Es gibt Ereignisse im Leben von Künstlern, auf die sie bis an ihr Lebensende angesprochen werden: Warum einer auf der Wahlveranstaltung für George W. Bush gespielt hat. Ob einem anderen die prägnanten Hooklines dieses einen Smash-Hits wirklich einst auf dem Klo eingefallen sind. Maximilian Hecker verfolgt seit Jahren die Frage nach dem Beginn seiner Musikkarriere. Meist tauchen zwei Standardversionen auf.

Die Erste ist recht schnell erzählt. Ende der Neunziger siedelt der damals 22-jährige Maximilian Hecker vom westfälischen Heidenheim nach Berlin über. Er absolviert eine Ausbildung zum Krankenpfleger und spielt nebenbei leidenschaftlich gern Fußball. Mindestens einmal die Woche trifft er sich mit Kollegen, um gegen das runde Leder zu treten. Eines Tages taucht ein großer, schlaksiger Typ auf. Ein ruppiger Stürmer, der auch noch sein Gegenspieler sein soll. Zum Glück, denn es ist Patrick Wagner, der damalige Chef vom Recordlabel ‘Kitty-Yo’. Schnell merken die beiden, dass sie auch außerhalb des grünen Rasens gemeinsame Leidenschaften teilen. Sie nehmen gemeinsam mehrere Demos auf, und die Geschichte des Pop-Poeten Maximilian Hecker nahm seinen Lauf.

Weitaus mystischer ist die andere Geschichte. Sie beginnt ebenfalls mit dem Umzug von der Heimat- zur Hauptstadt. Verläuft dann aber anders. Denn es ist die Legende vom Straßenmusiker, der auf eben dieser entdeckt wurde. Maximilian mag sie nicht mehr hören. Zwar habe er eine ganze Weile auf der Straße musiziert, doch weder um Geld zu verdienen, noch um entdeckt zu werden: “Einfach nur, um in die Musikerszene Berlins zu kommen.” Laut dieser Story soll ihn die ehemalige Sängerin der Lassie Singers, Almut Klotz, genau dort entdeckt und sofort unter ihre Obhut genommen haben. Sie gründen zusammen mit Jim Avignon die Band Maxi (Unter Menschen). Wahrscheinlich ist es auch der bedepperte Name, der die Band kurze Zeit später den Plattenvertrag kostet. In energischer Eigeninitiative nimmt Maximilian Hecker dann eigene Demos auf, von denen eins auf dem Tisch von Patrick Wagner landet, der schlichtweg begeistert war.

“Eine Mischung aus beidem ergibt dann die richtige Version”, betont der Wahlberliner noch heute bei Interviews. Zwar sei er nach Berlin gekommen, um Musiker zu werden, doch niemals habe er gehofft, dass die Straße sein Sprungbrett zur großen Bühne wird. Die Krankenpfleger-Ausbildung sei eher das gewesen, womit er später Geld verdienen wollte. Auf den Ratschlag seiner Eltern habe er das gemacht. Nebenbei ging er dann bei Wind und Wetter raus auf die und gab Lieder von Beck, Nirvana und den Beatles zum Besten. Immer wieder kam er in Kontakt mit Passanten, von denen eine die bereits erwähnte Almut Klotz war. Der Rest ist Geschichte.

‘Lady Sleep’ heißt das mittlerweile dritte Album von Maximilian Hecker und es ist das eingetreten, was Fans erwartet haben: Es wurden alle Schleusen geöffnet. Die elf neuen Stücke sind – bis auf eine Ausnahme – von Geigen und Piano getragene Elegien. Es sind Lieder über Zweifel, Verlust und Flucht. Sie klingen schwermütig, melodramatisch, herzerweichend. Hemmungslos werden Harmonien ausgebreitet. Eine Vollendung dessen, was die beiden Vorgängeralben andeuteten: Die Hinwendung zur totalen Opulenz.

Sein Debüt erschien 2001 und hieß ‘Infinite Love Songs’. Es war die musikalische Verarbeitung seines jugendlichen Herzschmerzes und rockte teils sehr passioniert, gleichwohl aber beseelt von der Hecker-typischen, alles überdeckenden Total-Melancholie. Zeitgleich zum Debüt erschien auch die erste Single ‘Polyester’, wo schon ein kleines Orchester mitspielen durfte. Die Celli und Geigen gaben dem Lied Weite und Größe, machten aus introvertiertem Singer/Songwriter-Pop kraftvolle Hymnen.

Davon gab es auf ‘Rose’, dem offiziellen Nachfolger, ein paar mehr. Manchmal warfen sie auch Fragen auf. Zum Beispiel, ob die Musik nicht ein wenig zu überladen wirkt, mit all den klassischen Arrangements? Doch solcherlei Kritik prallte beim Komponisten ab. Den Kampf mit der Presse, die ihn gerne mal als Tom Yorke-Verschnitt sah, hatte er aufgegeben. “Fahrstuhlmusik für Melancholiker” sei das Dümmste, was er bisher über sich lesen musste, denn letztlich seien seine Songs sehr autobiografisch: “Ich schreibe meine Lieder, um mit dem fertig zu werden, was mir täglich widerfährt. Die Musik ist eine Liebes- und Freundschaftsbeziehung zugleich, man kann in eine Welt fliehen, in der man schöne Gefühle erreicht, ohne jemand anders zu benötigen.”

Im Fußball sagt man, dass die zweite Saison in der ersten Liga die Schwerste ist, und ein schwacher Verein meist daran scheitert. Maximilian Hecker kennt diese Bierdeckelweisheit und ist sich bewusst, dass er nun mit ‘Lady Sleep’ seinen Stil etabliert hat. Musik, die ins Herz trifft und, wenn sie einen in der richtigen Stimmung erwischt, auch auf die Tränendrüse. Er wolle etwas “Berührendes, Intensives schaffen”. Die Motivation ist dabei immer die gleiche geblieben. Egal ob er auf der Straße steht, oder in einer ausverkauften Konzerthalle.

Text: Marcus Willfroth

Diskografie:

2001 Infinite Love Songs
2003 Rose
2005 Lady Sleep