15 Jahre Sometree: ein gemeinsamer Umzug, eine Tour mit Snow Patrol und das neue, mittlerweile sechste Album – motor.de will mehr wissen und traf die Band zum Interview.

Nach bisher fünf Alben, die in Alternative-Kreisen hochgelobt werden, haben es Sometree dieses Jahr auf die großen Bühnen geschafft. Im Vorprogramm von Snow Patrol spielten sie vor bis zu 8000 Zuschauern. Schon längst hat sich bei den vier Bandmitgliedern allerdings die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich als Musiker kaum mehr Geld verdienen lässt. So fröhnen Sometree bodenständig ihren Jobs und dem Privatleben. Dennoch kein Grund, die Gitarre an den Nagel zu hängen. Im Oktober erschien „Yonder“, das sechste Album der Band. Mit motor.de sprachen Bernd, Alex und Sebastian über die Tourerfahrung, die Bandentwicklung und warum kleine Clubs viel schöner sind als große Hallen.

motor.de: Im September ist euer neues Album „Yonder“ erschienen. Wie würdet ihr es in vier Worten beschreiben?
Alex:
Ist ne super Platte.
Sebastian: „Ne“ ist kein Wort.
Alex: „Ne“? Na klar, das ist die Abkürzung für „eine“.
Bernd: Ist unsere beste Platte…meiner Meinung nach.
Alex: Ist unsere homogenste Platte.

motor.de: Für die Arbeit daran habt ihr euch eine Zeit lang in einen kleinen Ort in Brandenburg verzogen. Hat euch das noch Input gegeben oder war es eher die Ruhe, die vorhandenen Ideen weiter auszubauen?
Alex:
Letzteres. Wir sind mit vielen fast fertigen Songs in dieses Haus gegangen, mit viel Gegend drum herum und wenig Leuten, die man stören kann. Tobias Siebert war dabei, der hat uns aufgenommen und noch viele gute Tipps und Ratschläge gehabt. Wir haben eine Woche rumgehangen, Musik gemacht und ganz viel in die Sterne geguckt.
Sebastian: Man sieht dort echt viel mehr als in der Stadt.

motor.de: Wenn ihr zurückschaut, welche Entwicklung habt ihr persönlich sowie musikalisch durchgemacht?
Bernd:
Musikalisch sind wir vom ungestümen, brachialen, „Songwriting interessiert uns nicht so richtig“ hin zu einer viel ruhigeren, differenzierteren Art gekommen. Wir versuchen, in mehrere Richtungen gleichzeitig zu gehen in unserer Musik. Das führt auch dazu, dass viel mehr passiert in den Songs. Früher gab es mehr Breaks und Teile, jetzt sind es oft weniger und trotzdem passiert mehr.
Alex: In gewisser Weise kann man das auch von unserer privaten Entwicklung auf die Musik transferieren. Wir sind weniger ungestüm, ich würde erfahrener sagen, auch wenn das in Bezug auf Musik ein doofes Wort ist.
Bernd: Was auch ganz wichtig ist und oft gar nicht so gut zu verstehen, wenn man das nicht selber kennt, ist dass wir tatsächlich über die Jahre teilweise in harten, teilweise auch in sehr erhellenden Lektionen gelernt haben, worum es bei Musik überhaupt geht. Gute Konzerte spielen und gute Platten verkaufen, das ist alles, was wir wollen. Geld und was da sonst für Mythen gesponnen werden, ist für uns nicht mehr so wichtig.
Alex: Wir wissen, dass wir unseren Lebensunterhalt nicht allein mit Musik bestreiten können, deshalb haben wir auch alle noch „normale“ Jobs. Sebastian arbeitet z.B. in einer Filmproduktionsfirma und Bernd in einem Hörbuchverlag.

motor.de: Vor einigen Jahren seid ihr alle zusammen nach Berlin gezogen. Wie hat das mit euren Partnern und Familien geklappt?
Alex:
Ich bin mit meiner Familie wieder zurück nach Hannover gezogen. Für mich persönlich lief zwar alles super, aber mit der Familie war es nicht so leicht, in Berlin Fuß zu fassen. Wir sind daher zurück in unsere „Hood“ nach Hannover. Dort haben wir viele Freunde, die selber auch Kinder haben und jobmäßig hat das alles für mich sehr gut geklappt. Die anderen Jungs wohnen noch in Berlin und immer wenn in Sachen Musik was los ist, pendel ich dorthin.
Bernd: Das war sowieso eine biografische Bruchkante für uns alle, also entweder Studium oder Ausbildung zu Ende, deshalb war es gar nicht so schwer mit dem Umzug nach Berlin. Und was die Partner anging, war das eigentlich ganz genauso.

