One Cup Of Sorrow

Zuerst ist da diese Stimme. Sie kommt unheilschwanger aus der Tiefe des Raumes gekrochen und gräbt sich in Mark und Bein. Es ist eine tiefe, rauchige Stimme. Sie klingt zwar warm und leicht, aber dennoch so gequält traurig, dass es einen Schaudern lässt. Man fühlt sich berührt und auf irritierende Weise sogar schuldig. Diese Stimme ist die beste weiße Bluesstimme unserer Tage. Es ist die Stimme von Mark Lanegan.

Lanegan ist angeblich ein kauziger Sonderling mit einem Hang zur Selbstzerstörung, das kann man überall lesen. Diese Legende hat sich verselbstständigt, und alle arbeiten daran, dass sie bestehen bleibt. Nur Mark Lanegan selbst tut das nicht (mehr). “Ich erkenne mich in der öffentlichen Sicht meiner Person nicht immer wieder, da sie oft nur meine dunkle Seite zeigt. Ich erlebe mich aber durchaus auch als glücklichen und humorvollen Typ. Jeder von uns hat schließlich Momente von Traurigkeit in seinem Leben, die sich mit besseren Zeiten abwechseln, das macht uns zu Menschen.”

Nun besteht jedoch kein Anlass zur ‘Sorge’, bei Lanegan sei auf einmal die große Glückseligkeit ausgebrochen. Der Mann macht natürlich immer noch Musik für Großstadt-Desperados. Das tut er, “weil es mir hilft, melancholische Stimmungen in meiner Musik zu verarbeiten”. Nur ist das eben nur eine Facette seiner Persönlichkeit. Der 39-Jährige erweist sich als zwar zurückhaltender, aber überraschend freundlicher und interessierter Gesprächspartner. Er verbringt jetzt mehr Zeit mit seinem Hund und mit Freunden als auf Drogen und versucht, vorsichtig ein wenig Normalität in seinen Alltag zu integrieren; etwas, “worauf ich früher nie geachtet habe”. Fragt man ihn, gibt er sich Mühe, den Mythos vom eremitischen Freak und Junkie zu entzerren, der ihn umgibt. Er spricht mit der stoischen Gelassenheit desjenigen, der gelernt hat, die Tragödien des Lebens so zu nehmen wie sie kommen. Mark Lanegan hat immer noch sehr viel mit sich selbst zu tun, aber es wird jeden Tag ein bisschen besser.

Irgendwie ist dieser begnadete Sänger ja immer unter dem Radar durchgetaucht. In den Neunzigern, als seine damalige Band Screaming Trees allerorten als ‘next big thing’ nach Nirvana eingestuft wurde – und dann doch andere das Geld verdienten – ebenso wie später mit seinen exzellenten aber wenig erfolgreichen Soloalben. Daraus zu schließen, der ausgebliebene Durchbruch hätte die labile, sich unverstanden fühlende Künstlerseele in die Isolation mit Drogen und Depressionen getrieben, wäre zu billig. Das Gegenteil ist der Fall: “Ich bin völlig zufrieden mit meiner Stuation. Ich weiß gar nicht, ob ich einem größeren Erfolg gewachsen gewesen wäre. Gut, ich bin nicht reich, so viel steht fest. Es reicht aber, um mich zu ernähren. Und ich bin definitiv reich an Erfahrungen und Liebe durch das, was ich tue.” Das Big-Biz ist ohnehin seine Sache nicht, der Mann ist Musiker – kein Rockstar. Wer gesehen hat, wie verloren und scheinbar teilnahmslos er auf der Tour mit den Queens Of The Stone Age auf der Bühne stand, weiß, wovon ich spreche. Aber auch da war diese Stimme. Sie wird geschätzt in Kollegenkreisen. So sehr geschätzt, dass Lanegan ein häufiger und gern gesehener Gast auf Produktionen anderer Künstler ist, und auch seine eigenen Alben stets zu einem Starauftrieb allererster Güte geraten. ‘Star’ ist allerdings ein Wort, das er nicht gerne hört. Leute, wie die auf seinem fünftem Soloalbum ‘Bubblegum’ gastierenden Josh Homme, PJ Harvey, Dean Ween und Izzy Stradlin, sind für ihn keine Stars, sondern eben andere Musiker und Freunde, die ihm helfen und die er gerne dabei haben wollte. Diese bereichern die 15 neuen Stücke (‘Come To Me’ ist zum Beispiel ein wunderschönes Duett mit PJ Harvey), ohne sie zu beherrschen. Im Mittelpunkt steht der Schöpfer des Werkes selbst – durch die Natur gegebene unaufdringliche Dominanz seiner Stimme. Die Fremdbeiträge plante Mark bereits im ersten Entwicklungsstadium der Songs ein, da er “von Beginn an wusste, wen ich für welchen Part haben wollte” und so den Musikern ihre Beiträge quasi auf den Leib schrieb.

