In diesen Tagen erscheint mit “Black Holes And Revelations” das vierte Album der britischen Bombastrocker von Muse. Chef-Dramaturg Matthew Bellamy stand in London Rede und Antwort. Und äußerste sich über das neue Album, besondere musikalische Begabungen und die Schwierigkeit, das Gegenteil von Perfektion zu erreichen.

Matt, zum letzten Album “Absolution” wart ihr beinahe endlos auf Tour. Habt ihr euch vor den Aufnahmen für das kommende Werk eine Pause gegönnt?
Wir haben im letzten April aufgehört zu touren und dann ein paar Monate Pause gemacht. Dann ging es an die Proben fürs neue Album. Beim letzten Mal haben wir das in London gemacht, diesmal wollten wir woanders hin. Wir entschieden uns für Miraval im Süden Frankreichs. Das ist in der Nähe der Provence und eine knappe Stunde von der Küste entfernt – ein sehr ruhiger und schöner Platz. Wir mieteten ein altes Studio, das eigentlich geschlossen ist. Glücklicherweise konnten wir den Verwalter überreden, es für uns wieder zu öffnen. Jener ist ein sehr gemächlicher älterer Herr, der zunächst alles andere als glücklich mit unserem Kommen war. Am Ende haben wir uns aber mit ihm angefreundet. Das ist ein sehr interessantes Plätzchen dort. Wir hatten keine Autos, konnten also nirgendwo hin. Zum Studio gehören ein ziemlich großes Grundstück und sogar ein Weinberg. Historisch gibt es ebenfalls interessante Hintergründe, da dort die Tempelritter ihren Sitz hatten.


Wie wichtig war die Pause, um überhaupt wieder arbeiten zu können?
Das war nach zwei Jahren schön, einmal wieder ein normales Leben zu führen. Kochen und solche Sachen. Vor allem war aber die Phase in Frankreich sehr wichtig. Das war das erste Mal seit sehr langer Zeit, dass wir drei einfach nur zum Musikmachen zusammen waren. Ohne Zeitpläne und diesen ganzen Kram.

Um die Freundschaft wiederzubeleben?
Vor allem, um uns der Gründe zu erinnern, aus denen wir ursprünglich Musik machen. Die Band wieder zu erfinden, den Spaß an der Musik zurückzuholen. Das verliert man mitunter ein bisschen, wenn man die ganze Zeit auf Tour ist.

Kannst du eigentlich gut loslassen?
Ich mache ja auch in Pausen ständig Musik, spiele Klavier, übe usw. Da lasse ich also niemals ganz los. Es war aber absolut notwendig, die ganze Maschinerie, die eine Band wie die unsere begleitet, mal für eine Weile zu stoppen. Bei mir ging das ja schon soweit, dass ich eine richtige Flugangst entwickelt habe und keine Flugzeuge mehr sehen konnte. Das hat sich jetzt aber wieder ein bisschen gelegt.

In den letzten Jahren hat sich die britische Musik-Szene gründlich gewandelt – Retro-Aktivisten dominieren das Bild. Denkt ihr über solche Dinge nach?
Uns war es immer wichtig, frei in dem zu sein, was wir tun. Wir wollen ein Universum kreieren, in dem niemand wohnt außer uns. Wenn man diesen Punkt einmal erreicht hat, lässt man sich von diesen ganzen Modeströmungen und Bands, denen es vor allem um Moden zu gehen scheint, nicht mehr unter Druck setzen. Zumal solche Strömungen ja immer zeitlich begrenzt sind. Wir wollen Musik machen, die man auch in 20 oder 30 Jahren noch hören kann, und die dann nicht nach einer Modeströmung von 2006 klingt.

“Black Holes And Revelations” ist trotz mannigfaltiger Einflüsse auch wieder ein lautes Gitarrenalbum geworden…
Interessanterweise ist es das sogar viel mehr, als ich erwartet hatte. Im Vergleich zum letzten Werk benutzen wir auch viel weniger Klavier. Dabei fällt es mir eigentlich viel leichter, auf dem Klavier zu komponieren. Wegen der Komplexität, die eine Gitarre so nie mitbringt. Aber aus irgendeinem Grund haben wir jetzt jede Menge Gitarrensongs auf dem Werk. Sehr überraschend. “A Soldiers Poem” oder auch “Take A Bow” haben eigentlich als reine Klaviersongs gestartet, und aus unterschiedlichen Gründen kamen immer mehr Gitarren dazu. Tatsächlich scheint das hier nun sogar das Gitarren-lastigste Muse-Album überhaupt zu sein.


