Von Robert Francis sollte man spätestens seit seinem Hit "Junebug", der 2010 im Radio rauf und runter gedudelt wurde, zumindest einmal gehört haben. Nach dem Release des 2012er Albums "Strangers in the First Place" folgte ein emotionales Tief und die Erkenntnis, dass er mit dem Musikbusiness durch sei. Aber ein waschechter Vollblutmusiker kann nicht einfach so aufhören – der 26-jährige Komponist und Sänger aus L.A. hat sich wieder aufgerappelt und angefangen neue Songs zu schreiben. Diese sind nun auf seinem aktuellen Werk "Heaven" erschienen.

Wir haben einen etwas verkaterten und müde ausschauenden Robert Francis am Abend seines Berlin Konzerts im Frannz Club getroffen. Am Abend davor hat die Band in Hamburg gespielt und im Anschluss auf der Reeperbahn ein bisschen zu hart gefeiert, daher der verpennte Out-of-Bed-Look. Lässig kommt er dahergeschlackst. Er trägt ein Shirt mit einem Kaffeefleck und gewohnt tiefem Ausschnitt, der Blick auf sein Brusthaar und einen leichten Sonnenbrand gewährt. Als der Vorschlag kommt, man könne das Interview doch wegen des schönen Wetters draußen machen, kommt Skepsis bei ihm auf – er äußert Bedenken wegen der Fans. Und tatsächlich sitzen wir keine zwei Minuten draußen vorm Hintereingang des Clubs, bis ein (natürlich weiblicher) Fan vorbei kommt und um ein Foto mit ihm bittet.

Ja, Robert Francis ist schon ein ziemlicher Mädchenschwarm, wie man in den Neunzigern so schön gesagt hat. Doch zum Glück hat er nicht nur gutes Aussehen, sondern auch jede Menge Talent zu bieten. Die Musikerkarriere war ihm wohl vorbestimmt: Musik hat in seinem Leben immer eine gewichtige Rolle gespielt. Ry Cooder, bekannt für sein außergewöhnliches Gitarrenspiel, wurde zu seinem Mentor. Als Teenie bekam er die Chance, Gitarrenunterricht von Gitarrengott John Frusciante zu erhalten. Doch als feierwütiges Highschool-Kid hatte Robert anderes im Sinn, als sich mit der trockenen Musiktheorie auseinanderzusetzen, die der ehemalige Red Hot Chili Peppers-Gitarrist ihm vermitteln wollte. "Aber ich denke schon, dass wir einander mochten", so Francis.

Nach der Veröffentlichung von "Strangers in the First Place" im Jahr 2012 war Robert ausgebrannt. Eigentlich war er fertig mit der Musikindustrie. Der viele Stress hatte seinen Tribut gefordert und er erlitt immer wieder Nervenzusammenbrüche. "Du gibst einfach so viel von dir Preis und das jede Nacht vor so vielen Menschen. Und ich hatte nicht das Gefühl irgendetwas zurückzubekommen", sinniert er über diese Zeit. Doch er hat sich wieder gefangen und tastete sich erneut an das Musikgeschäft heran. Wobei es seiner Meinung nach heutzutage generell sehr schwer ist als Person des öffentlichen Lebens, was vor allem am Internet und Social Media liegt: "Die Leute hängen sich an jedem Wort auf. Das ist lächerlich", kritisiert er.

Trotzdem kommt für den Songweiter nicht in Frage, alles an den Nagel zu hängen. Musik machen hat für ihn eine therapeutische Wirkung, sagt er. Es ist also so eine Art Hassliebe, die ihn mit der Musik verbindet. "Wenn ich das nicht machen würde, wüsste ich überhaupt nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Ich muss mich einfach auf diese Weise ausdrücken und meine Emotionen rauslassen, sonst würde sich das alles in mir anstauen und mich vermutlich verrückt machen."
Wie es aussieht wird er wird der Musik also erstmal treu bleiben. Auch wenn er nicht ausschließt, das Areal der Popmusik einmal zu verlassen: er könnte sich gut vorstellen, einmal Filmmusik zu schreiben – für Filme von Paul Thomas Anderson oder Lars von Trier zum Beispiel. Er sei als Sohn eines Produzenten von klassischer Musik (mit der er auch vorrangig aufgewachsen ist) sogar prädestiniert dafür. Das Komponieren und Arrangieren falle ihm ohnehin leichter als das Texten, fügt er an.

