Das nennt man wohl Erwachsenwerden: Vor drei Jahren waren die Subways aus dem idyllischen Welwyn Garden City nichts weiter als “drei naive, dünne Indie-Kids” mit der Hoffnung auf ewige Jugend, und heute – nach band- und liebesbedingten Turbulenzen – setzt das Trio gleich alles auf eine Karte. “All Or Nothing”, so der Titel des neuen Subways-Albums, beweist: Scheitern ist für diese Band nur die zweite Option.

Wie lange habt ihr an den neuen Songs gearbeitet?
Billy Lunn: Die Songs auf “All Or Nothing” entstanden in den letzten drei Jahren, teilweise stammen sie sogar noch aus dem Studio, in dem wir “Young For Eternity” aufgenommen haben. “Oh Why” zum Beispiel existierte damals schon als Demo. Das übrige Material entstand während der Soundchecks überall auf der Welt.
Charlotte Cooper: Viele dieser Stücke haben wir als Demo aufgenommen und im Anschluss die besten Parts in neuen Songs umgesetzt. Die neuen Lieder sind so etwas wie die Essenz aus 35 bis 40 Demos.

Welchen Anspruch hattet ihr an das neue Material, inwiefern habt ihr euer Songwriting verbessert?
Billy: Um es auf den Punkt zu bringen: Wir wollten, dass die neuen Stücke sauber strukturiert sind. Wir haben viel experimentiert, mit Tonlagen, mit den Texten, mit den Gesangsmelodien. Struktur ist der Schlüssel zu einem guten Song; viele Indie-Songs heutzutage sind nicht in der Lage, aus Schema-F auszubrechen und gängige Strukturen gewinnbringend zu manipulieren.
Charlotte: Außerdem sind wir nur drei Leute in der Band, da müssen die einzelnen Parts so klingen, dass auch die Dynamik rüberkommt, die wir bei den Live-Shows entwickeln.
Billy: Das neue Album fühlt sich so an, als wäre es unser Debüt; als hätten wir noch einmal bei Null angefangen.

Produzent von “All Or Nothing” ist Butch Vig, das Mastermind hinter Nirvanas “Nevermind” oder “New Wave” von Against Me! Begegnet man dem als “Newcomer”-Band eigentlich auf Augenhöhe? Traut man sich überhaupt, einer solchen Legende zu widersprechen?
Billy: Absolut, aber Gott sei Dank war das in unserem Fall gar nicht nötig. Wir haben uns vor den Aufnahmen lang und detailliert über unsere Ziele mit dem Album unterhalten und Ideen ausgetauscht. Das war sehr angenehm, wir funkten da auf einer Wellenlänge, und das hat sich im Studio bezahlt gemacht.
Charlotte: Außerdem hat Butch noch nie zuvor mit einer Band aus England gearbeitet, es war für ihn also auch neu und herausfordernd, mit unserem Temperament und “britischen” Persönlichkeit umzugehen. Und entgegen vieler Befürchtungen hat er unser Album nicht amerikanisch auf Bombast produziert, sondern alle Ecken und Kanten beibehalten und sie sogar in den Vordergrund gemischt.
Billy: Wir sind und bleiben eine Live-Band, und das sollte man auch hören.

Billy, inwiefern hat sich deine Stimmband-Operation vor einigen Monaten auf das Album ausgewirkt. Singt man da mit angezogener Handbremse?

Billy: Nein, im Gegenteil. So fatal die Situation für mich auch war – ich konnte drei Wochen nicht sprechen und zwei Monate nicht singen – für die Band war es fast ein Segen. Es hatte nämlich zur Folge, dass wir einfach nur jammten und die anderen beiden die Möglichkeit bekamen, sich komplett musikalisch auszuleben, ohne von mir “gelenkt” zu werden.
Josh Morgan: Wir sind dadurch auch noch viel besser an den Instrumenten geworden, denn wir konnten uns lediglich auf unser Spiel konzentrieren und mussten nicht parallel am Gesang arbeiten.

Führte Billys arztverordnetes Schweigen auch dazu, dass Charlotte mehr Gesangsparts übernahm? Jedenfalls macht das den Eindruck.

Charlotte: Im Grunde hat sich schon vorher abgezeichnet, dass mein Anteil am Gesang etwas zunehmen wird. Geholfen hat mir dabei auch der Umstand, dass Billy nach seiner OP zum Gesangsunterricht musste, und ich bin einfach mitgegangen. Beim gemeinsamen Warmsingen entstand auch die ein oder andere Harmonie, die jetzt auf dem Album zu finden ist.

Privat ging es etwas weniger harmonisch zu, ihr habt euch im vergangene Sommer getrennt, mitten während der Studiosessions zu “All Or Nothing”. Färbte das auf das Album ab?
Billy: Wir haben uns schon von Anfang an geschworen: Egal, was passiert, die Band hat absolute Priorität. Die Band hat uns alle gerettet und jedem einzelnen über schwere Zeiten hinweg geholfen. Trotzdem hatte unsere Trennung natürlich Folgen für das Album.
Josh: Ehrlich gesagt hatte es – was meine Position angeht – hatte sie bisher nur Vorteile. Ich war immer so etwas wie das fünfte Rad am Wagen, heute fühle ich mich mehr als Teil der Gemeinschaft.
Charlotte: Wir hatten das Glück, uns während der Trennung auf etwas anderes, auf dieses Album konzentrieren zu können, anstatt die ganze Zeit darüber nachzudenken, wie scheiße das alles ist.
Billy: Eine anständige Portion Trennungsschmerz ist auf dem Album gelandet. Wenn wir sauer, traurig oder frustriert waren, haben wir’s einfach ins Mikro gebrüllt…

Text: Florian Hayler