Rumänien, der unbeliebte Neue im Bunde Europas. Früher bekannt für Graf Dracula, heute vorwiegend für Brutalität, Pogrome, Frauenhandel, die Mafia und Diebesbanden. Eine Degeneration der Reputation wie aus dem Bilderbuch. Aber wie heißt es so schön, erst nach dem man alles verloren hat, hat man die Freiheit alles zutun. Die Maske des Konsums verbietet zu oft das Selbstsein. Miss Platnum kann davon Lieder singen, viele Lieder. Miss Platnum ist gelungene Musikglobalisierung. Miss Platnum trägt goldene Ohrringe mit Traditionsschürzen. Miss Platnum kommt aus Rumänien und ist im Alter von 8 Jahren zusammen mit ihren Eltern nach Westdeutschland mehr geflüchtet als emigriert. Zu groß war die Angst vor der Schirmherrschaft der Securitate, zu gefährlich das Land, zu groß die Gefahr dem falschen Trinkgenossen, das richtige zu erzählen. In Westberlin angekommen, gibt es Fast Food, so viel wie das junge Mädchen essen kann. Die Eltern finden im Krankenhaus Anstellungen, als Meteorologen können sie nicht mehr arbeiten, Ruth geht zur Schule und bekommt gute Noten. So viele, dass die autoritär Erzogene bald den Hass der antiautoritär Erzogenen zu spüren bekommt. Streber waren eben schon immer gern gesuchte Opfer. Einziger Freund wird ein genauso nerdiges Mädchen, mit dem sie bis heute eng befreundet ist. Sie ist es letztlich auch, die Ruth ermutigt, zum Schulchor zu gehen, sich beim Kirchenchor zu melden und bei Musicals vorzusingen. All das macht Ruth erfolgreich, bis sie im Alter von 18 Jahren in einem Workshop von Jocelyn B. Smith zusammen mit Berliner Hausfrauen, die über den Gesang den Mut finden wollten, ihren Mann zu verlassen, singt. Am Ende des Workshopes traut sich Ruth zu fragen, ob sie bei der großen alten Lady Gesangsstunden nehmen darf. Die Antwort war ein begeistertes Ja. Ist Ruth doch das größte Talent, dass ihr je unter die Augen gekommen ist. Ruth kommt in die Lehre. Begeistert, aber unnachgiebig geschult von Frau Smith. Jahrelang. Ruth wird besser und besser. Sie arbeitet als Studio- und Backgroundsängerin. Sie wird gebucht. Sie hat Arbeit. Sie hat sich etabliert in der Branche. Sie nimmt ihr Solodebüt auf und fällt mit diesem ordentlich auf die Nase. Keiner interessiert sich für das ambitionierte Album, für das Herzblut, dass in ihm steckt. Die Folge: Die Frage nach der eigenen Existenz, dem Sinn des Lebens. Trost findet Ruth in Drogen. Erst Alkohol, später wird der Konsum zunehmend variabel. Sie schießt sich ab, steht auf, schießt sich ab, steht auf, schießt sich ab. In dieser ungesunden Monotonie erklingen im Inneren Erinnerungen an alte Lieder. Sie fängt wieder an, Musik zu machen. Zunächst ein Weg ohne Ziel: Wohin will? R´n´B, Pop, Hip Hop? Oder doch aufs rumänische Erbe konzentrieren? Ruth beginnt ihre Wurzeln und Verknüpfungen zu suchen. Die Knotenpunkte zwischen ihrer deutschen und ihrer rumänischen Heimat. Fündig wird sie bei der Verbindung der beiden Herzen, die in ihr schlagen. Balkan-Beats! Einschlägige Club-Riddims und schrille Folklore. Partykracher mit Balkanischem Rumgeschreie. Schrille Titel mit stark rumänischem Akzent in denen es um deutsche Nobelkarossen geht und stille Lieder. Traurige Lieder. Irgendwie hart und zart und locker. Mit verantwortlich war auch das dazu gehörige Produzententeam The Krauts, die schon für Moabeat und Seeed Beats bastelten. 2007 erscheint mit „Chefa“ das Ergebnis der Selbstfindung. Fette Volksmusik für alle und jeden.