motor.de: Und wie kam es, dass ihr mit Snow Patrol getourt seid?
Sebastian:
Relativ einfach. Wir hatten zu Beginn des Jahres die Bookingagentur gewechselt und zufälligerweise werden Snow Patrol in Deutschland auch durch die vertreten. Wir wurden gefragt, ob wir den Jungs mal was schicken wollen und sie haben ihr Okay gegeben.
Bernd: So wirklich oft, haben wir sie aber gar nicht gesehen. Das ist ja eine riesige Maschine, die da auf Tour geht und die machen das vielleicht zwei Drittel des Jahres. Für die ist das also ein extremer Alltag. Wenn man sich mal trifft, sagt man Hallo und wechselt kurz ein paar Worte, aber man hängt nicht zusammen ab oder so.
Sebastian: Wobei es wesentlich netter und persönlicher war, als ich erwartet hatte. Ich dachte, dass man die innerhalb dieser sieben, acht Tage gar nicht sehen würde, dass sie vielleicht abgeschottet sind, aber das war gar nicht so. Ich erinnere mich noch an so einen Moment, als wir auf dieser Kartrennbahn gespielt haben und dann kam der Sänger an und hat uns im Prinzip mit der gleichen Bewunderung, mit der wir die Situation empfanden, beschrieben, wie sie vor U2 gespielt haben. Da dachte ich, die sind eigentlich gar nicht so weit weg und können auch noch richtig überrascht werden.

Sometree – Sink Or Swim



motor.de: Gab es spezielle Tourmomente für euch?
Bernd:
Naja, also es ist schon krass, unser erstes Konzert mit denen war in Frankfurt in der Jahrhunderthalle. Wenn du dann da auf die Bühne gehst und vor 4000 Leuten stehst, das ist schon ein Anblick, den hat man nicht alle Tage. Wobei man schon im Hinterkopf haben muss, dass die kommen, um Snow Patrol zu sehen und nicht wegen uns da sind.
Alex: Die deutlichste Konfrontation zwischen unserer Liga und deren Liga war, als wir das erste Mal vor denen auf die Bühne gegangen sind. Normalerweise checken wir dann ja noch mal ganz kurz unsere Instrumente und dann geht es los. Das taten wir, aber die CD ging nicht aus. Ein paar tausend Menschen sahen uns dabei zu, wie wir da warteten und doof rumstanden und irgendwann kam dann der Manager und meinte, wir sollten noch mal nach hinten kommen. Das ist auf die Sekunde genau durchgeplant, wann eben auch die Vorband anfangen darf. Man wird so richtig countdownmäßig eingezählt, bis man dann auf die Bühne darf.

motor.de: Empfandet ihr so was dann als desillusionierend?
Bernd:
Nö. Man kriegt irgendwann mit, dass solche Shows anders gar nicht funktionieren würden. Es hat uns ja auch eine Menge Belastung und Unsicherheit genommen. Wir kennen das von anderen Shows, wo man ewig auf die Hauptband warten muss, wann man denn endlich Soundcheck machen kann, nicht genau weiß, wie lange man spielen darf und so. Und da gab es jeden Abend eine Ansage und wir konnten uns darauf verlassen, dass es läuft.
Alex: Aber die Romantik von kleinen Clubs ist dort natürlich nicht gegeben. Also ich fands geil, hat Bock gemacht, aber nach so vier, fünf Snow Patrol Shows hab ich mich richtig auf unsere kleine Clubtour gefreut.
Sebastian: Wobei wir in Stuttgart auch „nur“ vor 1500 Leuten gespielt haben. Es ist also nicht alles kurz vorm Stadion.
Alex: Das Publikum war schon überall freundlich zu uns, aber du weißt natürlich, dass nahezu 100 % der Leute da sind und auf Snow Patrol warten. Wenn wir eine kleine Clubtour machen und es kommen 40, 50 Leute, dann weißt du, die kommen deinetwegen. Das ist sozusagen der feine Unterschied.

Claudia Jogschies