Dem schaurig-schönen Future Pop von Purity Ring kann sich momentan wohl niemand entziehen. motor.de sprach mit Megan und Corin über Tagebücher, Zensur und die Angst, zu viel auf einmal zu veröffentlichen.
Wer sich noch an Grimes‘ zweites Album “Halfaxa” erinnert, muss die ähnlich klingende Stadt schon mit einem Schaudern assoziieren — denn selten war Pop gruseliger. Das passt, denn im kanadischen Halifax lebt auch Megan James, die eine Hälfte von Purity Ring, die mindestens genauso düster-bassige Musik produzieren. Als ihr ehemaliger Schulkamerad Corin Roddick, damals Mitglied der Hyper-Pop-Gruppe Gobble Gobble, seine Sehnsucht nach slicken Hip Hop-Beats nicht mehr unterdrücken kann, mailt er Megan einen Song im verzerrten, sample-lastigen Stil von Clams Casino und bittet sie, darauf zu singen. Purity Ring waren geboren. Mit fünf fertigen Songs spielte man im vergangenen Herbst die ersten Gigs, nun steht bereits die Welttournee ins Haus.

Die von Megans Traumtagebüchern inspirierten Lyrics erzeugen einen märchenhaften Flair, einen spirituellen Feel, den man in Kombination mit Corins zur Überproduktion neigenden Beats nicht mehr so schnell aus den Ohren bekommt. In Angesicht ihres momentanen Erfolgs in ganz Europa hielten wir es für notwendig, das Phänomen einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, bevor es wieder verpufft. Doch zum Verpuffen dürfte es vermutlich ohnehin nie kommen — warum, das verraten Megan und James im folgenden Interview.

Megans geheimnisvoller 3D-Ring mit Bergminen-Optik samt Edelstein.

Corin Roddick: Von welchem Magazin kommst du?

motor.de: motor.de, ein Online-Magazin. Bedeutet es dir eigentlich etwas, ob du gerade ein Interview mit Pitchfork führst, oder eins mit einer regionalen Zeitung?

Corin: Nicht wirklich. Aber vermutlich wäre es besser, wenn ich erst danach wüsste, wer mich da gerade interviewt hat.

motor.de: Schon mal eine schlechte Erfahrung gemacht?

Corin: Manchmal wirst du von Leuten interviewt, die keine Ahnung haben, wer du bist. Und auch kein bisschen recherchiert haben. Ich erinnere mich an ein Interview mit GQ, das wir vor kurzem geführt haben.

Megan James: Der Typ meinte: “Oh, mein Chef mag eure Musik ganz gerne, kann ich euch interviewen?” Wir meinten nur: “Ok, dann helfen wir dir deinen Boss zu befriedigen.” Wie nennt man das, wenn man seinen Chef befriedigt?

Corin: Ähm Megan, überleg grad noch mal, was du eben gesagt hast.

motor.de: Megan, du verarbeitest Tagebucheinträge in deinen Songtexten. Ist es nicht merkwürdig, wenn deine Fans deine intimsten Gedanken mitsingen?

Megan: Das ist ehrlich gesagt ein sehr befreiendes Gefühl. Sobald ich etwas in mein Tagebuch geschrieben habe, fühlt es sich an, als wäre es dort sicher verwahrt. Aber irgendwann wollen diese Gedanken auch wieder ans Tageslicht und die Bühne ist meiner Meinung nach genau der richtige Platz dafür.
Denn dadurch weiß ich…

Corin: … dass es dich noch gibt?

motor.de: Etwa wie bei Descartes — ‘Ich denke, also bin ich’?

Megan: Genau, warum nicht. Der Zuschauerraum saugt meine Gedanken auf und konserviert damit meine Existenz. Was für ein schöner Gedanke.

Purity Ring – “Belispeak”



motor.de: Deine Texte klingen manchmal wie ein gruseliges Märchen. Würdest du sie zensieren, damit auch kleine Kinder zuhören können?

Megan: Ich denke, die Texte sind OK für Kinder. Es gibt ja keine Schimpfwörter oder so.

motor.de: Und wenn du dann von dem Mädchen singst, das sich selbst für ihre unartigen Träumen bestrafen will, indem sie kleine Löcher in ihre Augenlider bohrt, um ihre autoritäre Großmutter im Schlaf sehen zu können?

Megan: Ach, Kinder haben noch viel furchtbarere Gedanken. Ich habe meiner kleinen Cousine auch immer die gruseligsten Geschichten zum Einschlafen vorgelesen. Sie konnte gar nicht genug davon bekommen. 

motor.de: Warum gibt es nur so wenige Songs von euch?

Corin: Oh, ich wette es gibt viel mehr Songs, als du gerade denkst. Manchmal fangen wir etwas an und machen es dann nicht fertig.

Megan: Und kommen eventuell nie wieder darauf zurück. Oder lassen die Idee noch etwas ruhen und arbeiten später daran weiter. Das Wichtigste ist doch, nichts zu überstürzen. 

Corin: Wir veröffentlichen erst einen Titel, sobald wir vollkommen zufrieden damit sind. Das kann mehrere Monate dauern. Ein Typ, wie Lil B mag jede Woche ein neues Mixtape auf seinen Blog laden. Wir sind da vorsichtiger.

Megan: Bei uns steht Qualität über Quantität. Es ist wichtiger, dass wir stolz auf unsere Musik sein können, als dass wir in zwei Jahren die große CD-Box “The Best of Purity Ring” herausgeben.

motor.de: Wo würdet ihr am Liebsten euer nächstes Album aufnehmen?

Megan: Ich mag den Wald.

Corin: Eine Kirche vielleicht…

Megan: Nein, warte. Wenn es irgendwie geht, dann würde ich ein Unterwasser-Album aufnehmen. Wie ein paar Meerjungfrauen, die es tun.

Corin: “Die es tun”?

Megan: Oh nein, nicht schon wieder… 

Purity Ring lassen das Publikum in der kleinen Kantine am Berghain Schwitzen und Erschaudern.

Auch der Auftritt von Purity Ring in der Kantine am Berghain ist ein großer Erfolg. Corin gibt seine Fähigkeiten als Schlagzeuger an einem illuminierten Set zum Besten, während er Megans süßlichen Vocals immer wieder durch sein Mischpult leiert. Der okkulte Abend endet nach exakt elf Songs — jeden einzelnen des Debütalbums haben sie gespielt. Dem Wunsch nach einer Zugabe können Purity Ring an diesem Abend nicht mehr nachkommen: “Wir haben jetzt alle Songs gespielt, die es gibt!“. Die passende Antwort kommt erneut aus dem Zuschauerraum: “Spielt sie doch einfach noch mal!”

Text, Photos & Interview: Josa Valentin Mania-Schlegel

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