Seit ihrer Gründung 1995 spielen sie mit dem Feuer, ob der pyromanischen Bühnenshows oder der Texte und dem Gebaren, dass ihnen den Ruf rechter Gesinnung einbrachte. Der Band-Name mahnt an die Flugzeugkatastrophe auf der US Air Base Rammstein (Rheinland/Pfalz), bei der auf einer Flugshow 1988 über 70 Menschen den Tod fanden: “Rammstein, Fleischgeruch liegt in der Luft/Rammstein, ein Kind stirbt/Rammstein, die Sonne scheint”. Das ursprüngliche Nebenprojekt der Ex-DDR-Musiker wurde spätestens nach ihrem Erfolg in den USA zu einem Selbstläufer und lohnendem Haupterwerb. Doch der Reihe nach:

Alle Rammstein-Mitglieder spielen bereits zu DDR-Zeiten in Bands, die weitestgehend in der Punkszene ihr Zuhause haben. Sänger Till Lindemann spielt bei First Arsch Schlagzeug, Christian “Flake” Lorenz ist zusammen mit Paul Landers bei Feeling B. Christoph Schneider sitzt bei Die Firma am Schlagzeug und Oliver Riedel zupft bei den Inchtaboktables den Bass. Richard Z. Kruspe gründet nach seiner „Republikflucht“ über Österreich und Ungarn die Band Orgasm Death Gimmick, wo er lange Zeit Gitarre spielt. Kurz nach dem Fall der Mauer kehrt er in seine Heimatstadt Schwerin zurück und schließt sich kurzzeitig einer Band namens Das Auge Gottes an. In Schwerin trifft er auf Till Lindemann, der zu jener Zeit sein Geld noch als Korbflechter verdient. Zusammen gründen sie die Tempelprayers – musikalisch inspiriert durch US Metal mit einem englisch dröhnenden Till.
Zusammen nehmen sie ein erstes Demo-Tape auf. Ihr Bekannter Paul Landers bekundet Interesse, zum kompletten Sound mit elektronischem Einschlag, fehlt nur noch ein geeigneter Keyboarder, den sie vermeintlich mit Flake gefunden haben. Flakes Begeisterung hält sich erstmal in Grenzen. Ein Demo wird zu einem Bandwettbewerb eingeschickt, immerhin winkt als Hauptpreis ein Studioaufenthalt in Paris. Den gewinnen sie schließlich auch. Nun wird deutsch das RRRR gerollt und an dicken Bässen geschraubt – Rammstein ist geboren!

1995 gehen sie als Vorband für Projekt Pitchfork auf Tour und unterschreiben im selben Jahr bei Motor. Man beginnt mit den Aufnahmen für das Debüt “Herzeleid” mit dem schwedischen Produzenten Jakob Hellner, der unter anderem auch mit Clawfinger zusammen gearbeitet hat. Dieses erste Studioalbum „Herzeleid“, erscheint im September 1995. Wie siamesische Sechslinge gebaren sie sich von nun an und geben auf ihrem Debüt weder Namen noch instrumentale Zuordnung preis.

Ihr provokantes Liedgut ähnelten den Songs von Deutsch Amerikanische Freundschaft, die seinerzeit ihres Hits „Der Mussolini“ wegen geschmäht wurden. Auch Lindemanns Texte zeichnen sich nicht gerade durch guten Geschmack, politisch korrekte Statements und Natürlichkeit aus. Allerdings schien “Herzeleid” jedoch genau den Geschmack, vor allem vieler ostdeutscher, Rocker zu treffen. Zwar wurden Rammstein anfänglich von MTV boykottiert, verkaufen jedoch 250.000 Exemplare ihrer brachialen Feuermusik. Die erste Single des Nachfolge-Albums „Sehnsucht“ (1997) erklimmt die Hitparaden. Pfarrertochter Christiane Hebold alias „Bobo in White Wooden Houses“ leiht ihre Stimme dem „Engel“ und wird somit radiotauglich. Dennoch bleibt auch das zweite Album ein gutgemachtes Sammelsurium platter Parolen und Attitüden, wie Bück dich, Tier, Bestrafe mich…. Kein geringerer als Filmregisseur David Lynch ebnet den Rammsteinen den Weg ins „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. Im Soundtrack zu seinem Film „Lost Highway“ nimmt er gleich zwei Titel der Deutschen auf: „Rammstein“ und „Heirate mich“.
Die CD „Sehnsucht“ wird ein Erfolgsschlager in den USA mit dem Resultat, dass die Band mit Kiss auf Stadiontournee über den ganzen amerikanischen Kontinent gehen kann und anschließend als Solo-Act Australien erobert. Und auch wenn die “New York Times” nach einem Gig im New Yorker Roxy im Mai 1998 unter der Überschrift “Beware of Flaming Germans” urteilte, Rammstein sei “eine breitgetretene, nicht sehr clevere Karikatur der dunklen Seite des deutschen Temperaments mit all seiner Verklemmtheit zu eindimensionalen Metal-Riffs und dumpf pumpenden Synthesizer-Breaks”, freut sich Gitarrist und Texter Kruspe: “Durch uns beginnt sich das Bild, das viele Ausländer von uns haben, zu drehen. Besonders in den USA fangen die Jugendlichen an, sich für unsere Kultur zu interessieren.”

