Es ist 1995. Unter dem Namen Kante gründet sich im Raum Hamburg eine Band unter Umständen, wie sie für viele Gruppen auslösender Moment waren. Sie sind Freunde, sie kommen aus der “gleichen klischeehaften Großstadt. Es hätte statt Musik auch Fußball sein können, Hauptsache wir konnten was zusammen machen”, erzählt Sänger und Gitarrist Peter Thiessen. Die musikalischen Interessen der Vier – neben Peter noch Sebastian Vogel (Schlagzeug), Thomas Leboeg (Elektronik-Tausendsassa) und Felix Müller (E-Gitarre) – liegen irgendwo zwischen klassischem Gitarren-Pop, elektronischer Musik, britischer Formate wie The Style Council und dem obligatorischen “Mehr”. Sie nehmen in der Folgezeit zwei Alben auf und 2001 wird ihr Jahr. Die Platte “Zweilicht” erscheint und wird ein über den Klee gelobtes Erfolgsalbum einer Band, die sich trotz mehrerer Nebentätigkeiten den Arsch abtourt und Freunde findet, wo immer ihr melodiöser, nicht leicht verdaulicher Gitarrensound hinfällt.

“Zweilicht”, das Konzeptalbum auf Textebene mit Blumfeld und Tocotronic, öffnete Türen, die mit ihrem neuen, gerade mal dritten Longplayer “Zombie” endgültig durchschritten werden wollen. Auch hier gibt es den einen roten Faden. “Es geht um das Zurechtfinden in der eigenen Welt, die dein Leben in Bahnen lenkt, welche man nie vorhersehen kann. Die Texte sind aber einfach gehalten. Was einen berührt, liegt sowieso in den simplen Zeilen und den Rest erledigt das Pathos der Stimme, wie man sie hört und die Musik dahinter. Bei den beiden Platten zuvor sind wir ins Studio gegangen und haben die Songs fertig gehabt, alles musste schnell gehen, weil wir noch in anderen Formationen spielten. Das war jetzt anders. Wir nahmen uns mehr Zeit und hatten erst einen Song fertig, in den unzähligen Monaten im Studio kamen dann viele neue Songs, kamen Streicher und Bläser… für unseren Kosmos war das zwar nicht neu, kostete aber mehr Kraft als sonst.” Wohl war, so stiegt während der Session Gründungsmitglied Andreas Krane völlig erschöpft aus und die Band stand kurz darauf vor ihrem Ende. Darauf angesprochen verziehen sich die Mundwinkel im Gesicht des Peter Thiessen und seine Denkpausen werden spürbar länger. “Es war der absolute Wahnsinn…” er stockt, schaut schüchtern zu seinen Kollegen rüber und spricht mit gedämpfter Stimme, “manchmal wollte ich alles hinschmeißen, reinhauen und ‚Auf Wiedersehen’ sagen. Doch diese perfide Idee mit ‚Zombie’ das zu vollenden, was wir mit ‚Zwischen den Orten’ 1997 begonnen hatten, hielt mich davon ab. Wenn ich das Album jetzt höre, denke ich, dass es das alles Wert war.”

Kante sind sich des Potentials ihres neuen Outputs sehr wohl bewusst und “Zombie” klingt trotz des kräftezehrenden Aufnahmeprozesses erstaunlich leicht, alles schwingt als natürliche Erweiterung ihres Soundkosmos mit. “Früher haben wir uns noch mehr über elektronische Standards und Gitarrenteppiche aus der Ecke Scritti Politti definiert und diese in einen neuen Kontext gestellt. Jetzt wollen wir nicht mehr, das Kante nur über die klassische Pop-Instrumental-Schiene daherkommt”, sagt Thiessen über eine Band, die bis vor einiger Zeit trotz langjährigem Bestehens, nie wirklich gewürdigt wurde. Dabei spielen Kante Musik für die ganz großen Gefühle und wissen dennoch um ihre Wurzeln. “Wir sind eine Hamburger Band, die eine Pop-Platte gemacht hat. Vor sechs Jahren war Pop für viele noch ein Schimpfwort. Vielleicht macht es ja das Alter, damit anders umgehen zu können. Ich will heute lieber so klingen wie die Go-Betweens, die ich auch schon mit 14 gut fand und wo man eben später herausfindet, dass dies zwar Pop ist, hinter dem aber mehr steckt.” Was gleichermaßen für Kante gilt. Pop ist unlängst in die Hamburger-Schule eingezogen. Keiner hat mehr Angst vor dem Wort mit den drei Buchstaben. Und ein wundervolles Album wie “Zombie” erst recht nicht.

Text: Marcus Willfroth
Fotos: Jeanne Faust