“(Art)… rescues us from our self chosen triviality, to which we are so prone. It is like a deep organ note that makes my hair stir and a shiver run through me. I ’pull back’ from life, like a camera taking a long shot with a wide angle lens. I quite simply become aware of more reality than before.”
Colin Wilson (The Occult)


„Als ich dieses Zitat zum ersten Mal las, war ich wirklich beeindruckt. Mir schien, als habe jemand endlich ein Quäntchen der Wahrheit zum Thema Kreativität bzw. jenem Prozess in Worte gefasst, den er sowohl dem Schöpfer als auch Beobachter gestattet. Gewissheiten, denen ich bereits seit langer Zeit einen hohen Stellenwert beigemessen hatte, konnten sich dank dieser Worte noch tiefer in meinem Bewusstsein manifestieren. Und ich kam nicht umhin, darüber nachzusinnen, was wir als Band und Gruppe von Freunden, die zusammen kommen und durch eine Art symbiotisches Chaos Kunst und Klang erschaffen, da eigentlich tun. Die Dankbarkeit, die ich und meine Freunde dabei verspüren, übersteigt den Rahmen der Messbarkeit. Die Dankbarkeit für die Erfahrung an sich und die Dankbarkeit gegenüber den Menschen, die uns ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben, und sei es auch nur für dreieinhalb Minuten.

Mittlerweile sind wir (Incubus) bei unserem sechsten Album angelangt und schreiben nun schon so lange Musik zusammen, dass wir über ein Gefühl für Perspektive verfügen, das wir uns erst durch die Dauer unserer gemeinsamen Zeit aneignen konnten. Einige unserer früheren Arbeiten, so unbeschwert und lustig sie seinerzeit auch gewesen sein mögen, führten zu einem Gefühl der Orientierungslosigkeit. Ein offensichtlicher Mangel an Konzentration, meiner Meinung nach. Ich habe immer gesagt: „Ja, wir machen Mist… aber das verdammt gut!“ „Light Grenades“ stellt für Incubus nun eine völlig neue Sichtweise da. In neuerlicher Zusammenarbeit mit „Super Producer“ Brendan O’Brien verwendeten wir diesmal weit mehr Zeit darauf, die Songs zu erschaffen und zu formen als jemals zuvor in unserer Karriere. Jedes unserer Alben wurde innerhalb von acht Wochen geschrieben und innerhalb von acht Wochen aufgenommen.

Das ist eine lange Zeit, gemessen an manch anderen – aber alarmierend kurz, wenn man es mit den meisten Bands und Künstlern vergleicht. Nicht, dass wir uns gehetzt hätten, aber wir mögen es, schnell zu arbeiten. Wir schrieben etwas mehr als zwanzig Songs. Wie Lektoren auf Acid verschlangen wir die Stücke und ließen nur jene weiterleben, die uns begeisterten, überraschten und inspirierten! Alles in allem dauerte dieser Prozess ein ganzes Jahr.
Mit „Dig” hatten wir die meiste Mühe, erinnere ich mich. Es ist eine Art von Song, die für uns völlig neu ist. Strukturell, inhaltlich und ganz einfach grundlegend anders. Gottseidank. Textlich ist es eine Art Loblied auf die Kameradschaft. Und ohne die Interpretationen allzu sehr anzuheizen, handelt es von der Wichtigkeit von Vergebung und Mitleid. Jene kleinen, seltsamen Ideen, mit denen manche gelegentlich ihre Späße treiben. „A Kiss To Send Us Off“ zeigt Incubus in unserer ursprünglichsten Form. Es haut dich um, aber gleichzeitig bringt es dich zum Nachdenken. Aber im Ernst: Dieser Song ist, als wenn man meine Eier in einen Staubsauger steckt und auf zwölf stellt. Das tut manchmal weh, aber meine Eier bleiben befriedigt und sauber. Darüber solltest du mal nachdenken!

Einen ähnlichen Kick bietet der Song „Anna Molly”, der aber wesentliche feinsinniger ist. Er rockt und ruft die Vorstellung an ein Mädchen hervor, das ich vor meinem geistigen Auge sehen kann, die aber höchstwahrscheinlich nicht existiert. Und darum ist sie eine Anomalie. Ich denke, das kann man doch als einigermaßen sophisticated bezeichnen, oder? Verdammt. Ich hasse es wirklich, wenn ich versuche, zu erklären, was unsere Songs bedeuten! Und es ist wirklich nicht okay von mir, mich überhaupt dazu herabzulassen. Wenn du möchtest, lass die Songs handeln, wovon du willst. Unsere Single „Megalomaniac“ von unserem letzten Album „A Crow Loft Of The Murder“ wurde in Art und Weisen interpretiert, die ich ganz bestimmt nicht im Sinn hatte. Zwar nicht völlig abwegig, aber auch nie nah genug dran. Aber damit haben wir kein Problem. Gut! Denke über die Songs, was du willst. Und um Himmels Willen: Gründe deine eigene Band!

