Ingrid Michaelson will nicht länger Songs für TV-Serien abliefern, sondern als eigenständige Künstlerin akzeptiert werden. Ihr Debütalbum nennt sich “Boys And Girls” und soll ihr dabei helfen! Im persönlichen Gespräch erklärt sie ihre Strategie.

Obwohl du in den USA bereits ein Album im Eigenvertrieb veröffentlicht hast, kam der eigentliche Durchbruch erst viel später – mit der Serie “Grey’s Anantomy”!
Ingrid Michaelson: Das war mein Startschuss, denn zwei komplette Songs von mir wurden dort ausgestrahlt. Das Eigenartige daran war: Plötzlich hören 25 Millionen Menschen deine Musik und wissen trotzdem nicht, wer du eigentlich bist.

Finanziell dürfte sich die Sache indes gelohnt haben. Du hast mit “Cabin 24 Records” dein eigenes Label und somit die volle Kontrolle über deine Songs. Wie kam es dazu?
Für mich war schon immer klar, dass ich die künstlerische Verantwortung über meine Lieder nicht nur in ihrem Entstehungsprozess übernehmen, sondern auch beim Vertrieb steuern will. Ich nenne dir ein Beispiel: Es hätte ja durchaus sein können, dass ich gar kein Interesse an der Verwendung meiner Songs bei “Grey’s Anatomy” gehabt hätte – ein externes Label dies aber unbedingt möchte. Ich wäre in einer schwierigen Situation gewesen. So bin ich mein eigener Chef!

War es eigentlich sehr schwer, dein neues Album “Boys And Girls” nach dem TV-Erfolg der Songs “Corner Of Your Heart” und “Keep Breathing” aufzunehmen?
Wenn du damit auf den Druck anspielst, den beiden Singles gerecht werden zu müssen, dann lautet die Antwort ganz klar: Nein. Es wäre sowieso unmöglich gewesen, denn die Platte war fix und fertig als “Corner Of My Heart” das erste Mal bei “Grey’s Anatomy” lief. Daher war bin ich über den Zuspruch sehr froh. Es ist ja nicht so, dass dieses Lied auf Grund des düsteren Textes und der spartanischen Instrumentierung ein typischer Ohrwurm ist.

Etwas, dass viele deiner Songs auszeichnet: Sie suchen nicht unbedingt die Nähe zu Themen wie Liebe und Partnerschaft, sondern distanzieren sich gern davon…

…und dadurch entsteht wiederum die Nähe. (lacht) Das klingt paradox, aber genau das will ich mit “Boys And Girls” erreichen: Eine Position wählen, die weit genug vom eigentlichen Thema entfernt ist und sich deswegen gut zur Analyse eignet. Ich meine, niemand kann ernsthaft eine Situation reflektieren, wenn er mit beiden Ohren drinsteckt. Dazu braucht der Betrachter Raum und diesen suche ich – nichts anderes steckt dahinter!

Und jetzt: Welche Erwartungen hast du vom europäischen Publikum?
Ich habe keine genauen Vorstellungen, wie Europa auf mein Album “Boys And Girls” reagieren wird. Allerdings wäre es schon toll, wenn mir damit ein Überraschungserfolg gelingen könnte. Ich sollte mich aber erstmal glücklich schätzen, dass die ehemalige Kneipenmusikerin aus Staten Island ihre Musik endlich außerhalb des eigenen Wohnbezirks spielen darf! (lacht)

Marcus Willfroth