So etwa für das Video zu Rammsteins Depeche Mode-Cover Stripped, in dem Regisseur Philipp Stölzl Bilder aus Leni Riefenstahls Berliner Olympia-Propagandafilm von 1938 verwendet. Stölzl, der vom Video „Du Hast“ an die Optik der Band mitbestimmte: “Bei Till Lindemanns Lyrik fallen mir Expressionisten wie Georg Kaiser ein, Bruckner, schwarze Romantik. Die Musik spricht eine schwere, erotische, blutige Sprache, okay, aber für mich ist dieser Wille zum großen Symbol eher ein opernhaftes Moment.”

Beim Stück „Bück Dich“, geht Lindemann mit
angeschnalltem Plastik-Dildo auf Keyboarder Lorenz los, was die Polizei in Worcester, Massachusetts, als “lascive stage acting” deutet und die beiden für einige Stunden ins Gefängnis steckt. Nach dreimaliger Verhandlung wird die Strafe auf hundert Dollar und sechs Wochen auf Bewährung festgelegt: Spitzen Werbung, ebenso wie die Tatsache, daß die deutsche Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) die Besichtigung des Videos „Bück Dich“ erst für Kids über 18 genehmigt. So war denn die Rezeption der Rammstein-Variante deutscher Kultur durchaus auch von beabsichtigten und unbeabsichtigten Mißverständnissen geprägt. Als im April 1999 nach einem blutigen Massaker auf dem Schulhof von Littleton, Colorado, behauptet wurde, die jugendlichen Killer Eric Harris, 18, und Dylan Kiebold, 17, hätten sich mit Rammstein-Gedröhn in ihren mörderischen Wahn hineingesteigert, erwegen Schul- und Jugendbehörden auch in Deutschland, Songs wie „Weißes Fleisch“ auf den Index setzen zu lassen: “Du auf dem Schulhof/ich zum Töten bereit/und keiner hier weiß von meiner Einsamkeit/Rote Striemen auf weißer Haut/ich tue dir weh und du jammerst laut/Jetzt hast du Angst und ich bin soweit/mein schwarzes Blut versaut dir das Kleid/Dein weißes Fleisch erregt mich so/ich bin doch nur ein Gigolo.”

Bis zu diesem Zeitpunkt sind von den beiden CDs „Herzeleid“ und „Sehnsucht“ in 40 Ländern insgesamt vier Millionen Stück abgesetzt worden, von den Singles mehr als 1,5 Millionen Einheiten. 1998 war die Band in Deutschland mit einem “Echo” für das beste Video (Engel) und mit einem “Kometen” des TV-Kanals Viva als bester Live-Act ausgezeichnet worden, 1999 erhalten sie abermals einen “Echo” als “erfolgreichste nationale Künstler im Ausland” und werden in den USA in der Kategorie “Best Metal Performance” für einen Grammy nominiert.
Doch der allzu erkennbar aus kommerziellem Kalkül martialisch und mit Feuerzauber zelebrierte Reiz des Tabubruchs – Sagt Till: “Okay, Inzest hatt ich schon, Mord hatt ich schon, Alptraum hatt ich schon” (Landers) – verbrauchte sich rasch. Wenn im ersten Stück Spiel mit mir auf der CD und im Video „Live aus Berlin“ (1999) 400.00 Berliner in der Wuhlheide auf Lindemanns “Vater, Mutter …” folgerichtig mit “Kind” antworteten, dann klinge das, so Birgit Fuß in “Rolling Stone”, “wie ein Haufen 15jähriger, die Lederhosen in Kindergröße kaufen und sich freuen, daß sie so was Verbotenes sehen dürfen. Beim Blick aufs Cover, das die Herren als moderne Version der Comedian Harmonists zeigt, offenbart sich plötzlich die harte Wahrheit: Rammstein sind ein Witz.”
Ihr drittes Studio-Album „Mutter“ (2001) beurteilte Josef Winkler im “Musikexpress” als “ein Mirakel: eine Platte, die gleichzeitig als Gipfelleistung und als ultimative Parodie ihres Genres funktioniert”. Diesmal unter einem Cover, das die Herren in Glaszylindern als Feuchtpräparate zeigte, hob Lindemann gurgelnd zum Titelsong an: “Keine Sonne, die mir scheint/keine Brust hat Milch geweint/in meiner Kehle steckt ein Schlauch/hab’ keinen Nabel auf dem Bauch.”

