Im Haben stehen mit ‘SONGS FOR THE EXHAUSTED’ fünf Platten, im Soll ewig lange Zeit, die ungenützt zu sein scheint, wenn man mehr als dreizehn Jahre Bandgeschichte hernimmt. Da gibt es Brüche und ebenso viele Selbstzerwürfnisse, Verluste von Bandmitgliedern, scheinbare Aufgaben und ein weiter, weiter Weg von den Anfängen als junge Collegerock und Grungeband, wenn man sich denn als solche nennen darf, ohne deren Ursprünge zu haben, sondern aus einem leidlichen Kaff im benebelten Österreich kommt.

Klagenfurt um präzise zu sein, einem Thomas Bernhardschen Jammertal, von wo aus man die Welt zu erstürmen erhoffte und auch dort war in der Welt, ohne aber irgendetwas erstürmt zu haben, sondern vielmehr immer wieder kleine und große Dinge falsch machte und auf dem Weg stetig zu scheitern drohte und dies auch tat. Doch ohne den Mut zu verlieren sich ständig wieder aufzurichten, weil im Hinterkopf sich auch vieles eingenistet hatte, woran man immer wieder gerne dachte, wie das 91er Debüt ‘NAKED’, mit welchen man bei Big Store Records Unterschlupf fand, sofort nach Abgabe der Demos und dann tourte mit großen verdienstvollen Männern wie den leider vergessenen Speedniggs, dem dicken Tad aus Seattle, Screaming Trees und wie sie doch alle hießen.

Gleich darauf wurde die Platte ‘BALSAM’ nachgeschoben, mit der man beinahe mit Nirvana getourt hätte, die dann aber heller als die Sonne wurden und nichts damit zu tun hatten, dass sich die Band Jahre der Auszeit nahm um nicht stillzustehen, weil man schon nach zwei Jahren des ständigen Spielens müde war, nicht aber des Musikmachens, und dann so ziemlich jede Majorfirma die Band unter Vertrag nehmen wollte. Nachdem man sie mit den damals noch guten Therapy gehört hatte und die Band dann nach New York geflogen wurde um dort wahnwitzige Showcases vor fetten amerikanischen Plattenmultis zu spielen, in Stretchlimousinen herumkutschiert wurde, in Sao Paolo Equipment zertrümmerte und dort ein reichlich snobistisches Angebervideo drehte, sollte die nächste Platte 1997 auf Mercury erscheinen.

Die wurde sowohl in San Francisco, New York als auch Weilheim aufgenommen, schmückte sich mit Namen wie Roli Rosimann und Alain Moulder. Dann wurden Naked Lunch in London verhaftet und verlegten den Wohnsitz eben dorthin und wurden wahre Hohepriester des dümmlichen Gottes Rock’n’Roll, musikalisch aber mehr den poppigen Briten zugeneigt, was man auf ‘SUPERSTARDOM’ auch hören und damit verbunden auch in formatgerechten Videos und Fotos sehen konnte, etwas worauf man heute so stolz nicht mehr ist.

Es war nun mal aber so, dann besinnte man sich aber wieder und nahm ‘LOVE JUNKIES’ auf, ein erster Versuch in eine andere Richtung mit zusätzlichem vierten Mann an den Tasten und der Elektronik weg vom sich ständig wiederholenden Dreimann – Kraft – Gitarrengehabe, wo es nichts mehr zu beweisen galt, außer immer weiter zu tun, immer weiter, mit jenen, denen man immer trauen konnte, Olaf Opal etwa, dem Meister selbst, immer schon mehr als nur Produzent der Band und deshalb seit neuestem auch festes Bandmitglied, was er sich über die Jahre hart erarbeiten musste.

Mit neuem Selbstbewusstsein dann die Trennung von der Plattenfirma, ein zweiter Versuch mit derselben Platte auf einem anderem Label, und ein zweites Scheitern, dann die Trümmer vor sich zu haben und zu realisieren, nach zehn Jahren Band wieder am Anfang zu sein, ohne Firma, ohne Management, ohne Agentur, ohne alles, und das erneute sammeln im hauseigenen Studio im Jammertal Klagenfurt begann und die mühsame Produktion von ‘SONGS FOR THE EXHAUSTED’, die insgesamt ein Jahr dauern sollte und von allen Beteiligten alle Kräfte erforderte und wieder Verluste, aber auch ein neuer Schlagzeuger, ein guter und viele andere gute Kräfte und nach Abschluss der Produktion wieder das lange zähe warten, mehr als zwölf Monate lang warten, weil keiner die Platte machen wollte, weil keiner auch nur mehr einen Pfifferling auf die Band setzte, weil sie doch am Ende war, die Band. So hieß es. Immer verzweifelt, nie entmutigt. NAKED LUNCH.