Wenn du überrascht bist, heißt das, dass ihr bevor ihr ins Studio geht, kein klares Konzept habt und die Dinge einfach laufen lasst?
Wir sind mit 18 bis 20 Ideen ins Studio gegangen, die jedoch alle noch nicht ausgearbeitet waren. Dann hat die ganze Sache eine spezielle Eigendynamik gekriegt. Irgendwie schienen wir auf einmal an zwei völlig unterschiedlichen Alben parallel zu arbeiten. Eines war eher instrumental, abstrakt und sehr Klavier-orientiert, das andere indes war ein Gitarrenrock-Album. Nun, ich denke wir haben das Gitarren-Album fertig gestellt. (lacht) Vielleicht werden wir so ein Piano-Ding in der Zukunft mal machen. Jetzt aber fanden wir die Gitarrensachen gelungener.

Seid ihr euch im Verlauf einer solchen Produktion stets dessen, was ihr tut, sicher oder kommen mitunter Zweifel auf?
Es gibt auf jeden Fall Momente, in denen wir nicht sicher sind. Manche Sachen entwickeln sich ganz von selbst, bei anderen ist das weitaus schwieriger. Da verliert man sich schon mal. Es gab vor allem in der Anfangsphase einige schwierige Momente, als es darum ging, die Richtung des Albums festzulegen.

Das mit R’n’B-Beats und Disco-Falsetto aufwartende “Supermassive” als erste Single zu nehmen, ist ziemlich mutig. Die meisten Bands gehen da ja gerne auf Nummer sicher.
Ich wollte eine andere Seite der Band aufzeigen. Wenn wir proben, spielen wir eine Menge Kram, manchmal nur aus Spaß, der völlig anders ist als das, was wir dann aufnehmen. Diesmal wollte ich ein paar dieser unbekannten Seiten von Muse aufzeigen.


Die Vocals erinnern in dem Song stark an den jungen Prince…
Immer, wenn man auf diese Art singt, denken die Leute an Prince. Das macht diese dünne Fistelstimme. Normalerweise singe ich ja in den hohen Lagen immer sehr operettenhaft – das wollte ich für diese Nummer nicht.

Stimmt es, dass der Song von der New Yorker Club-Szene sowie Franz Ferdinand beeinflusst ist?
Ich war in New York bei einem Freund, einem DJ, zu Gast. Mit dem bin ich durch die Clubs gezogen. Eigentlich wollte ich von ihm das professionelle Auflegen erlernen, aber ich habe mich ziemlich dumm angestellt und eine Menge Fehler gemacht. Trotzdem hörte ich dort eine Menge Dance-Music, die mich stark beeinflusst hat.

“Map Of The Problematique” ist ein ebenfalls Dance-beeinflusster Track, der mich etwas an Depeche Mode erinnert. Allerdings klingt es auch ein bisschen nach billigem Euro-Trash. Zufall oder Absicht?
(Lacht) In den Neunzigern hab ich mich ein bisschen in der Dance-Szene umgetan. Ich hätte allerdings nie erwartet, jemals einen solchen Song mit einer Band aufzunehmen. Auf diesem Album haben wir erstmals prominent elektronische Sounds eingesetzt. Das gab es auch schon in der Vergangenheit, aber nun haben wir erstmals mit den elektronischen Sounds komponiert. Da wir aber in dieser Hinsicht blutige Anfänger sind, klingt vielleicht manches ein bisschen billig und Eighties-mäßig.

Würdest du dich als Perfektionisten bezeichnen?
Vielleicht, ich weiß es nicht. Bei diesem Album waren wir schon sehr ehrgeizig. Wir hatten den Anspruch, mit jedem einzelnen Song musikalisches Neuland zu betreten. Ich denke, das ist uns auch gelungen. Das merkt man an Songs wie “Supermassive Black Hole”, der völlig anders ist, als alles andere, was wir bisher gemacht haben.