Die Litanei eines Retortenbabys habe “irgend etwas Therapeutisches, Kathartisches, Urschreiartiges”, empfand Thomas Groß für “Die Zeit”: “Mindestens genauso stark aber erinnert das schaurige Mutter-Rufen an die Fischer-Chöre. Um endlich von dem Vorwurf der Nazi-Propaganda loszukommen, unterzeichneten Rammstein 2001 nicht nur Udo Lindenbergs Aufruf “Rock gegen rechte Gewalt, sondern intonierten auf dem Mutter-Werk auch: “Sie woll’n mein Herz am rechten Fleck/doch seh ich dann nach unten weg/dann schlägt es links zwo drei vier.”

US-Sender boykottieren die Single Links 234 gleichwohl, weil sie schon wieder nach brauner Marschmusik klang. 2003 setzte der Dresdner Komponist Torsten Rasch einige Texte von Rammstein in seinem mit den Dresdner Symphonikern aufgenommenen Liederzyklus “Mein Herz Brennt” um.
Nach einer längeren Pause, die vor allem Till Lindemann für ein literarisches Projekt nutzt, erscheint im September 2004 das vierte Album „Reise, Reise“. In alter Rammsteinmanier geht auch dieses Album erneut europaweit an die Spitze der Charts. Die sich anschließende Tour, 2004/2005 ist schnell ausverkauft, so dass man sich entschließt noch weitere Zusatzkonzerte zu geben. Desweiteren sind Rammstein auf diversen Festivals und in verschiedenen Ländern zu sehen in 2005 zu sehen und …. Haben ein neues Album im Gepäck.
Rammstein werfen ihren Anker im neuen Album „Rosenrot“ (2005) in die Tiefen der deutschen Literatur: Im Titel-Song “Rosenrot” verschmelzen sie das Märchen “Schneeweißchen und Rosenrot” mit Goethes “Heidenröslein”. “Sah ein Mädchen ein Röslein stehen…” zitiert Lindemann Goethes großen deutschen Klassiker. Aber er zitiert nicht einfach, sondern gibt dem Ganzen eine eigene Note: die weibliche Form. Für solch hintersinnige Text-Arrangements ist Till Lindemann bekannt – selbst wenn er sein Gespür für herzergreifende Reime, mitreißende Metaphern und stürmische Parabeln in der Öffentlichkeit gerne hinter einer rauen Schale versteckt.

2006 erscheint „Völkerball“. Darauf enthalten sind Live-Ausschnitte von den Konzerten der „Reise, Reise“-Tour, welche 2004/2005 stattfand. „Völkerball“ gibt es sowohl als Live-CD, als auch als DVD zu kaufen. Den Rest des Jahres 2006 gönnen sich Rammstein eine Schaffenspause.

Im Mai 2007 beginnen sie mit der Arbeit an ihrem sechsten Studioalbum. Aber erst im November 2008 wird bekannt gegeben, dass die Band die Vorproduktion zum neuen Album in Berlin fertig gestellt hat. Ein halbes Jahr später berichten Rammstein auf ihrer Website, dass die Aufnahmen fertig sind und in Stockholm abgemischt werden. Die geplante Tour für November und Dezember 2009 ist schon nach wenigen Tagen restlos ausverkauft, woraufhin die sechsköpfige Rockband ein paar Zusatzkonzerte 2009 und eine weitere große Tour für 2010 ankündigt.
Rammstein-Mitglieder:

Till Lindemann, Gesang
Geboren 04.01.1964, Steinbock
Vizeeuropameister im Jugendschwimmen
Zurückgezogen aufs Land – Korbflechter
Drummer einer Punkband – schrieb Gedichte

Oliver Riedel, Bass
Geboren 11.04.1971, Widder
Begann mit 21 Jahren Bass zu spielen
Stieg ein Jahr später bei den Inchtabokatables ein und zwei Jahre später bei RAMMSTEIN

Christoph Schneider, Schlagzeug
Geboren 11.05.1966, Stier
Spielte jahrelang in diversen Independent-Bands

Paul H. Landers
Geboren 09.11.1966, Skorpion
Verbrachte seine Jugend in Rußland
Gitarrist bei Feeling B

Christian Lorenz, Keyboards
Geboren 16.11.1966, Skorpion
Klassische Klavierausbildung
Spielte in diversen Rhythm & Blues-Bands
Später Keyboarder bei Feeling B

Richard Z. Kruspe, Gitarre
Geboren 24.06.1967, Krebs
Jugendmeister im Ringen
Gitarrist bei “Das Auge Gottes” (damals: Das elegante Chaos)
Soloprojekt “Emigrate”

Foto: (c) Paul Brown