Man stelle sich mal kurz vor, jemand hätte 1977 den Sex Pistols erzählt, dass 2018 ein Wissenschaftler sich daran machen würde, die Verbindung von Mode(-industrie) und Musik und ihre Synergieeffekte aus einer akademischen Perspektive heraus zu beleuchten. Was Sid Vicious dazu zu sagen gehabt hätte, dürfte wohl auch dem liberalsten Wortfilter zum Opfer fallen, aber wahrscheinlich hätten dazu die selbst angedengelten Nieten und Buttons seiner abgeranzten Lederjacke fröhlich im Takt gescheppert. Aber machen wir uns nichts vor, wir alle sind, was Mode anbelangt, ob bewusst oder unbewusst, tatsächlich mit unserem Musikgeschmack verkettet. Was gestern irgendein Künstler irgendwo getragen hat, davon darf man ausgehen, steht spätestens morgen in der Schlange vorm Club. Doch welche Wirkmechanismen stecken dahinter?

Kreativität ist Kreativität – egal, ob dabei Noten, Texte, Mode, Architektur oder Gemälde herauskommen. Kunst ist interdisziplinär.

Kunst & Kunst gesellt sich gern

Dein Wintermantel kann ruhig der nonkonformistische Beweis dafür sein, dass man nur zwei rechteckige Stoffstücke und ebenso viele Stofftunnel vernähen muss, um Mode zu kreieren. Fakt ist aber, auch Mode ist eine Kunstform, schon immer gewesen. Klar, das sieht man natürlich bei den großen Fashion-Shows am deutlichsten. Aber dabei muss klar sein, was da ein Kilian Kerner, eine Dorothee Schumacher und ihre Kolleginnen und Kollegen zeigen, ist oft nicht mal primär auf Tragbarkeit fixiert, sondern darum, verdammt große Kunst zu präsentieren – deren einzelne Merkmale zwischen Farbe und Schnitt dann im Nachgang zu wirklich tragbaren Stücken gemacht werden.

Und was ist ebenso Kunst? Exactly, unser geliebtes Lauschgift. Und Kreativität ist absolut interdisziplinär. Soll bedeuten, wer es schafft, genug Kreativität zu mobilisieren, um aus einzelnen Noten und Wörtern einen Song zu erschaffen, der tausende begeistert, der hat absolut auch das Zeug dazu, sich in anderen Kunstformen zu betätigen. Dazu muss man nicht mal Udo Lindenberg’s „Likörelle“ bemühen, bei denen der Panik-Rocker Aquarelle mithilfe bunter Liköre malt. Da reicht schon der Verweis auf Gwen Stefani, Rihanna oder The Godfather of Music-Fashion, Kanye West – die alle auch schwere modische Ambitionen haben.

Es ist einfach eine natürliche Verbindung, die auch umgekehrt bestens funktioniert: Etwa vergangenes Jahr hier bei uns in Berlin. Ausgangspunkt war ein italienisches Label mit finnischem Namen – Napapijri. Normalerweise eine feste Instanz in Sachen warmer Ski- und Streetwear-Kleidung und heute wegen stylischer Anoraks beliebt. Aber ebenso treibende Kraft dahinter, auf der 2017er Bread-and-Butter-Show die klassischen Vier Jahreszeiten von Vivaldi völlig neu interpretieren zu lassen – durch Raleigh Ritchie, Tokimonsta, Sharon Doorson und Jan Blomqvist, letzterer als Berliner Urgestein für die elektronische Umsetzung des „Winter“ zuständig.

Musiker waren schon Influencer, bevor es diesen Begriff gab. Und auch heute beeinflussen sie uns als Fans mehr als nur über die Musik.

Von der Straße auf die Bühne & retour

Natürlich: Gerade, wenn wir auf das Thema Popmusik, also Mainstream, blicken, dann ist klar, dass bei der musikalischen Modeconnection oft auch simpelstes Product-Placement dahintersteckt: „Hey, magst du nicht mal als Botschafter unserer neuen Streetwear-Linie fungieren? Kohle ist auch drin“. Und schon hat sich ein Modelabel ein ziemlich prominentes Gesicht an Land gezogen, das wesentlich mehr Leuten aus der angepeilten Zielgruppe ein Begriff ist als irgendwelche Profimodels, deren Namen nur ausgesprochenen Fashionistas etwas sagen.

Aber gerade im Streetstyle-Bereich ist die Sache auch weitaus(!) einfacher, ja geradezu menschlich. Nehmen wir mal einen JPEGMAFIA (für den wir übrigens eine Verlosung im Feuer haben) als gutes Beispiel. Egal wie krass/berühmt er als Musiker auch ist, er ist nur ein Mensch. Wenn ihm kalt ist, dann greift er im Laden oder Kleiderschrank zu etwas, von dem er weiß, dass es ihn warm hält und nach was aussieht – da gibt es meist keine zusätzlichen hochtrabenden künstlerischen Gedankengänge wie „welche Farbe/Schnitt-Kombi reflektiert meine Musik am besten?“. Das funktioniert genau wie bei uns zuhause.

Und da kommt abermals das in den Fokus, was schon im vorletzten Abschnitt angerissen wurde: Auch wenn wir als Normalsterbliche vielleicht aus dem Alter heraus sind, in dem wir die Looks von Prominenten eins-zu-eins kopieren, so sind wir doch nicht völlig vor ihrer Idolwirkung gefeit. Wer uns musikalisch begeistert, der übt auch in anderen Dingen einen gewissen Einfluss auf uns aus. Vielleicht würde das, was wir als Nonkonformisten an einer chartplatzierten Mega-Berühmtheit sehen, auf uns abschreckend wirken – würde aber ein von uns gehörter Underground-Musiker einen ähnlichen Look tragen, wären mit Sicherheit viele von uns wesentlich wohlwollender eingestellt. 

Zumal es für so viele eine Easy-Lösung ist: Nicht jeder hat Zeit und Muße, sich mithilfe von Blogs, Influencern und Magazinen dauernd am schnelllebigen Puls der Modezeit zu halten. Doch das muss er auch nicht: Es reicht schon, sich live oder auf YouTube Shows seine Lieblingsmusiker anzuschauen, sich bei uns in der Zeitlos-Kategorie Artikel über sie durchzulesen und man bekommt genau diese Modetipps ganz entspannt nebenher, indem man sich nur die Fotos und Videos anguckt. Vor allem das ist in der heutigen Zeit sehr stark, wenngleich wenig beachtet, für den großen modischen Einfluss von Musikern verantwortlich – ergänzt um eine Prise Instagram, die den Kontakt zum modischen Ich eines Musikers so direkt macht, als würde man mit demjenigen irgendwo an der Theke bei einer Molle sitzen und über Styles plaudern.