“Ich wär soweit” heißt das aktuelle Album von Lalah. In einem ausführlichen motor.de-Interview schildert die Künstlerin vom Faxe-Trinken bis zur Inspiration durch den Geschirr-Spüler ihren Weg zum Solo-Debüt.

Letzte Woche erschien Dein Solo-Debüt, davor liegen Jahre der Gastauftritte. Womit hat Deine musikalische Laufbahn begonnen?

Lalah: Mit 15 hatte ich zweimal in der Woche Gesangsunterricht bei einem exzentrischen Operntenor. Wenig später suchte unsere Schulband eine Sängerin. Ich war in der Lage, ein Faxe-Bier ganz auszutrinken und danach zu proben. So wurde ich aufgenommen.


Neben der Musik, begleiten Dich weitere Talente. Wie hast Du das alles bisher miteinander verbunden und gibt es eine Hierarchie in Deinen künstlerischen Umtrieben?

Lalah: Die meisten Musiker müssen Musik spielen, die sie nicht spielen wollen, um sich leisten zu können, die Musik zu machen, die sie lieben. Als Gesangslehrerin bin ich zudem viel zu sprunghaft. Also habe ich als freie Fotografin, Grafik-Designerin und Autorin gearbeitet, um meine Musik zu finanzieren. Doch ich fing an, mich mit vier Berufen zu verzetteln, alles litt darunter, ich wurde in allem schlechter. Also nur noch ein bisschen Grafik und viel, viel Musik – das ist meine Leidenschaft. Auf alles andere kann ich verzichten, bin aber sehr froh darüber, dass ich die Talente mitbekommen habe. Ich brauche sie für Lalah, kann so autark sein und alles selbst machen. Kunst interessiert mich in allen Bereichen.



In Deiner Biographie ließt man von Dänemark-Urlauben – woher die Affinität für das Land?

Lalah: Ein Teil meiner Familie stammt aus Schweden. Alles Skandinavische zieht mich magisch an. Die Verbindung zum Wasser ist immer spürbar. Da ich in Hamburg lebe, liegt Dänemark am nächsten. Ich fahre ganz alleine hin, miete ein Ferienhaus mit Sauna und Kamin und baue mein kleines Studio im Wohnzimmer auf. Selbst Schlagzeug habe ich dort schon aufgenommen. Zum Telefonieren muss man oft auf eine Düne klettern, herrliche Ruhe. Einsamkeit ist ein toller Katalysator für mich.

Wie kam es zum jetzigen USA-Aufenthalt?

Lalah: Ich bin noch in Los Angeles, Venice Beach, in Laufnähe zum Strand, um mein neues Album hier zu schreiben und neue Musiker kennenzulernen. Wir sind vor einem Monat angekommen und werden ca. ein Jahr bleiben. Vorgestern war ich das erste Mal auf einer Jamsession im Baked Potatoe (ein Jazz-Club). Ich hatte Leadsheets dabei und wir spielten zwei meiner Songs. Kam gut an, das Publikum wollte meinen Namen wissen. Ich werde meine Bassistin vorübergehend aus Hamburg herlocken und eine Tour in der Gegend spielen. Wahrscheinlich auch in New York. Das habe ich vor ein paar Jahren schon mal gemacht. Wir waren von der Kulturbehörde zum CMJ-Festival nach New York eingeladen worden und ich wollte noch mehr spielen. Also habe ich vorher im Internet eine Tour zusammen gebucht und war als Lalah u.a. Special Guest beim Friday Night Slam im Nuyorican, dem größten farbigen Poetry-Club in den USA. Da will ich gerne noch mal hin! Es war großartig.

Zurück zur aktuellen Musik. Wie sah der Weg aus bis zu “Ich wär soweit”?


Vor Lalah habe ich Bands gespielt, hauptsächlich als Sängerin, aber auch als Schlagzeugerin in einer Punkband. Songs wurden im Übungsraum aus Ideen entwickelt, die verschiedene Leute mitbrachten. Das Ergebnis war oft ein Kompromiss, den ich nicht richtig mochte. Also war ich gezwungen, mir alle Instrumente, die ich brauchte sowie digitale Studiotechnik beizubringen. (…) Studio ist Arbeit, live ist Liebe. Dennoch genieße ich es mittlerweile auch meine eigenen Samples aufnehmen. Hölzer, Steine, Papier, knarzende Stühle, eine Kamintür in einem dänischen Ferienhaus. Im letzten Jahr, als ich das Album fertig stellte, kamen auf einmal lauter Menschen aus meinem Umfeld dazu. Johnny Liebling, auf deren Album ich auch gesungen habe, spielten zwei Songs live ein. Zuletzt hat Kim Kiesling mein Lalah-Release-EPK-Video geschnitten. Diese Jungs kennen mich richtig gut und sind extrem sensibel. Ich bin immer noch überrascht, wie gut die sich in mich hereinversetzen können und die Welt von Lalah erkennbar gemacht haben. Nils Kacirek, einer der Co-Produzenten, hat mir das Handwerkszeug gegeben, das mir noch gefehlt hat und die Augen für Stärken und Schwächen der Songs geöffnet. Durch seinen Kontakt kam es zur Zusammenarbeit mit Lars Deutrich, der bei fünf Songs Schlagzeug spielte. Chris v. Rautenkranz ist ein erstaunlicher Mensch und hat genau so gemischt und gemastert, wie ich es liebe. Auch dort keine Änderungen. Das ist selten und wunderbar.

Hast Du musikalische Vorbilder?

Lalah: Eigentlich nicht. Jeder muss die Musik machen, die zu ihm passt. Und die ist für jeden eine andere. Ich habe viel Billie Holiday gehört. Gute Performer wie z.B. Dave Grohl inspirieren mich. Immer wenn jemand bereit ist, alles zu geben, will ich dabei sein. Doug Michels’ (Ant Farm) Credo war: „Don’t imitate, innovate!“ Das ist mir wichtig. Aber ich lerne sehr gerne! Künstler-Biografien (auch Maler oder Schriftsteller, wie Haruki Murakami) beobachte ich und versuche, sie auf mein Leben zu übertragen. Was sind generelle Schwierigkeiten, Unvereinbarkeiten, wie geht man damit um? Was muss ich an meiner Persönlichkeit stärker honorieren? Wie kommt man schneller an seine innere Kraft und Kreativität heran?

Abschließend noch kurz zu Deinen Texten. Du singst vom “Nicht mehr Verliebt Sein” und “der See” – was inspiriert Dich zu den Texten? Wird Biographisches verarbeitet?

Lalah: Ich habe ein Notizbuch, das ich immer bei mir trage. In das notiere ich Beats, die ich auf Itunes, mit Freunden oder in Konzerten höre. Manchmal auch in Maschinen, wie dem Geschirrspüler. Dazu fällt mir meistens ein Basslauf und eine Zeile ein, aus der dann später der ganze Text entsteht. In gedankenlosen Situationen (Duschen, Autofahren) kommen reine Text-Themen, über die ich singen möchte. Das kann biographisch sein (z.B. Vergessen) oder eine Theorie, die ich als Geschichte verpacke (Mathematik) oder eine ganz und gar erfundene Sache (Große Stadt). Im Studio bastel ich den Song grob zusammen, stelle mich dann mit der Idee und dem Thema im Kopf hinter das Mikro und lasse laufen. So entsteht dann der Rest des Textes. Am Schluss gehe ich noch mal auf eine Düne oder in ein Café und feile an den Worten herum.



Interviewer: Kai-Uwe Weser