Nach einer 15-minütigen Fahrt mit der U7 Richtung Rathaus Spandau und einem 5-minütigen weiteren kurzen Marsch erblicke ich endlich die Renaissancefestung Zitadelle Spandau. Wow, erinnert mich irgendwie eher an ein Familienausflugsziel am Sonntagnachmittag, als an eine Location für ein Rap-Konzert. Ein Blick nach links: 6 arme Gestalten (stark angetrunken), mit hochrotem Kopf, Schweißperlen auf der Stirn, stützen sich am Geländer ab und schütten sich kurz vor der Einlasskontrolle die letzten Alkoholreserven (Bier und Wodkagemisch) in den Hals, während sie etwas undeutlich in meine Richtung schreien und sich dabei gegenseitig anrotzen:

„Wer ist der King of Rap? – S.S.I.O.

Guckt nur bei Sex relaxed – S.S.I.O.

Kopfnicken kostet Geld ……..“

Eine Flasche Bier knallt auf den Boden und die Gruppe verstummt. Läuft, hier bin ich richtig! Ich lächle schadenfroh und bedanke mich mit einem wortlosen Nicken, um danach meinen Weg fortzusetzen.

Ja, auch dieses Jahr rollte die Trailerpark-Crew wieder über das Land, um ein bisschen Wahnsinn unter das Volk zu bringen. Beim Trailerpark Open Air 2015 in Berlin hatten sich einige sehenswerte Gäste angemeldet, die ich mir unbedingt aus der Nähe anschauen wollte. Dank meiner leichten Verspätung und dem überpünktlichen Beginn, verpasse ich BRKN und Joshi Mizu. Mmh, Mist. Um meinen Frust abzureagieren, schlendere ich zum Bierstand und schaue mir danach als erstes Karate Andi aka der Boss vom Hinterhof an. Der Beat drückt ordentlich und die Show wirkt sehr routiniert. Ich fange gerade an die Hits der „Pilsator Platin“ zu feiern und bekomme mega Bock auf die restlichen Songs, als dann dieser Typ neben mir pausenlos schreit: „Fick dich, so ein Hipster-Scheiß“ Dabei blickt er mit erhobenen Mittelfinger Richtung Bühne. Ich bin genervt, aber es ist zu eng, um zu flüchten. Zum Glück kennt sich der Boss vom Hinterhof mit solchen Typen aus und verteilt kurz darauf in einer Pause Freibier an all die Willigen in den ersten Reihen. Der Typ von eben, steht jetzt 3 Reihen vor mir – mit Bier und hebt den Arm zum Beat. Tzzz, wie war das doch gleich: die Hand, die dich füttert, beißt man nicht, oder so?

Foto 2 Eko Fresh

Danach steht Eko Fresh auf der Bühne. Der Kölner spielt seine Stärken voll aus und kickt in den Pausen mal schnell ein paar capella Lines von seinem nostalgischen, 30-minütigen Song „700 Bars“. Dabei diskutiere ich mit einem Typen darüber, ob er den ganzen Text vom Song drauf oder nur Auszüge im Kopf hat. Er so: „Ja, nee, ich glaub der könnte dir auch sofort die vollständigen 1000 Bars vorrappen“. Ich muss weg….Foto 3 SSIO

Weiter geht’s mit SSIO, der seinem Image, als Kanalreiniger alle Ehre macht und im Arbeitsoutfit auf die Bühne kommt. Bereits nach dem ersten Song ist die Menge am feiern und unterstützt den Bonner Straßenrapper textsicher. Irgendwann werden dann noch die legendären „Scheiss auf Salat“- Shirts in der Menge verteilt. Merke: Wenn du demnächst eines dieser kostenlosen Shirts von SSIO abfassen willst, solltest du kein kleines blondes Mädchen mit Zahnspange sein. (war ihm dann wohl doch irgendwie zu jung und er hat es jemand anderem geschenkt)

Foto 4 Alligatoah

Die Bühne wird zum himmlischen Hofstaat umgebaut und danach ist Ausnahmezustand angesagt: wenige Takte genügen und die Menge jubelt, unzählige Arme gehen auf und ab und singen die Texte von Alligatoah. Ich verfolge das Geschehen für eine Weile und lass mich auch hier und da zum mitsingen hinreißen, doch ärger mich irgendwann zu doll darüber, dass meine Kippen leer sind und ich Hunger habe.

Trailerpark beginnt: Ich hab gegesssen, aber noch immer keine Kippen. Neben mir steht ein Typ und fragt mich, ob ich ein paar Teile für ihn hätte. Ich so: „Ähm, nee, aber hast du Zigaretten?“. Strike! Zufrieden schau ich mir weiter Trailerpark an und beobachte nebenbei weiter den Typen, wie er die Konzertgäste erfolglos nach Zeug anquatscht. Naja, zumindest textsicher ist er. Passend dazu spielen DNP, Sudden, Timi Hendrix und Alligatoah einen Soundtrack, der keine Schmerzgrenze kennt. „Berlin, wer ist auf Crystal Meth?“, schallt es von der Bühne. Vor mir gehen alle Arme hoch (ja, auch der Arm von dem Typen) und die Menge jubelt. Oh man, diese Trailerpark-Fans waren schon immer etwas spezieller. Aber dafür ist der Drogen-Ausrast-Rap ja konzipiert – um auch diesen Leuten einheizen zu können. Mit großem Erfolg, wie man sehen konnte.