Von Songwriting, Signature Sound und Selbstbewusstsein. Die kanadische Indie-Rock Band Zeus gibt uns Ein- und Ausblicke in ihre Geschichte, Arbeitsweise und Einflüsse.

(Fotos: Derek Branscombe)

Auch wenn eine Band, die erst seit drei Jahren besteht, noch als sehr jungfräulich zu betrachten ist, haben die Jungs von Zeus doch schon eine lange Musiker-Geschichte vorzuweisen. Waren sie in Teilen schon in diversen Projekten zusammen unterwegs, so beispielsweise in der Pop-Rock Band The Golden Dogs, vereinzelt mal mit Feist und zusammen als Paso Mino – die Backing-Band für Singer-Songwriter Jason Collett –, aus der sich schlussendlich Zeus gebildet hat. Aus dem gesammelten Material entstand 2009 die EP “Sounds like Zeus” und 2010 das Debüt-Album “Say Us” (man mag anscheinend Wortspiele).

Stilistisch bewegen sich die Multi-Instrumentaliten von Zeus, denn wer da mal was einspielt, kann man nie so genau sagen, zwischen klassichem Pop/Rock und bluesigem Folk. Dabei dringt viel Altes und dennoch viel frischer Wind aus den Membranen und eintönig wird es bei drei Songwritern ganz bestimmt nicht. Auch mit dem nun schon zweiten Album “Busting Visions” bleibt man sich treu: The Beatles und The Band meets Manfred Mann und David Bowie.

Die Vergleiche zu den Stil-Größen machen ihnen nichts aus, sind sie doch Teil ihrer Identität: “Als Musiker saugt man irgendwie alles auf, was man hört und mag. Man verbringt so viel Zeit damit, sich Musik anzuhören, die man mag, dass man, wenn man dann anfängt, Songs zu schreiben, schon eine Art Konglomerat dieser ganzen Einflüsse ist. Und man verleiht dem ganzen immer einen eigenen Touch.” Und so sind die Songs auch keine einfache Retro-Retourkutsche, sondern eher eine Kombination von Altbekanntem und dessen Transformation ins Heute. Zusätzlich haben sich Zeus den Indie-Rock-Stempel dazu auch noch verdient, denn Songwriting, Recording und Mixing wird vollkommen in Eigenregie vollzogen.

motor.de hat sich an einem sonnigen Spätsommernachmittag mit Carlin Nicholson, Mike O’Brien, Neil Quin und Rob Drake im lauschigen Prenzlauer Berg auf Grünen Tee und belegte Brötchen getroffen und dabei eine sehr aufgeschlossene und redefreudige – Robbie mal ausgenommen – Band erlebt, der die Presse-Tour auch nach dem zigsten Interview noch nicht auf die Nerven ging. Glück für uns, so konnten wir auch hier und da mal nachbohren und kritisch hinterfragen.

Zeus – “Are You Gonna Waste My Time”

motor.de: Der Sommer ist ja schon so gut wie vorbei. Habt ihr auf irgendwelchen Festivals gespielt?

Carlin: Nicht hier, aber in Kanada und den USA haben wir auf einigen gespielt: Wir waren auf dem Hillside Festival, Osheaga, Ottawa Blues Fest…

Mike:
…Hopscotch Festival und wir spielen demnächst auf dem “Pygmalion Festival” in Champaign, Illinois.

motor.de: Was habt ihr da so erlebt? Habt ihr interessante Acts gesehen?

Mike: Eigentlich war das Ottawa Blues Fest eines der besten. Wir haben an einem Hip-Hop-Tag gespielt. Da waren nur Hip-Hop-Acts und wir waren die einzige Rockband. Snoop Dogg war Headliner, Lauryn Hill war da und so ein Typ namens Del the Funky Homosapien. Den fanden wir ziemlich gut.

Neil:
Charli 2na war auch gut. Wir haben auf der selben Bühne wie er gespielt.

Mike:
Und unser Dressing Room war direkt neben seinem. Ich bin mal aus Versehen da rein gestolpert und es war sehr neblig drin (alle lachen). Insgesamt hatten wir aber richtig gutes Publikum und es hat Spaß gemacht.

motor.de: Ihr seid offiziell als Band seit 2009 zusammen, aber ihr kennt euch alle schon länger. Wie habt ihr euch getroffen?