Angekommen beim Thema Film, spreche ich Robert auf seine Musik Videos an. In denen sieht man ihn in der Regel, wie er mit einem hübschen Mädchen in einem Auto rumfährt oder am Strand liegt – also Kitsch pur. "Um ehrlich zu sein, die Videos sind meiner Meinung nach ziemlich lächerlich. Ich denke, das war einfach, wie ich mich zu dieser Zeit gefühlt habe.", gibt er sympathischerweise zu. "Ja, es ist schon recht offensichtlich, dass ich Autos und Mädchen liebe. Ich schätze, die Leute wissen das inzwischen. Vielleicht ist es an der Zeit, mal etwas Neues auszuprobieren."
Doch das Video zur neuen Single "Love is a Chemical" folgt wieder demselben Konzept – erneut ist ein vierminütiges Mini-Roadmovie daraus geworden. Es sollte diesmal eigentlich kein "Mädchen und Auto-Clip" werden, doch dummerweise wurde das Material von dem ursprünglich gefilmten Video versehentlich zerstört – "Es soll wohl einfach so sein", seufzt Robert vor sich hin.

Er spielt in seinen Videos immer selbst mit. Da bietet sich die Frage an, ob er sich eine Karriere als Schauspieler vorstellen könne. "Ich kriege sogar öfter Angebote irgendwo mitzuspielen. Ich bin allerdings der schlechteste Schauspieler, den man sich vorstellen kann.", schildert er. Darunter waren Anfragen von den Coen Brüdern und Drew Barrymore. Und Rollenangebote für Horrorfilme kämen öfter – Robert Francis in einem Horrorfilm?! Schwer vorzustellen. Er ist sogar zu dem einen oder anderen Vorsprechen gegangen, ist daran jedoch bisher immer gescheitert. "Ich glaube, je mehr man sich anstrengt, desto schlimmer ist man als Schauspieler." Was die Schauspielerei anbelangt ist er sowieso ein wenig zwiegespalten: "Vielleicht würde ich mal aus Gag bei sowas mitmachen, aber nicht als ernsthafter Schauspieler. Musiker zu sein ist einfach so real und als Schauspieler imitiert man jemanden. Ich glaube nicht, dass ich das wirklich kann."

Stattdessen versucht sich der Musiker nun als Autor. Er schreibt derzeit an seinem ersten Roman. Darin soll es um einen südafrikanischen Künstler gehen, der nach Kalifornien reist, um dort eine Stelle als Lehrer anzutreten und sich schließlich in eine minderjährige Schülerin verliebt. "Es ist ein bisschen wie 'Lolita' trifft auf 'Der englische Patient'", beschreibt er den Inhalt. Außerdem wird Ende des Jahres ein Gedichtband von ihm erscheinen. Doch er hat etwas gemischte Gefühle über seinen Ausflug in das neue Genre: "Das ist alles sehr schwer zusammenzubekommen. Es macht mich nervöser als alles andere, weil es sozusagen unbekanntes Terrain ist."

Nach der Show in Berlin, dem letzten Gig der Europatour, geht es für Robert Francis und seine Band The Night Tide zurück in die Heimat, wo dann im Juni und Juli noch fleißig weiter getourt wird. Auf die Frage, ob es zwischen dem amerikanischen und europäischen Publikum einen Unterschied gäbe, antwortet er: "Ja, auf jeden Fall! Ich denke, die Menschen hier sind wirklich an den Shows interessiert." Die Konzert- und Festivalbesucher in den Staaten seien oft viel zu oberflächlich, bemängelt er. Dort ginge es mehr um das richtige Outfit als um die Musik. "Wenn die Leute hier auf Festivals gehen, dann wirklich wegen der Musik. Sie haben eine ganz andere Einstellung."
 

(Text: Juliane Haberichter / Fotos: David Kitz)