Woher kommt eigentlich dein Faible für Klassische Musik?
Als ich zehn oder elf war, habe ich mich vor allem für Blues interessiert. Ray Charles, Stevie Wonder – solche Sachen habe ich damals auf dem Klavier gespielt. Mein Interesse für klassische Musik kam eigentlich erst mit 16 oder 17, als ich viel Flamenco-Gitarre gespielt habe. Die Leute sagen immer, ich sei allgemein interessiert an klassischer Musik. Tatsächlich interessiere ich mich aber vor allem für eine Periode zum Ende des 19. Jahrhunderts. Der russische Komponist Rachmaninoff, der die russische Folksmusik in die Klassik eingebracht hat. Das hat mich fasziniert, die Intelligenz der Klassik mit der Ursprünglichkeit des Folk zu verbinden. Oder Villa-Lobos aus Spanien, ein sehr guter Gitarrenkomponist, der ebenfalls viele Folk-Aspekte eingebracht hat – das sind eigentlich meine Lieblingskomponisten. Ich mag es immer, wenn verschiedene Stile verquickt werden.


Kommt daher auch deine Vorliebe für große Produktionen?
Auf jeden Fall. Bei Rachmaninoff etwa findet man ein Gespür für Dynamik, wie es das im Pop nicht gibt.

Was ist mit Queen?
Okay, es gibt einige wenige Ausnahmen, einige wenige Künstler im Pop, die diesen Sinn für Dynamik haben.

Wie wollt ihr auf der Bühne die immer komplexer werdenden Arrangements eigentlich noch zu dritt umsetzen? Kommt ein zweiter Gitarrist?
Wir brauchen keinen zweiten Gitarristen. Wir haben kaum Songs, in denen parallel zwei Gitarrenparts kommen. Vielleicht nehmen wir einen Keyboarder für einige Piano-Passagen mit auf Tour. Einige Piano-Parts kann ich aber auch als Sample über die Gitarre abrufen. Ich möchte schon soviel wie möglich selber spielen.


Apropos Live-Spielen: Was habt ihr für Rituale, bevor ihr auf die Bühne geht?
Ich laufe im Kreis, wie ein Raubtier, bin aufgeregt. Etwa eine Stunde vor dem Gig bringen wir uns gemeinsam in die richtige Stimmung. Nur wir drei alleine, das ist wichtig. Vielleicht hören wir etwas Musik – Rage Against The Machine, spielen ein paar Riffs.

Machst du ein spezielles Aufwärmprogramm für deine Stimme?
Ich trinke viel Wasser, esse Bananen, die sind gut, und singe ein paar Verse. Aber im klassischen Sinne wärme ich mich nicht auf. Ich habe eigentlich nie Probleme mit meiner Stimme, außer wenn ich krank bin…

Wer hat dich gesanglich am meisten beeinflusst?
Mein Lieblingssänger singt absolut anders als ich. Jemand, den kaum einer erwarten würde: Tom Waits. Und ich glaube, der Grund, warum er mir so gut gefällt, ist eben die Tatsache, dass er so vollkommen anders klingt als ich. Ich wünschte, dass ich vielleicht mit 60 oder so auch einmal annähernd solch eine Stimme entwickeln kann. Man hört die Geschichte seines Lebens in seiner Stimme, und das ist wohl das Beste, was man über einen Künstler sagen kann.


