Mit dem Melt! Festival ist es wie mit Ex-Affären, die mich in regelmäßigen Abständen anrufen: “Bitte, lass es uns doch noch mal versuchen” oder dir auf der nächsten Party auflauern, wenn der Schnaps dich mal wieder die Welt umarmen lässt. 

Immer in diesen besagten Momenten schafft es das Melt!, sich zumindest peripher in mein Herz zu spielen – denn eigentlich will ich jedes Jahr aufs Neue nicht mehr hin. Festivals sind für mich entweder: Ein Line-Up, dass dich den Dreck, der dich umgibt, galant vergessen lässt. Auf dem du mit Kusshand auf die eh viel zu volle, kalte Dusche verzichtest, um die nächste Band zu sehen. ODER: Viele Freunde und Menschen, die es werden wollen auf einem Haufen. Ein fantasievoll geschmücktes Gelände, kaum Kontrollen, viele Stimmungsmacher und keine Ahnung, was auf der nächsten Bühne auf einen wartet. Auch hier ist Hygiene dann eher zweitrangig und das Outfit besteht mindestens ab Tag 2 aus irgendwelchen Andenken vom Gelände – sei es nun Schmutz oder fremde Kleidungsstücke.

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Aber das Melt! ist weder Fisch, noch Fleisch: Das Line-Up ist OK, die Location ganz nett, aber nichts so wirklich toll. Die Outfits der Gäste sehen auch nach dem dritten Tag irgendwie immer noch so aus, als hätten die Leute portable Umkleide- und Duschkabinen dabei, die Deko ist durchsetzt von irgendwelchen glitzernden Promostages und du selbst fühlst dich nicht gerade #wearemelt, so wie es die aktuelle Kampagne auf riesigen Plakaten versucht, der Menge zu vermitteln.

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Das Melt! Festival ist heute eines der größten Musikfestivals in Deutschland und das merkt man. Es ist kein Festival, mit dem ich mich identifiziere, das mich wie von selbst durch seine Atmosphäre trägt. Die meiste Zeit bin ich eher damit beschäftigt, von der Mainstage zur Gemini Stage zur Desperados Stage zu rennen, denn genau auf der anderen Seite vom Gelände spielt gerade ein Act, den ich eigentlich nicht verpassen wollte, aber meine Freunde tanzen gerade beim Big Wheel und warten seit 15 Minuten an der Bar auf mich. Unter Garantie verpasst man auf dem Melt! ca. 50% von den krassen Festivalstories, während man den anderen 50%, gemeinsam mit zwanzigtausend anderen Menschen, hinterher rennt – jedes Jahr auf’s Neue, denn es war erst dieses Jahr zum ersten Mal nicht ausverkauft.

Wer auf’s Melt! geht, der weiß, man muss sich musikalisch eigentlich nicht entscheiden, denn von Skepta bis Ben Klock ist hier für jeden was dabei, die Frage ist nur, ob man es schafft, rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein.
Das klingt nun alles wie ein verdammt schwaches Festivalkonzept, aber dieses Jahr hat sich das Melt! als meine ewig hassgeliebte Ex-Affäre irgendwie besser angestellt, als die Jahre zuvor.

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Klar, es war Opportunismus als wir uns dafür entschieden, dieses Jahr aufs Neue nach Ferropolis zu pilgern. Wir packten spontan unsere Sachen, als würden wir geradezu nach einem Grund suchen, endlich unser neues Zelt auszuprobieren. Und was soll ich sagen: alleine HO99O9 und Skepta waren es absolut wert. Denn was das Melt! dieses Jahr vollkommen richtig machte, war: Musik und neue Ideen. Dabei ging es weniger um ein irgendwie geartetes Gemeinschaftsgefühl unter dem Label des Festivals, es ging auch nicht um die Stimmung auf dem Zeltplatz, es ging vor allem darum, dass man gemeinsam mit musikinteressierten Menschen zusammenkam, um die Varietät an guter Musik zu genießen, die das Melt! zu bieten hatte.

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Klar – wir alle fragten uns zwischendurch, wer eigentlich jetzt der “echte” Headliner sei, aber um ehrlich zu sein: Während unserer Pilgertouren zwischen der von Modeselektor kuratierten “Melt!selektor-Stage” und dem “Forest”, einem Märchenwald, präsentiert von Temp Affairs, haben wir wirklich zu viel Spaß mit neuer Musik gehabt, um uns ernsthaft zu beschweren.

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Auch dem klassischen Festival-Styling Thema wurde dank Levi’s ein komplett neuer Twist verpasst: Statt sich ewig vergeblich durch die eigenen, klammen Klamottenberge im schwitzigen Zelt auf der Suche nach DEM ganz besonderen Festivalteil zu wühlen, kriegten einige Glückliche ihr ganz besonderes Festivalandenken im mobilen “Tailor Shop” in Denim verewigt. Das coole: Viele Bands nahmen teil und so konnte man das ein oder andere Meisterwerk bereits live auf der Bühne begutachten und sich Inspirationen für das eigene, ganz besondere Festivalteil zu holen. Wem zwischen den Gigs dann trotzdem noch langweilig war, der durfte sich auch sein eigenes T-Shirt, passend zur Jacke, batiken.

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Letzten Endes muss ich zugeben, dass ich wirklich skeptisch in meine erneute Begegnung mit dem Melt! gestartet bin, denn: Es war nicht immer einfach zwischen uns. Was uns jedoch verbindet, ist die Liebe zur Musik – und das ist das, was dann doch wieder eine einzigartige Stimmung kreieren kann, die vielleicht weniger #wearemelt, sondern eher #wearemusic heißen sollte.

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