Mike: Carlin und ich kennen uns seit der High School. Wir hatten unsere erste Band zusammen. Mit Robbie, der auch aus unserer Heimatstadt kommt, hatten wir später auch nochmal eine andere Band. Und Neil haben wir in Toronto durch eine andere Band kennen gelernt, die The Golden Dogs hieß und in der Carlin und wir alle zeitweise gespielt haben. Aus dieser gegenseitigen Freundschaft ist dann Zeus entstanden.

motor.de: Und ihr wart eine Zeitlang zusammen auch als Backing-Band mit Jason Collett unterwegs. Wie war das so?

Carlin: Das war großartig. Jason ist ein wunderbarer Songwriter.

motor.de: Wart ihr dort auch in den Songwriting-Prozess involviert?

Carlin: Er ist immer offen für Vorschläge von alles Seiten, aber eigentlich sind seine Songs schon immer so fertig, dass man sofort loslegen kann. Wir haben versucht, sie nach unseren Möglichkeiten am besten umzusetzen und auch unseren eigenen Flair mit einfließen zu lassen.

motor.de: Inwiefern ist das Gefühl als Backing-Band auf der Bühne zu stehen anders als wenn man seine eigenen Songs spielt? Wie war das gerade am Anfang? 

Mike: Es ist einfach ein anderes Level von Aufregung und Begeisterung, wenn wir als Zeus auf die Bühne gehen und unsere Songs spielen. Gerade am Anfang hatten wir das Gefühl, dass wir in diese Arena der Champions treten. Viele Acts bringen so viel Energie in ihre Auftritte, sodass wir irgendwie versuchen wollten, uns diesem Level an Intensität anzupassen.

motor.de: Wo wir gerade vom eigene-Songs-Singen reden: Ihr seid drei Sänger in der Band, wie funktioniert das?

Neil: Jeder schreibt seine eigenen Songs zuhause, danach bringen wir zusammen und zeigen sie uns gegenseitig und fangen dann an daran zu arbeiten.

motor.de: Also habt ihr so konkrete Listening-Sessions?

Neil: Ja, wenn wir an einem Album arbeiten oder manchmal bei den Proben. Da hat machmal einer gerade einen Song dabei, aber wir setzen uns jetzt keine Termine an denen wir gezielt nur Sachen anhören. Das kommt nur vor, wenn wir gerade an einem Album arbeiten. Die Songs entstehen ohnehin eh über eine gewisse Zeitpanne, während man auftritt und zusammen spielt. Wir schreiben schon größtenteils allein zuhause und arbeiten nicht als Band zusammen an den Songs.

motor.de: Wie geht ihr damit um, wenn zum Beispiel einer eine Idee für den Song eines anderen von euch hat und diese Idee (sagen wir ein Gitarrenriff oder sowas) dem Songwriter dann nicht gefällt?

Carlin: Es ist eigentlich ein gegenseitiges Verständnis untereinander. Ich glaube wir hatten nie wirklich eine Situation, wo wir dachten, dass etwas wirklich mies ist. Ich meine es gibt Momente, in denen du das Arrangement optimieren willst und da ist jeder eigentlich sehr aufgeschlossen, Dinge zu tauschen und Neues auszuprobieren. Es tut niemandem weh, etwas herumzuprobieren. Das ist eigentlich auch genau das, was uns ausmacht: Wir probieren eigentlich alles aus und was am Ende hängen bleibt, ist eigentlich immer das, von dem wir alle gegenseitig am begeistertsten sind. Andererseits würde auch niemand sagen: ‘Hey, das ist Scheiße.’ Es würde immer herüberkommen als ein Hey-lass-uns-das-mal-so-probieren.

Mike:
Es ist vielleicht so ein ungeschriebenes Gesetz, dass der Songwriter am Ende das Sagen hat.

Neil: Ja, Songwriter’s Call. Auf jeden Fall.

Mike: Ja, er ist wie der Kapitän. Wenn er letztendlich eine starke Vorstellung hat, wie bestimmte Sachen sein sollen und jemand macht einen Vorschlag, der davon wegführt, dann merken wir: ‘Ok er hat eine bestimmte Vision, wie der Song sein soll, die ihm in dem Prozess des Schreibens kam.’ Und da willst du dich nicht wirklich einmischen, denn die Vision ist Teil der ursprünglichen Eingebung. Bei mir kommt alles aus dieser Eingebung, und sei es nur der Sound der Snare Drum.

Carlin: Es kommt wirklich drauf an: Manchmal hat einer nur eine unfertige Idee oder einen Song in dem ein Teil noch fehlt und ein anderer fügt dann etwas hinzu. Manchmal fängt man eine interessante Idee an und sieht einfach, was draus wird. Wir jammen auch viel. Ego spielt in der Band eine unbedeutende Rolle. Jeder ist interessiert an den Ideen der Anderen.

