Es waren zehn glückliche Tage, die Carlos Barât in die Lage versetzen, endlich wieder über Musik sprechen zu können. Diese kurze Zeitspanne im April diesen Jahres, in der Englands größte Pop-Hoffnung The Libertines unter der Leitung von Clash-Gitarrist Mick Jones ihr zweites Album aufnahmen, erscheint zum Zeitpunkt unseres Gespräches jedoch bereits Lichtjahre entfernt. Zu viel ist seitdem passiert: Barâts kongenialer Partner In Crime, Pete Doherty, seines Zeichens Junkie und Neverending Sorgenkind der Senkrechtstarter, hat nach zwei abgebrochenen Entwöhnungsversuchen endgültig die Kontrolle über seine Sucht verloren. Folglich ist die Zerrüttung zwischen ihm und seinen Bandmates wohl unaufhaltsam und eine gemeinsame Zukunft ungewisser denn je. Was bleibt ist ‘The Libertines’; ein in seiner unvergleichlichen Intensität atemberaubendes Dokument einer sich anbahnenden Katastrophe und des verzweifelten Versuches, diese zu stoppen.

Die endlose Chronik des drogenbedingten Verfalls Dohertys aufzuschlüsseln, scheint rückblickend ein Ding der Unmöglichkeit. Es verging ja in den zwei Jahren seit ‘Up The Bracket’ kaum eine Woche, in der nicht irgendeine neue Absurdität aus dem Umfeld der Band via Fleet Street kolportiert wurde. Mal lieferten sich die beiden Frontmänner eine Schlägerei, dann wieder brach der mittlerweile offensichtlich von allen guten Geistern verlassene Doherty bis zum Rand voll mit Crack in Kollege Barâts Wohnung ein. Die Sensationsgier der Revolverblätter, die jedes Detail dieses
menschlichen Scheiterns genüsslich aufbereiteten, verdrängte die großartigen Songs des Debüts der Band aus dem Bewusstsein vieler. Und ließ den zynischen Verdacht aufkommen, die Band wolle sich während der Pause bis zum nächsten Album auf möglichst abgeschmackte Weise im Gespräch halten. Dafür spricht auch, dass die Jungs es mit der Wahrheit in der Vergangenheit nicht immer so genau nahmen und die krudesten Geschichten über ihre Gründung verbreiteten. Das Gesicht von Carl Barât spricht indes eine andere Sprache. Mehrmals ringt der offensichtlich komplett verzweifelte Frühzwanziger nach den richtigen Worten, um etwas zu beschreiben, das er selbst nicht versteht. “Ich weiß einfach nicht, was mit Peter los ist”, setzt er an, macht eine Pause, und nimmt einen weiteren Schluck Bier. “Fuck, ich wünschte, das Ganze WÄRE eine beschissene Pressekampagne! Glaub mir, ich gehe am Stock, Mann.

Ich muss mich wirklich bemühen, Distanz zu Pete zu halten, damit mein eigenes Leben nicht auch noch aus den Fugen gerät. Er hat all diese Speichellecker um sich, die ihn in seiner Art, die Dinge zu sehen, bestärken. Diese Leute hetzen ihn teilweise sogar gegen uns auf. Was bleibt mir anderes zu tun, als zu versuchen, unseren Kahn auf Kurs zu halten?” Die Hilflosigkeit, mit der Carlos darum ringt, seinen verlorenen Freund zurückzuhalten, wird mit jedem seiner Worte spürbar.
Nun sind die ‘Likely Lads’ natürlich weder die erste noch die einzige Band mit Drogenproblemen. Libertines-Referenzbands wie The Clash oder The Smiths hatten ebenfalls schwer drogenabhängige Mitglieder, deren Sucht zumindest bei letzteren und im Falle von Bassist Andy Rourke rückblickend von Morrissey als mitverantwortlich für das Scheitern der Romantik-Popper bezeichnet wird. Keine Frage – Musiker mit Vorliebe für illegale Substanzen sind so alt wie der Rock’n’Roll selber. Selten aber ist es jemandem gelungen, die durch diese Problematik ausgelöste Ohnmacht derart eindrucksvoll zu vertonen wie es die Londoner auf ihrem zweiten Werk tun; das ist das wirklich bedrückende an ‘The Libertines’.

Am deutlichsten wird die erste Singleauskopplung ‘Can’t Stand Me Now’, die in einem gegenseitig anklagenden, gesanglichen Zwiegespräch zwischen Barât und Doherty mündet, das die gesamte innerliche Zerrissenheit der Hauptakteure offenbart: “If you wanna try, there’s no worse you could do, I know you lie, but I’m still in love with you, You can’t take me anywhere, I can take you anywhere, I’ll take you anywhere, you wanna go, no, you can’t stand me now.” Und dann hoffend, beide zusammen: “Have we enough to keep it together? Or do we just keep on pretending, and hope our luck is never ending?” Auch die meisten anderen der 15 neuen Songs gleichen in ihrer gnadenlosen desperaten Offenheit, mit der die Band die ganze Welt an ihrem Schicksal teilhaben lässt, einem voyeuristischen Akt.

Aber haben sie denn überhaupt eine andere Wahl? Immerhin gibt diese Platte der Band die Gelegenheit, endlich ihre Version der Geschichte zu erzählen. Es geht darin um viel Liebe, um Verständnis aber auch um absolute Machtlosigkeit und Hass. Das Vertrackte ist, dass die diesen Themen innewohnende Tragik der Libertines-typischen romantischen ‘loner’-Attitüde auf dramatische Art und Weise entgegen kommt. So wird das alte Klischee bedient, wahrhaft große Kunst werde aus Verzweiflung geboren. Diese Musik hat eine eigenartige psychologische Wirkung. Anfangs stößt sie einen vor den Kopf, scheint unausgegoren, fahrig, schlecht aufgenommen. Dann aber entwickeln die Songs eine immer stärkere Wirkung und lassen einen schließlich nicht mehr los. Man muss jedoch entschlossen sein, diese Platte unbedingt mögen zu wollen, da die erste ja so gut war. So entschlossen, wie es die Libertines bei diesen Aufnahmen waren.

“Wie unsere Zukunft aussieht? Die Wahrheit ist: Ich habe keine Ahnung. Wir werden wohl einige Gigs mit einem anderen Gitarristen spielen. Auf Dauer aber sind wir ohne Peter nicht die Libertines. Ich habe alles in meiner Macht stehende getan. Es liegt nun an ihm, auf mich zuzukommen.” Zum Abschied klopft mir Carlos hilflos auf die Schulter. Er bedankt sich für mein Interesse und geht. Einsam, beinahe gramgebeugt. Es gilt für ihn auch in den nächsten Tagen ein Album zu promoten, das wohl eine Momentaufnahme bleiben wird – von einigen wenigen glücklichen Tagen im März.

Text: Torsten Groß