Tool – eine noch aktive, undurchschaubare, verehrte Musiklegende. Vorreiter im Progressive-Rock und/oder Alternative-Metal.
In Los Angeles entsteht diese sicherlich einmalige Band der modernen Rockgeschichte. Die einzelnen Mitglieder ziehen alle während der 80er Jahre unabhängig voneinander in die kalifornische Metropole, man versucht sein Glück im Filmgeschäft, kommt nicht weit und findet 1990/1991 zueinander. Gitarrist und eigentlicher Kopf der Band Adam Jones, Sänger Maynard James Keenan, Bassist Paul D’Amour und Schlagzeuger Danny Carey scheinen die richtigen Kontakte zu haben. Ohne größere Veröffentlichungen tourt man sofort mit Größen wie Rollins Band, Fishbone und den befreundeten Rage Against The Machine. Plattenvertrag, erste EP (‘Opiate’) und jede Menge Szene-Aufregung folgen. Das Besondere: die Zeit und der Ort an denen Tool ihren Sound entwickeln.

Anfang der 90er gab es an alternativen Rock Grunge, Metal der noch in den 80ern steckte, seltsam neuer Bubblegum-Punk-Pop und erste Ansätze der Crossover-Welle. Woher auch immer, aber sie kreierten ein wahrhaft einmaligen Sound aus Metal, sphärischen Rockjams und wahnsinnigen Laut-Leise-Wechseln. Tool ließen (noch) weniger von den Verkaufszahlen her, als vielmehr durch ihre beeindruckende musikalische Arbeit die Kinnladen reihenweise offen stehen. Sie waren zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle. Sie waren einmalig.

Nach dem Albumdebüt ‘Undertow’ übernimmt Justin Chancellor den Bass, aber dies bleibt Marginalie, denn 1996 dann ‘Aenima’. Ein Meisterwerk. Eine Platte für die Ewigkeit, eine, die in scheinbar jedem Rockmagazin in seiner Liste der besten 100 Alben der Musikgeschichte Eingang findet. Wer solches leistet darf sich wahrlich auf die Schulter klopfen und sich bedeutend fühlen. Nur steckt darin eben auch immer die Gefahr, an der eigenen Innovativität zu ersticken und schrittweise langweiliger zu werden. Und bei Tool meinen manche diese Gefahr bestätigt zu sehen.

Man kann es ganz gut auf diesen Nenner bringen: wer Tool liebt wird sie wohl immer lieben, wer nicht schüttelt über grässlich zu hoch gestimmte Bassgitarren, mit Taschenrechner ausgerechnete Rhythmuswechsel und die zuweilen skurril anmutende Selbstinszenierung der Gruppe nur den Kopf. ‘Undertow’ (1993) – der 90er-Jahre-Schlaf mit zerrissenen Jeans und ersten Chucks gebiert Alpträume. ‘Aenima’ (1996) – der Höhepunkt, der ganz große Wurf, der (einmalige) Moment in dem alles stimmt. Zeit, Ort, Emphase. ‘Lateralus’ (2001) – hoppla, nach dem 3. Album tut’s nicht mehr weh, das Konzept verharmlost sich selbst, trotz wohl ehrlichen Bemühens. ‘10000 Days’ (2007) – die Stagnation, Kritikerenttäuschung und sehnsüchtig Erwartete Rückkehr für die Fans. Diese Band hat sich eine eigene Rocknische gebuddelt – samt crazy Anhängerschaft mit Treuetatoos und gespaltener, zerstrittener Kritikerschaft (vor allem über das Urteil ob sie zu echter Weiterentwicklung mittlerweile unfähig sind oder nicht). Was Tool für den Rock getan haben bleibt unbestritten, was sie noch für ihn, im 21. Jahrhundert, erreichen können, dass gilt es von der Band gezeigt zu bekommen.

Mauricio Quinones