Sowas hat’s im Punk noch nicht gegeben. Eine echte Punkrock-Oper, durchdekliniert und konzipiert von drei Punk-Legenden aus der Bay-Area, namentlich Billie, Mike und Tré, auch bekannt als Green Day. Die drei Freunde und Familienväter haben sich zehn Jahre nach ihrem Durchbruch-Album ’Dookie’ zusammengehockt, sämtliche üblen Geister der eigenen, extrem erfolgreichen Vergangenheit verjagt und sind nun drauf und dran, mit ihrem aktuellen Konzept-Album ’American Idiot’ einen politisch brisanten Klassiker unter die Leute zu streuen. Das kann heiter werden.

Bekanntlich gibt es diverse Leute, die sind der Meinung, eine Wiederwahl von George W. Bush wäre so etwas wie einweltpolitischer Super-GAU. Nun, da mögen sie Recht haben. An vorderster Front kämpfen neben Super-Aktivist und Oberpunk Fat Mike von NOFX und dem Filmemacher Michael Moore auch Green Day um jede Wählerstimme, indem sie ihrem Konzeptalbum ’American Idiot’ einen politischen Anstrich verpassten, wenn auch einen nicht durchweg sarkastisch/agitatorischen. Denn Green Day wären nicht die extrem erfolgreichen Spaß-Punker, wenn sie in ihre Isolations- und Außenseiter-Hymnen nicht stets ein paar hoffnungsvolle Klänge anstimmen würden – wäre ja alles wie im Schwarzen Kanal sonst. Hoffnung klingt im Falle von ’American Idiot’ nicht nur extrem eingängig, sondern nach neunminütigen und in jeweils fünf Kapitel unterteilten ’Opern’, die weit mehr mit Punk, Rotz und Rock als mit Klassik am Hut haben. Dass Billie und seine Jungs bei der ein oder anderen ihrer Song-Eskapaden gefährlich deutlich bei Klassikern von Oasis oder Sir Johnny Cash abluchsten, ist in diesem Fall hübsch egal, denn selten klang Punkrock zielsicherer als hier. Die Protagonisten von Billie Joes Reise durch das ’Land Of The Free’ namens St. Jimmy, Watsername und Jesus Of Suburbia hitchhiken durch ihr eigenes Leben, sammeln Eindrücke und Erfahrungen per Reise vom Vorort in die Stadt und wieder zurück und stellen dabei fest, dass in Amerika allerhand falsch läuft. In dieses Konzept streut der extrem fit und jung aussehende Billie Joe noch einen Song namens ’Wake Me Up When September Ends’, einen Nachruf auf seinen Dad, ganz in der Tradition seiner Hit-Ballade ’Time Of Your Life’ vom Millionseller ’Nimrod’ (1997). Wichtig ist, dass diese neue Platte nicht nur einen weiteren Weckruf für ein lethargisches und unentschlossenes Amerika sein dürfte, sondern auch so etwas wie die Rettung für Green Day selbst. Denn erstens war das vorige Akustik-Album ’Warning’ der drei Familienväter so etwas wie (zwar erwarteter, aber dennoch schmerzender) kommerzieller Selbstmord, und außerdem hatten die drei Frühdreißiger auch untereinander ordentlich Probleme: “Ich kann mich noch an unsere ersten Songentwürfe für die neue Platte erinnern”, sagt ein beeindruckend gut gelaunter Billie beim Interview in Los Angeles, der Stadt, in der auch ’American Idiot’ entstand. “Die klangen so banal und uninspiriert, dass mir echt zum Kotzen zu Mute war. Wir mussten uns erst wieder zusammenraufen und einige Sachen ausdiskutieren, die sich im Laufe der vergangenen 15 Jahre als Band und 20 Jahren Freundschaft so angesammelt hatten: Unsere Art, miteinander umzugehen oder unsere Rollen innerhalb und außerhalb der Gruppe. Als wir das erledigt hatten, klappte es auch mit der Musik. Ich glaube, wir hatten noch nie so viel Spaß beim Aufnehmen einer Platte wie diesmal.” Da scheint es logisch, dass ’American Idiot’ wieder an Geschwindigkeit gewonnen hat. Vor allem die gleichnamige Single hat mehr Power als der Sportwagen von Tré Cool, während Stücke wie ’Boulevard Of Broken Dreams’ zum Verweilen und Nachdenken einladen. Ob Punk, Pop oder Rock – selten haben Green Day so auf den Punkt und so perfekt aufeinander eingespielt geklungen wie heute. Dass gegen diese Platte die Parallelveröffentlichungen der Green Day’schen Ziehsöhne Good Charlotte oder der Kanadier Sum 41 hochgradig verlieren, ist bemerkenswert. Fragt sich nur, was die (verbliebenen) Green Day-Fans von der neuen Scheibe halten, denn realistisch betrachtet gibt es einen Haufen Kids, die erstens mit Green Day nicht mehr viel anfangen können, und zweitens in einem Elternhaus aufwachsen, das republikanisch wählt. Kacke das: “Darauf können wir wirklich keine Rücksicht nehmen“, erklärt Bassist Mike Dirnt. “Heutzutage gibt es ungemein viele Bands, die versuchen, sich aus der Verantwortung zu stehlen und Angst davor haben, dass ihre eigene Karriere unter einer auch nach außen vertretenen politischen Ansicht leiden könnte. Wer heutzutage glaubt, in diesem Land läuft alles so wie es sollte, der tut mir leid. Ich denke, es ist wichtig, dass wir ganz klar Stellung beziehen, auch wenn dabei der ein oder andere Fan auf der Strecke bleibt. Das müssen wir in Kauf nehmen, so wie das Bono und Michael Stipe auch getan haben. Und es hat ihnen nicht geschadet. Im Gegenteil.” Kluger Mann.

Text: Florian Hayler