Mit Comic-Ästhetik und verwegenem Garage-Punk verschaffen vier Frauen aus Dortmund und Bochum dem Grrl-Punk der Neunzigerjahre ein stürmisches Update. Das Debüt der Band, “Hands Up! Hands Up!”, verschaffte ihnen bereits einen Slot auf der Alternastage des Rock Am Ring-Festivals.

Okay, so richtige Newcomer von wegen “Für Euch Entdeckt” und so sind Pristine jetzt nicht unbedingt. Gegründet wurde die mit Tarantinoesker Ästhetik auftrumpfende All-Girl-Garage-Punk-Truppe immerhin bereits 1999. Es sollten dann aber noch einige Jahre der Selbst- und optimalen Line-Up-Findung ins Land gehen, bis die Dortmunderinnen so richtig am Start waren. Vor zwei Jahren gab’s in Form der selbst veröffentlichten EP “Four Leaf Clover” bereits einen kleinen Vorgeschmack von Rebecca (Bass, Gesang), Maren (Gitarre), Jihni (Gesang, Orgel) und Jules (Schlagzeug, mit Nachnamen heißen natürlich alle in bester Ramones-Tradition Pristine); nun liegt mit “Hands Up! Hands Up!” der endlich der erste Longplayer vor.

Vorangegangen waren Tourneen mit Gluecifer, Ash und The Gossip. Und jetzt ist halt ihre Zeit: Vor einigen Wochen spielten Pristine bei Rock Am Ring. Nach ihrem Sieg im von einer Brauerei ausgerufenen ‘Bit Music Contest’, den sie im Verlauf eines energetischen Sets im Berliner Magnet Club ehrlich errungen hatten. Ohnehin ist das Livespielen die Königsdisziplin der Truppe. Die Frankfurter Rundschau befand anlässlich eines Konzerts, Pristine “brettern durchs Gemäuer wie eine Knastrevolte”. Die Welt hörte bei einer ähnlichen Gelegenheit “alle großen Bands mit kleinen, schmutzigen Songs” heraus.
Ob es ihnen aber auch gelingen würde, die Energie der Konzerte im Studio abrufen und überzeugend übertragen zu können, war zunächst unklar, als sie schließlich mit Genepool, Scumbucket- und BluNoise-Mann Guido Lucas in dessen Troisdorfer Studio gingen. Einige Monate und 13 krachige Dreiminüter später steht fest: Es hat funktioniert, und wie! Mit reichlich yeah yeahs und vorwärts preschenden Gitarren stürmen Pristine mit Songs wie “Bloodshot Emo Letter” die immer noch Männerdomäne Rock und hinterlassen dabei rundum positive Eindrücke. Kleine Coming-Of-Age-Dramen der Generation Praktikum sind das. Wie man seinen Platz in diesem Leben finden kann und trotzdem man selbst bleibt.

Sie selbst finden, sie klängen wie Bikini Kill, wenn diese auf einmal ihre Instrumente spielen könnten und nicht mehr ganz so wütend wären. Denn die Wut hält sich hier natürlich in halbwegs überschaubaren Grenzen oder wird zumindest nicht um ihrer selbst Willen zelebriert, sondern produktiv genutzt. Denn Pristine sind keine 19-jährigen Riot-Grrls, sondern allesamt in so genannten bürgerlichen Berufen ausgebildete und halbwegs etablierte mit, ähem, beiden Beinen im Leben stehende Frauen. Tagsüber arbeiten sie als Instrumentalienhändlerin, Journalistin oder Mediengestalterin.
Deutlich in Privat- und Bandleben verinnerlicht haben sie indes den punktypischen DIY-Gestus. Wir verkneifen uns jetzt mal den Spruch mit den bösen Mädchen, die zwar nicht in den Himmel, aber dafür sonst überall hinkommen. Die bisherige Karriere der Pristines zeigt aber: Wer den eigenen Traum selbstbestimmt und mit eisernem Willen in die Hand nimmt, kann auch ohne neoliberale Untertöne so einiges erreichen. So gründete die Band, als nicht auf Anhieb eine Plattenfirma Interesse an ihnen zeigte, kurzerhand ein eigenes Label und brachte das Teil einfach selbst unter die Leute.
Und selbst die Teilnahme am so genannten Pop Camp des Deutschen Musikrats hat ihnen nicht schaden können. Rock’n’Roll wird ja jetzt im Diplom-verliebten Deutschland bereits in der Schule gelehrt, denn nichts anderes als eine solche ist im Prinzip das Pop Camp. Von stattlicher Seite mit der nur auf den ersten Blick stattlich erscheinenden Summe von 150.000 Euro gefördert, wird dort Nachwuchsbands von, äh, Profis wie dem Gitarristen der fürchterlichen und zum Glück nicht mehr aktiven Band Guano Apes das Geschäft erklärt. Pristine nahmen teil – und blieben doch sie selbst. Zum Glück. Es ist jedenfalls davon auszugehen, dass der Titel des Songs, mit dem sich die Band für den Ring-Auftritt qualifiziert hat – “Daddy Told Me” – eher nicht so zu verstehen ist, dass diese vier Frauen jemals auf ihre Väter gehört hätten. Und auch mit der österreichischen Softrockband gleichen Namens wird sie künftig sicher niemand mehr verwechseln.

Text: Michael Jäger