannten Social-Media-Portale. Die Cover-Welle erregte derart viel Aufsehen, dass sie nun in der Veröffentlichung eines Albums mündet. Der Titel der Platte: „No Fun Mondays“. Wie ließe sich die Sehnsucht danach, dass alles endlich wieder wird wie früher, besser verkörpern als in einem solchen musikalischen Werk?

Schon jetzt lässt sich die No-Fun-Monday-Cover-Reihe als authentisches Zeitzeugnis ansehen, als einer von vielen Fingerabdrücken, die die Kultur auch noch im Jahr 2020 in der Menschheitsgeschichte hinterlässt.

 

Musik inspiriert Musik inspiriert Musik

Eines ist dabei klar: Einen Song zu covern ist absolut nichts Verwerfliches, denn aus einem eigenständigen Werk lässt sich durchaus ein weiteres eigenständiges Werk zaubern, inspiriert vom Vorgänger zwar, doch eindeutig geprägt vom individuellen Stil des “Nachahmers”. In jedem Bereich der Kultur, im Poker, in der Musik, im Film, in Musicals, und so weiter, ist es völlig normal, sich an dem früher dagewesenen zu orientieren und es zu interpretieren. Ansonsten gäbe es die Möglichkeiten der kulturellen Referenz gar nicht. Es gibt sogar zahlreiche Cover-Songs, die bekannter sind als das Original und von denen kaum jemand weiß, dass es sich überhaupt um gut gemachte Imitate handelt. Doch gerade, weil ein echtes Cover dem Original huldigt, macht es Sinn, sich mit der Geschichte einiger Welthits zu befassen. Der bekannteste Song des Country-Sängers Johnny Cash, „Hurt“, zählt zu den Musikstücken, deren Ursprung in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist. Das Lied stammt ursprünglich von Nine Inch Nails und mutet in der Originalversion bei weitem nicht so düster an wie die weit berühmte Neu-Interpretation.

Ein Cover-Song zeigt jedoch manchmal erst, wie komplex das Original sein kann. Er beleuchtet ein Lied von einer ganz anderen Seite, manchmal sogar mit einer solchen Intensität, dass die Ursprungsversion dagegen blass erscheint. In anderen Fällen ändert sich bei der Neu-Aufnahme die Zielgruppe, manchmal so krass, dass es fast wie ein musikalisches Wunder erscheint. Bob Dylans Song „All Along the Watchtower“ dient in diesem Sinne als perfektes Beispiel: Nur kurze Zeit nach dem Release kreierte Jimi Hendrix daraus ein psychedelisches Meisterwerk mit seinen unverkennbaren Gitarrensounds und einer beinahe verdoppelten Spielzeit. Wer könnte hier von einer bloßen Nachahmung sprechen?

Natürlich kann das Unterfangen auch nach hinten los gehen: Fans richten sich gegen ein misslungenes Cover oder die breite Masse lehnt die Interpretation ab. Diese Gefahr besteht allerdings in allen Bereichen der Kultur in denen Referenzen auf frühere Werke gemacht werden. Es gleicht einem Spiel von Texas Hold’em oder Omaha Hi-Lo – zwei beliebten Pokervarianten: Ein Künstler macht einen Einsatz, basierend auf dem was er selbst auf der Hand hat, dann kommen „Community“-Cards hinzu – das Feedback der Gemeinschaft. Hier zeigt sich dann, ob das Werk gut ankommt oder als unterlegen verkannt wird. In der Kunst bleibt der Interpretationsraum hingegen deutlich größer als im Poker. Sie ist nun einmal nach vielen Seiten offen und gerade deshalb endlos facettenreich.