Der Samstag markierte den Abschluss des zweitägigen Berlin Festivals. Während der Freitag sich noch leicht bewölkt zeigte und gerade abends einige kalten Brisen bereithielt, traute sich am Samstag gar die Sonne über den Flughafen Tempelhof.

Der Samstag begann für uns um 16 Uhr mit TUNE-YARDS. Das Projekt der Engländerin Merril Garbus arbeitet mit einer Fülle an Drum-Loops und unterschiedlichsten Schichtungen von Ukulule-, Bass- und Stimmüberlagerungen. Dass aus diesem Brei kein Gewirr, sondern formvollendete Melodien mit einem Gespür für divergierende Stile – LoFi, R’n’B und Jazz zum Beispiel – entsteht, ruft schnell die Assoziation Avantgarde hervor. Es ist ohne Frage eine fordernde Hörerfahrung, doch weder breitete Garbus auf der Bühne Kakophonien aus noch überdrehte die junge Engländerin ihre Spielereien. Und aufgrund zweier hervorragenden Live-Saxophonisten kam auch wirklich jeder auf seine Kosten.

Auch wenn ALOE BLACC auf der Main Stage nach einem Dollar bettelte, blieben wir im Hangar 4 und erwarteten das britische Electronic-Duo MOUNT KIMBIE. Ihrem Stil und Aussehen nach zu urteilen, sind Dominic Maker und Kai Campos mehr als nur down-to-earth. Trotz ihrer Schüchtern- und Nüchternheit forderte ihre Musik einiges ein. Die Bässe wurden zu Wellen zusammengebraut, sodass Begriffe wie Dubstep die erste Konsequenz sind. Unglaublich energetisch und ohne Rücksicht auf Trommelfelle türmten die beiden ihre Beatschichten aufeinander – da blieb kein Bein im Ruhestand. Diese Jungs waren und sind schier unglaublich.

Absolut zeitgemäß, krachig und doch mit lebendigen Assoziationen in die 60er und 70er standen die fünf Damen und Herren von THE BLACK ANGELS im Anschluss auf der Bühne. Das Quintett aus Austin überzeugte durch runden, vollen Sound, eine organisch-synthetische Spielweise und wirkte so natürlich wie sympathisch. Außerdem muss gesagt werden, dass es eine Freude war, Schlagzeugerin Stephanie Bailey beim Spielen zuzusehen, da sie einen ganz eigenen, interessanten Stil an den Tag legte.


Eine Stunde später war der Zuschauerraum vor der Main-Stage so gedrängt gefüllt wie selten zuvor. Lange bevor überhaupt etwas zu sehen war, johlte das Publikum und überschlug sich schließlich ein wenig, als Zach Condon und seine fünf Herren, besser bekannt als BEIRUT, dann tatsächlich die Bühne betraten. Mit der Bescheidenheit einer Spielmannskapelle standen sie dort und jagten die geballte Intensität eines ganzen Blechblas-Orchesters und osteuropäischer Polka-Rhythmen über die Masse hinweg. Es gab keine großen Gesten, keine großen Reden – fast wirkte es, als wollten sie immer möglichst schnell wieder zu spielen beginnen und so wenig wie möglich im reichlichen Applaus baden. Dafür war die Instrumentierung auf der Bühne unglaublich vielseitig – wann sieht man im Kontext Pop schon einmal ein Waldhorn und ein Sousafon auf der Bühne? Lieblingslieder wie “Nantes” von älteren Alben waren genauso im Programm vertreten wie eine große Auswahl ihres neusten Werks “The Rip Tide“, wobei sie dessen elektronische Parts live vollständig akustisch umsetzten. Sobald Condon seine kleine Ukulele auch nur in die Hand nahm jubelten die Massen und jedes einzelne Stück wurde mit tosendem Applaus und Begeisterungsrufen empfangen. Ein sympathischer und spielerisch meisterlicher Auftritt, ein wirkliches Festival-Highlight.


Für die Polka-Aversen wurde im Hangar 4 einer der beliebtesten Technoproduzenten des vergangenen Jahres präsentiert: PANTHA DU PRINCE. Der Hamburger Hendrik Weber versteckt sich hinter diesem Pseudonym. In einen schwarzen Parka gehüllt und mit zwei ebenso schaurig gekleideten Kollegen, umgarnte der in Kassel geborene Musiker das Publikum mit Ambiente-dominiertem Techno. Meist bauen sich die Songs des Sets in ruhiger Manier auf (nicht selten mit Drone-artigen Flächen), um letztlich durch wummernde Bassdrums und den typischen klackernden und naturalistischen Sounds aufzugehen (seine Songs lauten unter anderem “Eisbaden”, “Sach Mal Baum” oder “Welt Am Draht”). Die Akribie und Detailversessenheit Webers macht seine Musik ungeheuer freundlich und warm. Während den letzten Klängen seines Sets geht in Berlin die Sonne unter und auch im Dunkeln weiß die Musik ihre Magie zu entfachen – IDM at its best.