Als wir in den letzten zwei Jahren endlich mal wieder zu Hause waren, hatten wir zum ersten Mal seit fast einem Jahrzehnt wieder Gelegenheit, unsere Koffer komplett auszupacken. Ist es nicht erstaunlich, dass wir für so viele Menschen eine neue Band sind? Dabei machen wir seit fünfzehn Jahren zusammen Musik. Im November 2004 heimzukommen war eine sehr wichtige Entscheidung. Nicht nur, weil wir tourmüde und ausgebrannt waren, sondern weil jeder Einzelne von uns auf seine eigene Weise einen Schritt zurück machen musste, weg von dem Monster, dass wir erschaffen hatten und um all das, was sich verflüchtigt hatte, wieder aufzurufen.
Michael Einziger schrieb in seiner Auszeit Filmmusik für eine Surf-Dokumentation mit dem Titel „Flow“ (Regie: Josh Landon) und erhielt eine Nominierung beim „XDance Film Festival“ in der Rubrik „Best Score“. Ich pisste quasi an den gleichen Baum, indem ich meine Stimme derselben Dokumentation als Erzähler lieh. Und ja – ich klang verdammt sexy. Michael half der Band seines Bruders, Agent Sparks, bei der Produktion ihres Albums und schreibt z. Zt. einige Filmmusiken. Ich selbst arbeite wie ein Besessener am Nachfolger zu meinem selbst verlegten Buch mit dem Titel „White Fluffy Clouds“ und ich hoffe, dass sich das neue Ding im Dezember 2006 der allgemeinen Kritik stellen kann. „From the Murks of the Sultry Abyss” ist ein Kompendium von Bildern, sowohl realer als auch unwirklicher Natur; gezeichnet, fotografiert, gekratzt und geschrieben.

Jose Pasillas lebte seine Liebe zur Kunst in verschiedenen Medien aus, auf der Leinwand und am Computer und bei so ziemlich allem dazwischen. Und am Tage tollt er fröhlich über die Wiesen seiner Heimatstadt mit seinen beiden Kätzchen. (Voll hippy.) DJ Chris Kilmore verwendete die vergangenen Jahre darauf, seinen sowieso schon ausgezeichneten Ruf als Weltklasse-DJ noch zu verbessern und unserem Equipment-Arsenal einen ganzen Sack voll neuer Instrumente zuzuführen. Plattenspieler, das Theremin und Moog Keyboards hatten durch ihn ja bereits ihren Weg in unser Kollektiv gefunden, doch Guitar-o-phone, Mellotron, Fender Rhodes und Waschbecken waren eine wirklich willkommene Abwechslung! Danke, Kil. Ben Kennedy schrieb ein paar Songs, trat mit seinem Nebenprojekt The Division Group auf und produzierte das letzte Album einer jungen Band namens The Smyrk.

Neben all diesen Dingen gelang es uns trotzdem, ein Album zu konzipieren und umzusetzen, dass wir als unser bislang würdigstes erachten. Jedes Mal, wenn ich gefragt werde, welches unserer Alben ich persönlich bevorzuge, dann sage ich unausweichlich immer, dass ich das jeweils letzte am meisten mag. Aber dieses Mal meine ich das wirklich!

Ich denke, ich spreche für die Band, wenn ich sage, dass wir an Bewegung, am Experimentieren und an Freiheit interessiert sind. In dieser Band zu sein gab uns die Freiheit, in vielen verschieden künstlerischen Feldern zu betätigen. Wie mäandernde Flüsse bewegten wir uns in den vergangenen zwei Jahren voneinander weg – nur, um wieder unbewusst im Ozean zusammen zu kommen, wo alle Flüsse sich letztendlich vereinen. Um „Light Grenades“ zu komponieren, unser sechstes Studioalbum.
Was ich damit (irgendwie) sagen will, ist, dass uns die Kunst auf verschiedene Weise gerettet hat. Durch verschiedene Umstände, Glück, gute Vorsehung, ein winzig kleines bisschen Talent und ein Übermaß an Expressivität haben Incubus lange genug überlebt, um eine eigene Perspektive auf sich selbst zu werfen. „Wie eine Kamera, die eine lange Einstellung mit einer Weitwinkel-Linse macht“, haben wir „Light Grenades“ angelegt; eine 47 Minuten und ein paar Sekunden lange zwiebelhafte Masse Sound und Intention auf Tape. Licht-Granaten, die mit Bewusstsein, Licht, Kunst und Geist detonieren. Wenn es dir gefällt, vielen Dank. Wenn nicht? Dann ist mein Hund ein rachsüchtiger Franzose und hat dir bereits unter dein Kopfkissen gekackt.“



Brandon