"Die Fee Morgana, wie würde sie erschrecken, wenn sie etwa einer deutschen Hexe begegnete, die nackt, mit Salben beschmiert, und auf einem Besenstiel, nach dem Brocken reitet.“

Mensch Heinrich Heine, wir wissen zwar nicht genau, was du uns mit diesem Satz sagen willst, aber wir sind verwundert: Wir hätten nicht gedacht, dass du auch mal bei Rocken am Brocken warst. Irgendwie müssen wir uns dieses Jahr verpasst haben…

Rocken am Brocken in Elend bei Sorge – Manche Orte brauchen einfach kein Marketing, denn sie sind von alleine schon cool. Auch unser Freund Heinrich Heine wusste das und hat von seinem neuen Lieblingsfestival bestimmt von einem Kumpel erfahren: „Pssst, hey, H to the eine, Rocken am Brocken….“.

Okay, als seriöse Musikjournalisten haben wir natürlich auch so Wind davon bekommen, dass sich jedes Jahr eine beachtliche Bandkonzentration mitten im Harz einfindet: Käptn Peng (!!!!1!1!11!!11!), Blood Red Shoes, Balthazar, Frittenbude … und die Liste ist noch nicht am Ende! Grund genug, einen Ausflug zu machen und die Hauptstadt in Richtung des sympathischen Bergs mit dem grobschlächtigen Namen zu verlassen.

Donnerstag:

Aus dem Zug ausgestiegen erfüllt feinste frische Luft erster Kajüte unsere großstadtgeplagten Lungen. Hach, wat is dat schön! Kein Wunder – hier ist so ziemlich jeder Quadratmeter Teil eines Luftkurorts. Im Geiste Heinrich Heines bestreiten wir die letzten Meter, direkt ins nach Elend, einen zugegeben doch etwas abgelegenen Flecken Erde. Aber keine Sorge: Folgt einfach den Bässen, bis ihr an einer majestätischen Pforte steht, gedeckt mit feinstem regionalen Nadelwerk, verziert mit leuchtenden Lettern, die euch sagen, dass ihr an diesem Ort für ein paar Tage eure Heimat finden werdet.

Für das passende Intro für all das, was noch kommen sollte, sorgten Parasite Single mit ihren windschiefen Perlen von Songs, die das bunte Treiben im Jägerzirkus eröffnen durften. Das klare Highlight des Tages erwartete uns allerdings wenig später: Den Dänen von Go Go Berlin gebührte die Ehre, die lauschige Zeltbühne mit ihren Post-Vintage-Beat-Rock Songs zu bespielen – sehr zur Freude des wild kreischenden Publikums. Gleich zu Anfang gab es bei Songs wie Gimme Your schon kein Halten mehr – außer bei den GoGos selbst, die ihre rauschenden Gitarren fest im Griff hatten. Bei uns setzten in dieser Abriss-Atmossphäre alsbald musikjournalistisch wertvoll investigative Momente ein: Ist euch schonmal aufgefallen, dass der Refrain von Darkness wie eine schnelle Version von High der Lighthouse-Family klingt? Zugabe! Hat mit Recht auch das ganze Zelt geschrien, nachdem #7 von insgesamt zehn GoGo-Finalen abgespielt war.

Go Go Berlin

Freitag:

Der Tag fängt nass an, obwohl die Sonne scheint: Das malerische Waldbad in Elend lädt zu einer ausgiebigen Ganzkörperbefeuchtung ein, immer mit einer handbreit Wasser unterm Bauchspeck. Herrlich! Auf diese Weise mental gestärkt darf Tag zwei gerne seinen Lauf nehmen, denn der hat es in sich:

In unendlicher Vorfreude auf Käptn Peng, der diesen Tag beschließen wird, machen wir uns mit glänzendem Fell und wedelndem Schwanz freudig hechelnd auf in Richtung Gelände. Zu dem gibt es übrigens einiges zu sagen: Rocken am Brocken bietet seinen Besuchern mal eben vier Locations. Neben der Hauptbühne gibt es natürlich den dreister Weise bereits angesprochenen Jägerzirkus, der als Unique Selling Point eine Überdachung zu bieten hat. Dann stehen uns noch zwei Tanzpartylokationen zur Verfügung: In Zauberwald und Hexenhütte wird bis in die gar nicht mehr so frühen Morgenstunden Dauerbeschallung geboten. Doch hey, wir stehen auf Gitarren, also zurück zur Hauptbühne: Erstmal Blaudzun. Die Band um den Niederländer Johannes Sigmond hat sich nach einem Radrennfahrer benannt – warum auch nicht? Johannes, dessen akkurater Gesichtsbewuchs ihn zu einer coolen Indie-Variante von Harald Glööckler werden lässt, klingt bedeutend besser als ebendieser und lässt uns zufrieden nickend zurück.