Zeus – “How Does It Feel”

motor.de: Ihr seid alle ziemliche Multi-Instrumentalisten. Was spielt jeder von euch?

Mike: Wir wechseln zwischen Gitarre, Bass, Keyboard und Drums, also den klassischen Rockinstrumenten. Live bleibt Robbie an den Drums, aber im Studio spielen wir alle alles und experimentieren herum. Es ist die beste Möglichkeit für jeden, seine Vorstellungen umzusetzen.

motor.de: Bei so viel Herumwechseln, auch auf der Bühne: Wie denkt ihr, schafft ihr es, dass man immernoch merkt, dass es Zeus sind, die spielen?

Carlin: Das ist schwer eindeutig zu bestimmen. Ich denke, es ist einfach wie wir zusammen spielen und auf der Bühne agieren. Die Leute mögen einfach unsere Art. Wir sind sehr bescheiden, aber wir wollen eine gute Show spielen.

motor.de: Wie lang habt ihr am Debüt-Album “Say Us” gearbeitet?

Mike: Es hat eine ganze Weile gedauert, da wir selbst erst nicht wussten, dass wir an einem Album arbeiten. Ich glaub “Fever of the Time” und “How Does It Feel” sind zwei der ersten Songs vom Album die wir aufgenommen haben. Bis dahin hatten wir fast nur Demos von Songs aufgenommen, die Carlin und ich irgendwo rumliegen hatten. Die Songs waren wie Waisenkinder, die wir aufgelesen haben.

motor.de: Findet ihr immer noch alte Songs aus der High School, die ihr dann wiederverwendet?

Carlin: Auf jeden Fall. “Permanent Scars” ist ein gutes Beispiel dafür. Den haben wir auf eine Single gepackt und auf der neuen Platte ist “Proud and Beautyful” ist einer von Neils ganz alten Songs. Wenn es eine gute Idee ist, dann hat sie Bestand und taucht wieder auf. Es ist aufregend alten Songs, die vorher nicht funktioniert haben, neues Leben einzuhauchen. Wir haben alle eine große Menge an Songs in der Schublade und es ist immer schön, einen zu finden der ein, zwei oder fünf Jahre alt ist, ihn herauszugraben und in die Hände der anderen zu geben und zu sehen, was daraus wird.

motor.de: Inwieweit unterscheidet sich “Busting Visions” von “Say Us”?

Carlin: Wir wollten ein zusammenhängendes Rock’n’Roll Album. Bei “Say Us” haben noch viele unserer Freunde mitgewirkt. “Busting Visions” ist eine perfekte Mischung von alten und neuen Songs von Mike, Neil und mir. Wir hatten 16 Songs, haben uns zusammengesetzt und entschieden, welche wir nehmen wollen.

motor.de: “Say Us” hat noch mehr einen Folk-Rock-60er-Jahre Einschlag, “Busting Visions” dagegen eher einen Manfed-Mann-David-Bowie-70er Sound. Reflektiert ihr als Band über solche Einflüsse?

Carlin: Wir gehen nicht so ran, dass ein Album ganz bestimmt so oder so klingen soll. Wir haben Ideen, wie bestimmte Songs klingen sollen und nehmen die dann so auf. Unsere Ästhetik ist eigentlich ziemlich kohärent und alles klingt am Ende, wie es klingen soll. Wir machen ziemlich unterschiedliche Sachen und wenn man genau hinhört, findet man auch viele verschiedene Ideen und Stile in den Songs. Wir scheuen uns nicht davor, dass etwas mal so klingt, wie etwas Altes, das man schon kennt. Wir finden das eher interessant und denken, dass die Leute, die das heraushören, es genauso interessant finden.

motor.de: Habt ihr aber explizite Einflüsse, von denen ihr sagen würdet, die beeinflussen euch am meisten?

Mike: Das ist immer schwer zu sagen. Als Musiker saugt man irgendwie alles auf, was man hört und mag. Man verbringt so viel Zeit damit, sich Musik anzuhören, die man mag, dass man, wenn man dann anfängt, Songs zu schreiben, schon eine Art Konglomerat dieser ganzen Einflüsse ist. Und man verleiht dem ganzen immer einen eigenen Touch. Das geht uns allen so: Man kann nichts dagegen machen, wie man Songs schreibt.

