Dank der ungewöhnlichen und brillanten Sounds der Scissor Sisters kann Popmusik gleichzeitig schräg, sexy und extrem melodisch sein – und so für einigen Aufruhr sorgen.
Der kreative Funke sprang bereits vor fünf Jahren über als der damals 19-jährige Jake Shears die Bekanntschaft des Multi-Instrumentalisten Babydaddy machte. Angetrieben durch ihre gemeinsame Leidenschaft für solides Songschreiben und ihren Sinn für schrägen Humor, begannen sie an Songs mit extrem eingängigen Hooklines zu schreiben. Sie ließen sich in New York nieder und einigten sich auf einen Bandnamen, der für einige Verwirrung und im Gegenzug für einige schamgerötete Gesichter sorgte. „Trotzdem ist keine von uns lesbisch veranlagt“, so die Scissor Sisters.

Schamlos? Auf jeden Fall und außerdem im hohen Masse ansteckend. Die Scissor Sisters vereinen rockende Gitarren-Riffs, hämmernde Synthie-Klänge und großartige Texte. Als musikalische Einflüsse kann man Bowie, Roxy Music, Elton John oder Giorgio Moroder nennen bis hin zu possenhaftem Theater und Rock-Opern. Am College hat Jake Autoren-Kurse belegt und Songs mit dem eingängigen Glam-Rock-Groove von „Laura“ („I gotta give myself one more chance/to be the man that I know I am“) erzählen eine richtige Geschichte. Manchmal hört es sich auch so an, als feierten sie mit billigem Champagner eine wilde Party. Auf der anderen Seite gibt es Downtempo-Nummern, die wunderschön und überraschend wehmütig sind: radiofreundliche Soundtracks für den Morgen danach.

Musik, die so funky ist, schreit förmlich nach einer passenden Live-Präsenz. Bevor sie ihre Studioarbeit weiter verfeinerten, entfachten die Scissor Sisters eine wahre Feuersbrunst mit ihren Live-Gigs: zuerst in ihrer Heimat, kürzlich erst ging es aber auch schon Richtung Europa (in Barcelona wurden sie von einem beeindruckten Zuschauer als Erfahrung beschrieben, die sein Leben verändert hat).

Bei ihrem New Yorker Auftritt holten das Duo noch eine dritte Scissor Sister mit auf die Bühne: Performance-Künstlerin Ana Matronic. „Sie ist tough, verblüffend und glamourös“, so die enthusiastischen Jungs. Ana Matronic ist Gastgeberin einer Kabarett-Show in der New Yorker Lower East Side, ursprünglich kommt sie aus der Szene in San Francisco. Die Bekanntschaft mit Jake machte sie auf einer Halloween Party, sie war verkleidet als hätte man sie aus Warhols Factory vertrieben und er war in der Verkleidung einer ‚Hinterhof-Abtreibung’. Sie erinnert sich: „Wir haben uns gegenseitig angesehen und dachten: „Hey, du bist echt cool!““.

In Anas Club hatten die Scissor Sisters Ende 2001 ihren ersten Live-Auftritt und mittlerweile ist die imposante Lady fester Bestandteil ihrer Live-Termine geworden (wobei das Trio von ihren charismatischen Freunden Del Marquis auf der Gitarre und Paddy Boom am Schlagzeug begleitet wird) und singt auch bei Aufnahmen mit. Ana fasst die Haltung der Band zu ihren Outfits so zusammen: „Bei uns geht es darum, dass man seine Fantasien durch das Äußere ausdrückt, wir wollen aus dem Alltag ausbrechen und wie ein wahr gewordener Traum aussehen“.

Man kann nicht leugnen, dass sie ihr Publikum zu interaktivem Verhalten anregen, wie z.B. einen enthusiastischen 75-jährigen Fan bei einer Show. „Wenn es 4:30 Morgens ist und deine Oma auf der Bühne steht und mit dir abfeiert, dann weißt du, dass der Funke überspringt“, lacht Jake.

Es ist ein kleines Wunder, dass die amerikanische Zeitung The Village Voice die Scissor Sisters als Rockband vorstellt, die keine Angst davor hat, sich der Discomusik zu verschreiben. Ein weiteres Highlight ihres Repertoires ist ein Remake des Pink Floyd Prog Rock-Klassikers „Comfortably Numb“, das durch die Scissor Sisters zu einer Glitzer-Disco-Hymne wird – nicht zuletzt durch Jake mit einem Gesang, der stark an die Bee Gees erinnert („Ich habe es immer geliebt im Falsett zu singen) und einem Frankie Goes To Hollywood „Frankie Says Relax“ Retro-Einfluss. Eigentlich kann so eine Fusion nicht funktionieren, aber sie machen diesen Song zu ihrem ganz eigenen, mit einem dicken Glitzer-Überzug.

„Wir haben keine Angst davor alles zu spielen“, so Jake. „Pop sollte wieder eine Bedeutung bekommen – es ist kein schlimmes Wort. Wir ziehen unsere Musik nichts ins Lächerliche und wir werden uns ganz bestimmt keinen Sound aufdrücken lassen. Unsere Songs sind zugänglich genug, dass sie auch Barrieren durchbrechen können. Eigentlich wollen wir auch Country-Musik machen…“. Bevor sie dieses Vorhaben in die Tat umsetzen (alles ist möglich, da Jake das Songschreiben als ‚göttliche Intervention’ betrachtet). Babydaddy: „Natürlich lieben wir Dancefloor, aber die richtige Mischung an Einflüssen führt dich immer wieder woanders hin. Von Anfang an haben wir gesagt: „Das hier soll alles übertreffen“.“

Und so ist es auch. Diese drei extrem verschiedenen und individuellen New Yorker haben sich so viel vorgenommen (Jake: „Woanders wäre ich nie mit solchen Leuten zusammen gekommen“., Babydaddy: „Wir machen, was wir wollen – ohne Kompromisse“.). Die Scissor Sisters haben eine große Mission: sie wollen den Spaß in die Popkultur zurück bringen. Schräger Sound hat sich noch nie so unwiderstehlich dekadent angehört.