Wenn es knallt, bleibt erst mal keine Frage offen. Danach, wenn sich die Ohren einigermaßen erholt haben und die Augen immer noch leuchten, staunt man: Was war das? Lange Geschichte; ganz kurz: Es waren drei Brüder und ein Cousin aus Tennessee, die den Rock ‘n’ Roll an seiner lange verschütteten Wurzel packen und, sobald die kleinen roten Lampen an ihren Verstärkern leuchten, einen Orkan entfachen, wie man ihn seit vielen Jahren nicht mehr erlebt hat.

Ihre Musik kommt mit dem aus, womit guter Rock ‘n’ Roll schon 1965 auskam, womit auch die letzte Revolution auskam, die die USA erlebt haben, 1977 im CBGB’s. Sie brauchen weder elektronische Arsenale noch fünfundzwanzig Gitarrenspuren. Auf den ersten Blick wirken ihre Songs so primitiv wie ein Vulkanausbruch, aber das Wesentliche sind die Details: diese simplen, unwiderstehlichen, unvergesslichen Riffs, Melodien, Ohrwürmer, die dafür sorgen, dass man sich auch am nächsten Morgen noch dran erinnern kann. Nach Jahren. Noel Gallagher, der von so was eine Ahnung hat, sagt: “The Kings Of Leon are my new fucking favourite band.” Und jetzt holen wir doch weiter aus, denn diese Geschichte verdient es,
erzählt zu werden.

Caleb, Nathan und Jared sind Söhne von Leon Followill, Matthew ist sein Neffe. Seltsame Namen, klingen irgendwie so biblisch? Sind sie auch, denn Vater Leon, früher mal ein echter Hippie, war nach seiner Bekehrung als Wanderprediger der Pentecostal Church damit beschäftigt, in Wort und Tat den Heiligen Geist zu verbreiten. Für den Nachwuchs bedeutete das eine Kindheit auf Reisen: “Wir sind unterwegs groß geworden, auf den Straßen zwischen Oklahoma City, Memphis und wieder zurück”, sagt Caleb. “Jared und ich sind in Memphis geboren, Nathan und Matthew in Oklahoma.” Und Nathan erzählt: “Wir wohnten bei Verwandten und lebten aus dem Kofferraum. Vier von den vierzehn Jahren hatten wir ein Wohnmobil.

Von 1986 bis ’92 war unser Dad Pastor einer Kirche in Mumford, Tennessee. Das liegt 30 Minuten von Memphis, mitten auf dem Land in Tipton County, der härtesten Redneck-Gegend, die man sich nur vorstellen kann. Da hatten wir das erste Mal länger als ein Jahr dieselben Klassenkameraden, in einer kleinen Schule, mit 40 Kindern zwischen zwölfter Klasse und Kindergarten. Die restliche Zeit hatten wir Heimunterricht.” Der erstreckte sich nicht nur auf Lesen, Schreiben und Erdkunde: “Als ich sieben war”, sagt Nathan, “fing ich an, in der Kirche Schlagzeug zu spielen. Caleb sah mir dabei zu, und irgendwann spielte er dann auch.” Denn in der Pentecostal Church ist Musik ein wesentliches Element. So ähnlich, meint Caleb, wie in den schwarzen Kirchen in den Südstaaten: “Es ist dieselbe Art von Geist. Man zeigt seine tiefsten Gefühle. Das kommt dem Blues sehr nahe; die Leute sind nicht immer besonders gut auf ihren Instrumenten, aber wenn sich alle irgendwie finden, haut es dich echt um.”

Dabei lernten die Vier eine wesentliche Sache, die sich heute in ihrer eigenen Musik niederschlägt: sich in die Begeisterung hineinfallen und von ihr treiben zu lassen. “In der Kirche geht es nicht um Show”, beschreibt Nathan das Gefühl. “Man kommt sich beim Spielen so nahe, dass man nicht mehr daran denkt, man könnte einen Fehler machen. Das macht es jetzt als Band leichter für uns, weil wir keinen Gedanken daran verschwenden, dass wir irgendwie durcheinanderkommen. Schon damals in der Kirche hat das richtig gerockt: Fünfzehn-Minuten-Songs, und alle tanzten.” Es war, sagt Caleb, “unsere Art von Gospel.” Müssen wir noch
erwähnen, dass auch Aretha Franklin und Al Green ihre ersten musikalischen Gehversuche in der Pentecostal Church unternahmen?

Die Idylle endete abrupt: Als sich herausstellte, dass Vater Leon im Beisein von Gemeindemitgliedern des öfteren die Robe abgelegt, im Adamskostüm eine etwas andere Lehre gepredigt und wohl auch manchmal etwas tiefer ins Glas geschaut hatte, entzogen ihm die Kirchenoberen den geistlichen Ornat gleich ganz. Die Familie siedelte sich in Nashville an, und dort entdeckten nun auch die Sprösslinge die Freuden teuflischer Verführungen. “Zum ersten Mal”, sagt Nathan, “hatten wir die Möglichkeit, für uns selbst zu denken. Wir
zogen uns in eine Art Kokon zurück und probierten alle möglichen Sachen aus, von denen wir vorher nicht mal geahnt hatten, dass es sie da draußen gab. Natürlich hatten wir schon mal von Led Zeppelin, Tom Petty, den Rolling Stones gehört, aber nie eine Platte gekauft, uns hingesetzt und das Ding zehnmal hintereinander angehört. Als wir dann auf Sachen wie die White Stripes stießen, war ich total hin und weg. Wir dachten: Vielleicht können wir das auch, und vielleicht kriegen wir’s sogar cool hin.”
Der Älteste, Nathan (heute 23), setzte sich ans gewohnte Schlagzeug, Caleb (21) packte sich Mikro und Gitarre, unterstützt von Matthew (18), und nachdem seine Brüder ihm einen Bass gekauft hatten, konnte auch der kleine Jared (16) nicht mehr widerstehen. Die Musik kam von selbst, aus den
Erfahrungen in der Kirche, aus Gefühlen, Erlebnissen, aus dem, was die Vier in ihrem Crash-Kurs durch die Musikgeschichte aufgesogen hatten und was ihnen so vertraut erschien, als hätten sie nie was anderes gemacht.