Carlin: Ich hab schonmal so gearbeitet, dass ich mir vorher Gedanken gemacht habe, wie ein Musiker aus einer bestimmten Zeit, den ich bewundere, einen Song schreiben würde. Was am Ende herauskommt, klingt nie genauso, sondern hat immer auch einen Teil von dir darin enthalten.

Neil: Bei “Are You Gonna Waste My Time?” wollte ich zum Beispiel mit dem schweren Rhythmus-Teil vor allem meinen Tribut an den Sound von “Zeppelin 1” und “Zeppelin 2” zollen. Das war eine sehr bewusste Entscheidung. Und wir haben dafür extra das Schlagzeug meiner Träume über Freunde besorgt, nur um das so aufnehmen zu können.

motor.de: Lässt euch der Trend zur Verwendung von mehr und mehr digitalen Geräten zum Musik machen unberührt?

Carlin: Prinzipiell scheuen wir uns da nicht vor. Was immer dem Song am besten tut und uns in dem Moment zur Verfügung steht, nehmen wir. Wir arbeiten gerade an einer Covers-EP und da sind auch viel solche Sachen dabei, gerade wenn analoge Synthesizer nicht mehr ausreichen für das, was wir wollen.

motor.de: Mit wem würdet ihr gern mal zusammen spielen?

Mike: Die Liste ist lang. Ich würde gern mit so vielen Leuten touren, nur um sie jeden Abend spielen zu sehen. Ich bin zum Beispiel ein großer Beck-Fan. Ich höre seine Sachen seit Jahren und würde einfach nur gern von Nahem sehen, wie er sein Ding macht.

motor.de: Was gefällt euch besonders daran, in Deutschland zu spielen?

Carlin: Die Leute akzeptierten uns und nahmen unsere Musik gut auf, schon als wir das erste Mal herkamen. Damals wussten wir nicht, was uns erwartet, aber es war von Anfang an gut. Sie geben dir auf jeden Fall eine Chance und respektieren, was du machst. Sie sind diesbezüglich abenteuerlustiger, glaube ich.

Neil: Man kann Bier auf der Straße trinken. Das geht in Kanada nicht.

Carlin: Und das Bier an sich ist wundervoll. Es ist einfach das Beste.

Neil: Es ist hart hier überhaupt mal ein schlechtes Bier zu bekommen.

Mike: Es verstößt wahrscheinlich gegen das Gesetz, ein schlechtes Bier zu brauen.

motor.de: Was habt ihr für Gefühle, wenn ihr gerade an euere Karriere denkt? 

Carlin: Es läuft alles sehr gut. Wir werden unsere Covers-EP fertigstellen. Wir hatten im Frühjahr in Europa getourt und viele Festivals im Sommer gespielt und uns zwischendrin auch hier und da mal eine Auszeit nehmen können. Und jetzt im Herbst: Im November kommen wir wieder nach Europa und touren zusammen mit der Band Stars. Man will so viele Märkte wie möglich abdecken, aber das kann man kaum. Und Europa ist sehr wichtig für uns. Hier haben wir uns immer auch zuhause gefühlt und das ist wichtig, wenn man von so weit her kommt.

motor.de: Habt ihr solche Momente, an denen ihr der Sache überdrüssig seid und lieber einen Monat Pause haben wollt?

Carlin: Ja auf jeden Fall und zum Glück gibt es hier und da Pausen.

Mike: Wir alle haben unsere signifikanten Anderen zuhause, die uns vermissen und wir sie genauso. Und man brennt auf lange Sicht aus, wenn man sich solche Pausen nicht nimmt.

Neil: Man muss smart arbeiten, nicht nur hart. Wir haben sehr hart gearbeitet dieses Jahr. Es war das ausgedehnteste Jahr, was das Touren angeht. Wir hatten damit auch großartige Möglichkeiten zur gleichen Zeit, aber man muss immer einen Schritt nach dem anderen gehen. Die Pausen haben sich teilweise nicht wie solche angefühlt, da wir immer hier und da Shows mittendrin hatten und konstant am arbeiten waren. Für den größten Teil des Jahres waren wir unterwegs.

Mike: Aufgrund der technischen Möglichkeiten ist es zum Glück auch einfacher mit Freunden und Familie in Kontakt zu bleiben. Ich kann mir vorstellen, dass das früher noch härter gewesen sein muss, wenn man nur darauf hoffen konnte, dass man irgendwo ein Telefon findet. Oder man Briefe schreiben musste.

Text + Interview: Tim Hoppe