Der nächste Slot gehört Balthazar. Die scheinen die Band zu sein, von der jeder auf dem Zeltplatz etwas Gutes gehört hat, ob man sie nun wirklich kennt oder nicht. Diese Vorschusslorbeeren sind absolut berechtigt: Was für ein Sound! Selbst die Chiller auf den Bierbänken an der Fressmeile können jedes einzelne Wort vernehmen und so zumindest mental mitsingen. Die Belgier, die vor einigen Jahren übrigens Karriereunterstützung von einer vulkanischen Aschewolke erhalten haben, liefern auf extrem hohem Niveau ab: Jeder weiß, was zu tun ist, und auch wenn das gar nicht nötig ist, gibt es noch ein Indie-Mädchen am Synthesizer. Bäm. Bob Dylan trifft auf Indie, wir treffen auf ein Bier, was braucht es mehr zum Glücklichsein?

Balthazar

Das Volk tanzt, die Schuhe drücken und wir entschuldigen uns für diese Überleitung: Auftreten Blood Red Shoes! Hier spalten sich die Meinungen: Keine Frage, das Duo macht ordentlich Druck. Wenn Steven Ansell an den Drums seinen blonden Haarschopf zum zirkulieren bringt und sein Bandmate Laura-Mary Carter ihre Stimmbänder mit dem Schallpegel eines startenden Jumbojets befeuert, dann muss man entweder tanzen oder … wendet sich ab. Denn die beiden geben immer 100%, was über das gesamte 90-minütige Set ab und an ein wenig too much sein kann. Aber naja, einem beeindruckenden Menschenhaufen vor der Bühne scheint das zu gefallen.

Dann isser da: Käptn Peng macht schon den Soundcheck zum Erlebnis, freestylt den Tontechniker zum perfekten Bühnensound – Vielleicht wird Feedback aufem Monitor ja noch ein Track auf dem nächsten Album. Der dann folgende Auftritt war solide, aber eben nur solide, und daran zeigt sich ein Problem: Denn das, was hier ein wenig gefehlt hat, war das gewisse Menscheln. Peng hatte Lust, keine Frage, aber irgendwie wirkte er ein klein wenig deplatziert. Das lag möglicherweise daran, dass das Publikum doch eher … jung war. Aber naja, die Kindheit geht ja zum Glück vorbei und eigentlich sind wir doch auch nur neidisch, dass uns nach einer Nacht im Zelt der Rücken weh tut und wir den Gin-Tonic am nächsten Tag noch in den Nebenhöhlen merken.

Samstag:

Am Samstag wurden nochmal alle Register gezogen: Bevor die Afterparty bis um fünf auch die allerletzte Utopie von anhaltender Nüchternheit in Schwaden von Trunksucht aufgehen ließ, kam es zu mindestens einem dokumentierten Highlight, das genau den Nerv treffen konnte: Frittenbude. Auch die Tatsache, dass pünktlich zu Beginn der Himmel seine Schleusen öffnete, konnte alldiejenigen, die sich bereits seit Tagen auf diesem Moment gefreut hatten, nicht davon abhalten zufrieden herum zu stampfen. So muss das sein!

Auch wenn sich nun langsam der Schleier des Baldistesvorbei-Trübsals über die Gesichter der insgesamt 4500 Anwesenden legen sollte, war doch für einen erhellenden Ausklang gesorgt, und der Himmel über dem Harz war zwar dunkel aber irgendwie doch ein wenig hell.

Zwar konnten wir leider nicht in Erfahrung bringen, welcher Act Heinrich Heine besonders erfreut hat, aber wir können uns vorstellen, wie er bei Käptn Peng mit einer Mischung aus Argwohn und versteckter Freude doch ein wenig mitgenickt hat. Wir hätten es ihm gewünscht, dem alten Meckerer.

(Fotos: motor.de; Text: Carsten Brück)