Mit LSD-geschwängerten Soundcollagen strebten Primal Scream Anfang der Neunziger danach, den Dancefloor zu beherrschen. Nun, im Jahre 2008, hat sich das Bild gewandelt: „Mit ‚Beautiful Future‘ veröffentlichen wir ein lupenreines Popalbum“ erklärt Sänger Bobby Gillespie und ist froh, tun und lassen zu können, worauf er Bock hat.

Nicht einmal zehn Jahre ist es her, da kamen – abgesehen von der Musik – keine guten Wasserstandsmeldungen aus dem Hause Primal Scream. Der Drogen- und Alkoholkonsum brachte die Band in die Klatschspalten der englischen Presse und sorgte für ein ramponiertes Image. Darüber reden oder irgendetwas klarstellen, wollen Primal Scream indes nicht. Zum Interview in einer ehemaligen Hamburger Hafenfabrik bitten Bobby Gillespie und Bassist Gary “Mani” Mounfield trotzdem.

Der erste Eindruck könnte kaum widersprüchlicher sein: Während Mani wie eine Aufziehpuppe mit manischem Blick auf seinem Stuhl hin und her rutscht, sitzt Kollege Gillespie seelenruhig vor einer Diet Coke. „Mir wurde gerade gesagt, wir hätten in diesem Jahr 20-jähriges Jubiläum. Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht und es fühlt sich nicht danach an!“, wundert sich der Sänger einer Band, die vor zwei Dekaden als der heißeste Act des Vereinten Königreichs gehandelt wurde.

Vieles davon hätten sie nicht mitbekommen, betonen die Beiden und ein Schelm ist, wer ahnt woran das lag: Rave, Manchester und Clubkultur waren von harten Drogen ebenso wenig trennbar wie Marge von Homer Simpson. „Wer unser neues Album ‚Beautiful Future‘ von vorne bis hinten durchhört, bemerkt, dass es eine Zeitreise ist: Die Songs setzen auf verschiedene Stile, Atmosphären und Instrumentierungen“, stellt Mani fest und erklärt warum: „Wir sind Musiker und wer seinen Job ernst nimmt, der tüftelt jeden Tag im Studio!“

In eurem Leben hat sich in den vergangen Jahren viel getan: Ihr habt eure langjährigen Freundinnen geheiratet und seid Familienväter geworden – wie beeinflusst das?
Bobby: Es ist schwerer geworden auf Tour zu gehen. Früher haben wir fix unsere Koffer gepackt und niemand tippte dir auf den Rücken: Wo willst du hin? (überlegt) Andererseits bin ich kreativ wie nie, weil ich viel Zeit zu Hause verbringe und unser Studio in direkter Nachbarschaft liegt.
Mani: Nach den Gigs denkst du auch nicht daran, die nächste Kneipe aufzusuchen, sondern rufst bei deiner Familie an und fragst, ob alles ok ist. Darin sehe ich allerdings keinerlei Verantwortung, sondern eine positive Erfahrung: Es ist toll zu wissen, das da jemand ist dem ich viel bedeute!

Heißt die Platte deswegen „Beautiful Future“ und beinhaltet einen recht optimistischen Charakter?
Bobby: Da ist schon was dran, aber: So einige Dinge sind eher sarkastisch gemeint! „The Glory Of Love“ mag im ersten Moment den Eindruck entstehen lassen, dass ich sehr zufrieden mit allem sei und in der Liebe eine große Kraft sehe. Stimmt eigentlich auch und trotzdem nehme ich diese Tatsache auf die Schippe. Das ist etwas, was mir in den letzten Jahren beim Songwriting unglaublich geholfen hat: Ich schnappe mir eine selbstverständliche Annahme und gucke genauer nach, ob sie wirklich von solch unumstößlichen Wert ist? Denn was darf innerhalb unserer Gesellschaft als ewig gültig betrachtet werden? Nichts!

Mit der Ironie ist es bekanntlich so eine Sache und wenn „Beautiful Future“ nur als schlechter Scherz geplant war, darf sich niemand beschweren. Der Sound klingt nach allem und nichts: Sixties-Rock trifft auf Britpop, Elektro und andere Stilrichtungen, mit denen Primal Scream einst berühmt wurden. Doch nichts ist so altbacken wie das Moderne von vorgestern. Erst recht, wenn es vermeintlich neuen Hörgewohnheiten angeglichen wird und der sonst gern genommene Notalgie-Bonus verloren geht.

Das Ganze aber – und das muss man Bobby Gillespie lassen – ist so professionell gemacht, dass man der Band, was die Konservierung ihres Sounds anbelangt, zumindest Gründlichkeit attestieren muss.

Marcus Willfroth