Die meisten Leute hätten jetzt eher auf Thom Yorke von Radiohead getippt – schließlich werdet ihr ständig mit ihnen verglichen.
Ich finde das mittlerweile irrelevant. Vielleicht haben wir an einem ähnlichen Punkt wie sie begonnen. Aber die Entwicklung und Richtung, die sie mittlerweile genommen haben und die wir genommen haben sind derart unterschiedlich verlaufen, dass es heute wohl nur noch eine Gemeinsamkeit gibt: Wir kommen beide aus England. (lacht)

Die euch mögen, sagen, dass ihr trotz des ganzen Bombasts nie ins Kitschige abdriftet. Leute, die euch nicht mögen, werfen euch das Gegenteil vor. Was ist nun wahr?
Die Basis unserer Musik bildet trotz alles Ausflüge und großen Arrangements immer ein klassisches Rock-Trio. Das ist uns sehr wichtig, das muss gewährleistet sein. Dadurch wird es nicht prätentiös. Wenn du diese Band-Basis, diese klassischen drei Instrumente Gitarre, Bass und Schlagzeug vernachlässigst, und dich immer mehr in die andere Richtung bewegst, löst du dich davon. Dann würde es wahrscheinlich kitschig.

Die Platte ist sehr politisch geworden…
Es gab eine Menge unterschiedlicher Einflüsse. In “Take A Bow” wird die Forderung gestellt, dass unsere politischen Führer für das, was sie tun, zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Der Song ist aus der Perspektive des kleinen Mannes und dessen Wunsch nach Vergeltung für die Taten seiner Führer geschrieben. “A Soldiers Poem” hingegen ist sehr interessant, da ich hier das erste Mal die Perspektive eines anderen Charakters einnehme. Ein bisschen wie Tom Waits im Übrigen. Dieser Text ist eine Geschichte aus der Perspektive eines Soldaten, dem auffällt, dass sich die Leute, für die er kämpft, einen Dreck für ihn interessieren. An diesen Songs merkt man, dass wir natürlich nicht unberührt von dem bleiben, was gerade in der Welt so passiert.

Was für eine Rolle spielt bei euch Humor? Ich denke da an Songs wie “Knights Of Cydonia”…
Manchmal nehme ich alles extrem ernst und dann wieder kann ich durchaus witzige Elemente in einigen unserer Songs sehen. Ich denke, das hängt von der Laune ab, in der man die Musik hört. Und von der Herangehensweise der Leute, die sie hören natürlich. Grundsätzlich denke ich, man ist immer gut beraten, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen.


Wie wichtig ist es für Muse, dass die Band aus diesen Leuten besteht und niemand anderem?
Wir haben eine sehr gute Dynamik und Balance zwischen unseren unterschiedlichen Einflüssen, das passt perfekt. Und dann sind Entscheidungen in einer Dreierbesetzung sehr leicht. Es ist immer zwei gegen einen. Optimal ist es natürlich, wenn alle drei einer Meinung sind. Aber wenn das nicht der Fall ist, kommen wir schnell zur Entscheidungsfindung.


Könnte es die Band weiter geben, wenn einer aufhören würde?
Ich weiß es nicht. Einfach wäre es auf jeden Fall nicht. Hinge davon ab, wer gehen würde. Wir kommen aus derselben Stadt. Sind zusammen zur Schule gegangen. Das zu ändern wäre alles andere als optimal. Es gibt etwas Einzigartiges zwischen uns und es wäre eine Schande, dieses zu verlieren.

Inwiefern funktioniert eure Freundschaft nach den letzten kraftraubenden Jahren noch abseits der Bühne.
Gut. Ich verbringe jedenfalls mehr Zeit mit diesen Jungs als mit meiner Freundin. Dadurch, dass wir nicht mehr im selben Ort wohnen, sehen wir uns natürlich außerhalb der Aufnahmen und Tourneen nicht mehr so oft.

Hast du nicht sogar mit Dominic Howard (Drums) in einer WG zusammen gewohnt?
Beim letzten Album haben wir sechs Monate in dem Haus zusammen gewohnt, in dem wir geprobt haben. Ich habe nun meine eigene Wohnung in London, bin aber die Hälfte der Zeit in Norditalien, um meine Freundin sehen zu können. Sie hat in England Psychologie studiert, und ist nun zurück nach Italien gegangen, um dort ihren letzten Abschluss zu machen. Dadurch sehen wir uns nicht besonders oft. Das ist nicht leicht.

Psychologie. Und, bist du ihr liebstes “Versuchsobjekt”?
Nun ja: Es ist sehr schwer Argumente gegen die ihren zu finden. Psychologen können sehr clever argumentieren, da hat man fast immer das Nachsehen.