In eine deutlich plakativere und konfrontativere Richtung wusste Alex Ridha alias BOYS NOIZE die Massen zu befördern. Das sehsüchtige Träumen überlässt der Wahl-Berliner anderen – seine Shows sind keine zurückgezogenen Arty-Sachen. Ridha liebt die Bühne. Sein Set war – wie letztes Jahr – ein Spektakel, da dürfen Pyrotechnik, Dampfmaschinen und Posen ohne Ende natürlich nicht fehlen. Er verwandelte den Flughafen in eine einer riesige Tanzfläche. Abermals gelernt: Boys Noize-Shows sind Ektase pur, volle Breitseite und anständig übertrieben.


Alle Nicht-Raver waren zu dieser Uhrzeit im Hangar 5, um einen der großen deutschen Senkrechtstarter dieses Jahres zu sehen. Der neue Feuilleton- und Musikpresse-Liebling CASPER gab sich die Ehre. Eckdaten für alle, die es noch nicht mitbekommen habe: Bielefelder, Rapper mit kratziger Stimme, Hobby-Rocker, Gegenwartstexter, Schreihals, Stimme einer Generation. Belassen wir es doch bei nur einem Wort: beachtenswert.


Um 22.30 kündigte sich der Headliner des Abends, wenn nicht sogar des Festivals, an. Jan Delay, Denyo und DJ Mad sind die BEGINNER – ihre Reunion in Berlin als einzigartiger Aufritt in diesem Jahr. Eine Performance der alten HipHop-Garde, die zwar versuchte Altes mit Neuem zu verbinden, was Argwöhner sich doch nur bedingt erfreuen ließ. Die einen gröhlten “Hammerhart” oder “Liebeslied” mit, für die anderen war das Gehabe des Trios nicht auszuhalten. Der Rest der fast 90 Minuten sind elektronisch-infizierte sowie beat-basierende Stücke, die auch den Habitus der 90er (re)kopierten.


Von dieser Nische ging es dann zu den Kollegen einer anderen Liga, des Post-Rock. Das Publikum genoss die Entschleunging der Heroen von MOGWAI, den hallverwehten Ruhepol vor der anstehenden Clubnacht, andere ließen auf den Gitarrenteppichen den Abend ausklingen. Auch szenisch untermalten sie den Blick auf die ferne Stadtkulisse und das dunkelnde Rollfeld perfekt – ein Auftritt zwischen Sehnsucht und Fernweh.

Wer von den HipHop-Beats noch nicht genug hatte, der fuhr anschließend mit den Shuttle-Bussen nach Treptow zur Arena. Um 1 Uhr warteten dort mit PUBLIC ENEMY gleich die nächsten Legenden auf die Nachtaktiven. Chuck D und Flavor Flav (mit überdimensionaler Uhr, versteht sich) rissen die Anwesenden mit ihren Posen nahezu in einen Bann. Ob zwischen den Tracks die eigene Biografie promotet wird oder Turnschuhe ins Publikum geworfen werden – hier wurde alles abgefeiert. Und als zum Schluss auch noch DJ Lord eine gescratchte Version von Nirvanas “Smells Like Teen Spirit” zum Besten gab, gab es kein Halten mehr. MR. OIZO, der nach SKRILLEX seine CDs (!!) auflegte, war dagegen eher eine Enttäschung.

Fazit des Festivals: Ein alles und jeden zufrieden stellendes Festival findet ihn Berlin immer noch nicht statt. Aber gibt es dieses Festival überhaupt? Letztes Jahr waren 20.000 Menschen dabei, dieses Jahr waren 5000 Menschen weniger bereit, mehr als 80 Euro zu bezahlen, um zwei Tage eine musikalische Bandbreite beizuwohnen, die eindeutig zur elektronischen Synthetizierung der Pop-Musik driftet. Auch wenn die großen Werbe-Stände ausblieben, so rundeten protzende Auto-Werbung, kostenlose TicTacs und ein Autoscooter die Abstrusität von Festivals (insgesamt) ab. Nett anzusehen, war jedoch das “Art Village”, indem sich zahlreiche Künstler unter anderem mit dem Thema Mauerbau auseinandersetzen. Mit dem neuen Konzept konnten die Veranstalter in diesem Jahr auf jeden Fall punkten. Auch die Teilung zwischen Festival und Club-Nacht wurde gut angenommen. Das darf man dann auch ruhig als erfolgreiches Comeback bezeichnen.

»HIER geht’s zum Teil 1: Der Freitag.

Vom Berlin Festival berichteten für euch Tabea Köbler, Danilo Rößger und Sebastian Weiss.

Text: Tabea Köbler, Sebastian Weiss
Fotos: Danilo Rößger