“Louder than Liam, darker then Doherty” – so titelte der NME anlässlich des neunten Studioalbums der britischen (Rave-)Rock-Legende Primal Scream. Und fürwahr: Den z.T. musikalisch gewagten Auflügen in dubby Elektropunk-Noise-Rock-Gefilde der vergangenen Jahre lassen Bobby Gillespie, Robert Young, Martin Duffy und Mani Mounfield mit “Riot City Blues” nun ein blitzsauberes Auf-die-zwölf-Rock’n’Roll-Album folgen, das Fans der Band mit Sicherheit an das 1994er-Werk “Give Out But Don’t Give Up” erinnern wird. Wesentlicher Unterschied: Damals nahm die Band in Nashville u.a. zusammen mit Black-Crowes-Produzent George Drakoulias auf, diesmal sorgte die britische Studio-Legende Youth (Embrace, Killing Joke, Verve etc.) für den richtigen Sound der insgesamt zehn Songs, die innerhalb von nur zehn Tagen live in den Londoner “Olympic Studios” entstanden.
Die erste Single-Auskopplung “Country Girl” ist gleichzeitig der Album-Opener und macht dem Hörer bereits in den ersten 20 Sekunden klar, was beim Scream Team im WM-Jahr die Stunde geschlagen hat. Wirkte die Stones-eske Phase Mitte der Neunziger noch bisweilen klanglich unentschlossen, so präsentieren sich Primal Scream nun wesentlich tighter, mannschaftlich geschlossener und in besserer Spiellaune denn je zuvor. Allein die Gesangsleistung der (Ex-?)Indie-Slacker-Ikone Gillespie lässt sich nur mit der Vokabel spektakulär annährend gut beschreiben.
Primal Scream fanden sich 1984 in Glasgow zusammen und unterschrieben ein Jahr später ihren ersten Plattenvertrag bei Alan McGhees legendärem Indielabel Creation, die Debütsingle “All Fall Down”, die in der Urbesetzung Gillespie (Gesang, ehemals The Wake und seinerzeit in Personalunion Drummer der Avant-Noise-Pop-Sensation Jesus & Mary Chain), Jim Beatti (Gitarre, später Spirea X), Robert Young (Gitarre), Tom McGurk (Drums) und Martin St. John (Tambourine) aufgenommen wurde, erschien im May 1985. Erst etwa ein Jahr später folgte mit “Crystal Crescent” die Follow-Up Single, die der Band vor allem dank ihrer B-Seite, dem C86-Compilation-Beitrag “Velocity Girl” schnell zu großer Popularität und Medieninteresse verhalf. Gillespie hatte sich mittlerweile nach nur einem Album von seinem Engagement als Stehschlagzeuger bei Jesus & Mary Chain verabschiedet, um sich ganz auf Primal Scream zu konzentrieren. Doch das von Fans und Fachjournalisten heiß ersehnte Debütalbum sollte noch ganze anderthalb Jahre auf sich warten lassen.
Nach zwei weiteren Singles, “Gentle Tuesday” und “Imperial”, erschien im Herbst 1987 schließlich mit “Sonic Flower Groove” das erste Primal-Scream-Album, das auf Platz 62 der UK Charts peakte. War das Debüt noch stark beeinflusst vom Sixtiessound der Byrds oder Velvet Underground, so hatten Primal Scream bereits in den späten Achtzigern maßgeblichen Anteil am musikalischen Brit-Phänomen Rave, das u.a. Band wie die Happy Mondays und die Stone Roses hervorbrachte. Zwar hatte das zweite Album der Band bereits eine deutliche musikalische Kursänderung erkennen lassen, doch war es letzten Endes das dritte Primal-Scream-Album “Screamadelica”, das der Band den überfälligen künstlerischen und kommerziellen Durchbruch bescherte. Noch heute gilt das von Andrew Weatherall, The Orb, Hugo Nicholson und Ex-Stones-Produzent Jimmy Miller kreierte Werk als absoluter Meilenstein der britischen Popkultur, das Dance-, Dub-, Techno-, Acid-, House-, Rock- und Indiepop-Einflüsse auf genialistische Art und Weise vereinte und mit Singles wie “Higher Than The Sun”, “Come Together” und “Don’t Fight it, Feel It” gleich mehrere unvergängliche Pop-Klassiker enthält.
Stets bestrebt, sich nicht mit einem musikalischen Genre zu begnügen und ihre Fans immer wieder mit neuen stilistischen Überraschungen zu konfrontieren, ließen Gillespie und Co. dem kaleidoskophaften Rave-Pop-Meilenstein 1994 mit “Give Out but Don’t Give Up” ein unverblümt Rolling-Stones-beeinflusstes Werk folgen, das u.a. den unmissverständlich betitelten UK-Top-Ten-Hit “Rocks” enthielt. Mit ihrem 1997 erschienenen Album “Vanishing Point” wandte sich die Band dann wieder einem komplexer Stilmix zu, mit dem sie einmal mehr ihrer Indie-Vergangenheit Rechnung trug.
Es folgten mit “XTRMNTR” (2000) and “Evil Heat” (2002) zwei weitere UK-Top-Ten-Alben, auf denen sich Primal Scream im großen Stil ihrem Faible für elektronische Musik und Noise-Elemente widmete. Im November 2003 erschien mit “Dirty Hits” schließlich das erste Best-Of-Album der Band. (eine Japan-only-Compilation mit dem Titel “Shoot Speed (More Dirty Hits)”, die u.a. die gesuchten frühen Songs der Band wie “Velocity Girl” oder “All Fall Down” enthält, erschien im März 2004 und ist hierzulande ausschließlich als teurer Import erhältlich).
Bis heute erschienen sieben Primal-Scream-Studioalben, von denen fünf die Top Ten der englischen Charts erreichten. Darüber hinaus stehen achtzehn UK-Single-Chart-Platzierungen zu Buche. Bisheriger kommerzieller Höhepunkt der Band war das Genre-prägende Album “Screamadelica”, das 1991 erschien, Platz acht der UK Albumcharts erreichte und mit dem allerersten “Mercury Music Prize” ausgezeichnet wurde.
Von der Ur-Besetzung verblieben nach zahllosen Personalwechseln lediglich Gillespie und Young im Line-Up – zur Kernbesetzung der Band, in der die Alben der vergangenen fünfzehn Jahren eingespielt wurden, zählen außerdem Andrew Innes (seit 1986, Gitarre, ehemals Revolving Paint Dream) und Martin Duffy (seit 1990, Keyboards, Ex-Felt). Seit 1996 gehört der ehemalige Stone-Roses-Bassist Robert “Mani” Mounfield zur Stammformation. Darüber hinaus finden sich mit P-Funk-Legende George Clinton (bei dem Stück “Funky Jam”), Ex-PiL-Bassist Jah Wobble (bei dem Stück “Higher Than The Sun”), A Certain Ratio/Electronic-Sängerin Denise Johnson (u.a. auf dem “Screamadelica”-Album), Ex-My-Bloody-Valentine-Mastermind Kevin Shields (auf dem 2002er-Album “Evil Heat”) und Kate Moss (auf der 2003-Hitsingle “Some Velvet Morning”) zu den illustren musikalischen Gästen des abwechslungsreichen Primal-Scream-Backkatalogs der vergangenen 21 Jahre.

Auch beim neuen Album wirkten zahlreiche interessante Gastmusiker mit, darunter Echo & The Bunnymen-Gitarrist Will Sergeant, Multiinstrumentalist Warren Ellis (Nick Cave & The Bad Seeds, Dirty Three) und The-Kills-Sängerin Alison Mosshart.

Sony BMG