Da Matthew und Jared zu jung waren, um in Bars zu dürfen, und Nashville sowieso kein gutes Pflaster für Non-Country-Live-Bands ist, machten die Kings Of Leon aus der Not eine Tugend, mieteten sich ein eigenes Haus, wo sie tagsüber probten und abends Freunde einluden, um ihnen die Ergebnisse vorzuspielen. Ein Ausflug nach England sorgte für erste Lektionen in Sachen Rock-‘n’-Roll-Lifestyle: “Die ersten paar Nächte”, erinnert sich Caleb, “saßen wir bloß da und glotzten und lachten. Es war wie ein Film: Leute schnupften Koks von Tischplatten, pissten und kotzten aus den Fenstern, schmissen sich Champagnerflaschen an den Kopf, wie in einem verdammten Circus. Manche Leute wirkten so verzweifelt, dass man es förmlich riechen
konnte.”

Die neue Erfahrung erweiterte den musikalischen Horizont der Band: die Songs wurden knapper, rasender, die Texte gefährlicher und düsterer. Zur Mythologie und Alltagswelt des US-Südens und eigenen Erfahrungen (etwa in “Talihina Sky” über ein kleines Dorf in Oklahoma, wo sich die ganze Familie einmal im Jahr versammelt) kamen Großstadtabenteuer hinzu, Geschichten von Transvestiten, Mördern und zerbrochenen Träumen.
Nun ging alles schnell: Kaum waren die ersten eigenen Songs fertig, hatte die Band auch schon einen Verlagsdeal in der Tasche; ein knappes Jahr später unterschrieben sie bei RCA in New York. Und gingen auf Tour und ließen sich mit Begeisterung förmlich überschütten. Die einheimische Presse verlieh ihnen den Ehrentitel “The Southern Strokes” – weil ihre Songs genauso kurz, prägnant und “Nuggets”-mäßig unterkandidelt aus den Boxen röhren wie die der New Yorker, wenn auch ein gesundes Stück erdiger und wilder. Andere verglichen sie mit MC 5, den Stooges, Velvet Underground, Neil Young, Led Zeppelin und Creedence Clearwater Revival (wobei auch die gerne erwähnte Gesichtsbehaarung der Followills eine Rolle spielen mag).

Völlig aus dem Häuschen geriet die britische Musikpresse, die nach all den synthetischen 80er-Revivalisten ein goldenes Licht urtümlicher Rock-Ekstase am Horizont erspähte. “Klarer Anwärter auf die Platte des Jahres”, jubelte der New Musical Express Ende April, als das Debütalbum noch gar nicht fertig war. Die Entstehung der Platte steht übrigens durchaus symbolisch für die Verbindung zwischen der Ursuppe der Seventies und der Gegenwart, die die Band verkörpert: Die ersten Aufnahmen entstanden im Shangri-La-Studio in Malibu, wo keine geringeren als The Band, Bob Dylan und Johnny Cash Klassiker der US-Gegenkultur schufen – wo aber auch ein Ryan Adams häufig gastiert. Fertiggestellt wurde die Platte dann in den Sound City Studios im kalifornischen Van Nuys (übrigens die Welthauptstadt der Porno-Industrie), wo Nirvana einst an ihrem Monument “Nevermind” meißelten.

Vor allem aber fand die Band dort einen Haufen Schlagzeugteile von Charlie Watts und eine Gitarre von Keith Richards (die ihnen dieser bereitwillig zur Verfügung stellte) – die dritte Telecaster, die überhaupt je gebaut wurde. So ist es kein Wunder, dass “Youth And Young Manhood” (benannt nach einer “Lebensbaum”-Graphik in der alten Prediger-Bibel von Papa Leon) klingt, als wären die frühen 70er nicht nur nie vergangen, sondern hätten gerade erst begonnen: Aus ihren ländlichen Wurzeln destillieren die Kings Of Leon eine klare, hochprozentige Essenz von Blues, Country und Garage-Punk, die sie dann mit Riffs, auf die Angus Young neidisch wäre, Sixties-Ekstase, der Treffsicherheit der Ramones und entzückend primitiven Here-&-Now-Melodien veredeln – manchmal möchte man beim Zuhören glauben, in ein Paralleluniversum geraten zu sein, wo The Velvet Underground aus einem Hinterwald-Dorf in Tennessee kommen.

Aber die Kings Of Leon sind keine Wiedergänger, keine Revivalisten, sondern pure Wahrheit. Was dem Pop mit den Strokes und dem Blues mit den White Stripes passiert ist, wird dem alten Dampfross-Country(-Rock) mit den Kings of Leon passieren – plötzlich sind die Klischees weggefegt wie von einem Sandsturm; plötzlich ist alles neu, aufregend und gefährlich. Mit lauter engen Verwandten in einer Band zu spielen, hat übrigens auch seine Vorteile, wie Nathan erzählt: “Manchmal lösen sich Bands aus den blödsinnigsten Gründen auf. Mit solchen Spannungen kommen wir besser zurecht. Wir prügeln uns, und am nächsten Tag stehen wir gemeinsam auf der Bühne.” Womit alle Befürchtungen in Sachen “Eintagsfliege” schon mal vom Tisch wären

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