Dass Lanegan den Job bei den Queens an den Nagel gehängt hat, um dieses Album nach anderthalb Jahren endlich zu vollenden, hat ihm hörbar gut getan. So lange hielten ihn andere Verpflichtungen von der Arbeit an seinen eigenen Sachen ab, dass er nun sogar bereit ist für seine anstehende Tour auf das ursprünglich geplante Engagement als Sänger bei der reformierten MC5 zu verzichten. “Und das hätte ich wirklich sehr gerne getan. Ich hoffe, dass ich den Jungs durch meine kurzfristige Absage keine Probleme bereitet habe, das täte mir sehr Leid. Glücklicherweise haben sie mit Evan Dando und Mark Arm (Mudhoney) ganz hervorragenden Ersatz gefunden.” It takes two to replace one Mark Lanegan. Der sich nun ganz dem Verrichten von erhabener musikalischer Trauerarbeit in Moll widmen kann. Natürlich hat er sich zur Vertonung derselben wieder den Blues ausgesucht, diese ursprünglichste aller musikalischen Leidensformen. Die athmosphärisch-treffsichere Produktion von Chris Goss unterzieht den in die Jahre gekommenen Sound der schwarzen Seele Amerikas jedoch einer urbanen Frischzellenkur und lässt das klassische Storytelling mitunter metallisch lärmen, wie in ‘Methamphetamine Blues’. Auch verleugnet Lanegan nicht seine Wurzeln als Alternative-Rocker. Das klingt dann in ‘Hit The City’ gar nach einem lupenreinen Leftover aus den Sessions für das Queens Of The Stone Age-Album ‘Songs For The Deaf’. Wer beeinflusst hier eigentlich wen? “Ich denke, dass wir mit den Screaming Trees ein großer Einfluss für Josh (Homme) und Nick (Oliveri) waren, wir sind die Henne und sie das Ei (lacht). Eigentlich spielt es aber keine Rolle, wer was von wem hat, da wir uns laufend alle gegenseitig inspirieren.”

Am Besten ist Lanegan ohnehin nach wie vor in diesen musikalischen Entsprechungen einer einsamen betrunkenen Nacht an der Bar. Morgens um fünf, fernab jeglicher Hippness, wenn nur noch jene sich versuchen auf ihren Hockern zu halten, die vom Leben nicht mehr viel zu erwarten haben und die innere Leere sich nicht mehr wegtrinken lässt. ‘One day ship comes in, one hundred days I wait for it, but i know somewhere ship comes in every day’, bemüht ‘One Hundred Days’ die älteste Metapher für Geborgenheit. Und dann, als müsste der Sänger sich entschuldigen: ‘There is no morphine, I’m only sleeping, there’s no crime to dreams like this’. Nein, ein Verbrechen ist das nicht, eher schon ein Menschenrecht. Denn was wären wir ohne unsere Hoffnung?

Text: Torsten Groß