Jan Böhmenmann schwingt die Deutschkeule im Rammstein-Look. Wir glauben: Vor allem die Erinnerung an’s Original ist bitter nötig. Affirmation statt Deutschscham ist angesagt – und Rammstein hat das schon vor über 20 Jahren gewusst (legendär war zum Beispiel auch ihr Riefenstahl Video). Der obligatorischen Diskussionen über rechte Tendenzen muss sich Böhmermann mit seiner deutlich ironisierten Inszenierung natürlich nicht stellen, wir finden jedoch, die Wirkung des Ganzen ähnelt seinem Orginal. Böhmermann schlägt (besonders ästhetisch) in eine Kerbe, die Rammstein schon immer latent vertreten hat – er ergänzt sie jedoch dabei mit der nötigen textlichen Deutlichkeit. Aber warum Radikales mir Radikalem schlagen? Weil Affirmation ein bewährtes Heilmittel ist.

Pop fungierte historisch gesehen schon oft als Synthese und subversive Umschreibung von vorhandenen Kodizes. Und das wiederum ist auch in Bezug auf (deutsch-)historische Zeichensysteme bereits erlernt:

Wenn Iggy Pop oder Sid Vicious sich mit dem Hakenkreuz zeigten, deutete dies nicht etwa auf nationalsozialistisches Gedankengut hin, sondern auf eine spezifischen Gestus des Punks, der in einer destruktiven Geste Zeichen nimmt, sie zerlegt und diese wiederum in produktiver Geste verdreht und groteskisiert. Diesen Unterschied zwischen Spiel mit Nazi-Chic und ideologischer Motivation nimmt die breite Öffentlichkeit oder die Presse jedoch oft nicht wahr. Das Bild wird als Indiz für Inhalt genommen. John Clarke definiert den Stil von Sub- u. Jugendkulturen als „Neuordnung und Re-Kontextualisierung von Objekten, um neue Bedeutungen zu kommunizieren, und zwar innerhalb eines Gesamtsystems von Bedeutungen, das bereits […] sedimentierte, den gebrauchten Ob- jekten anhaftende Bedeutungen enthält“. sorry-aber-bhmermanns-be-deutsch-ist-unfassbar-peinlich-346-body-image-1459433262-size_1000

Man könnte Pädagogen oder Psychologen fragen, ob tatsächlich ein Laster oder eine Verführung am ehesten dadurch gemieden wird, daß man sie in kleineren oder größeren Dosierungen auch selbst erlitten oder genossen hat; ob also Überwindung tatsächlich durch mimetische Wiederholung erfolgen kann.

Man könnte die Strategie auch historisch überprüfen und fragen, wie denn in der Vergangenheit Glaubenssysteme überwunden wurden, und etwa feststellen, daß die Christen, um das Heidentum zu überwinden, deren Symbole aufgriffen und sich anverwandelten, oder daß die bürgerlichen Demokratien Elemente aus den feudalen Monarchien übernahmen, oder daß die Nationalsozialisten selbst sich Propaganda- und Massenregietechniken bei den Kommunisten ausliehen.

…man könnte sich aber auch einfach das Video anschauen, über den Text lachen und sich denken: Gut gemacht, Rammstein, gut aufgegriffen, Herr Böhmermann