Es gibt ein Buch im Hannibal Verlag, auf dessen Cover steht: “Made in Germany – Die hundert besten deutschen Platten”. Erschienen ist das Werk 2001 und sicherlich gibt’s irgendwann – immerhin sind seither schon wieder fünf Jahre vergangen – eine “aktualisierte Ausgabe”. Klar, Bestenlisten sind eigentlich genauso aufschlussreich und wichtig wie Monatshoroskope in Illustrierten beim Friseur, und trotzdem: Alle lesen sie. Weil, letztendlich ist es immer wichtig, genau zu wissen, wo denn wie was geht.

In diesem Buch findet man nun auf Platz 5 ein Album, das anderswo, vielleicht an anderer Stelle, doch immer auch auftaucht: Fehlfarben, “Monarchie & Alltag”. Als nach knapp 20 Jahren, im Jahr 2000, diese Scheibe mit über 250.000 verkauften Exemplaren die Goldene Schallplatte (oder war’s eine CD?) erhielt, räumte man bei der EMI für ein paar Stunden sogar die echte Beatles-Dekoration auf Seite. Welch ein Triumph!

Oft ist es ja leider so, dass, wenn wirklich mal was Neues, Aufregendes, Epochemachendes passiert, die Trittbrettfahrer, Epigonen oder Lookalikes die Ernte in die Scheune fahren. Die anderen vergisst man oft. Wie Heinrich Göbel, der eigentlich schon 25 Jahre (!) vor dem allseits bekannten Thomas Edison gebrauchsfertige Glühlampen baute. Da freut es umso mehr, wenn eine Band nicht erst nach ihrer Auflösung – bei Einzelpersonen gern auch erst nach ihrem Tod – Respekt und Anerkennung widerfährt. Womit wir dann beim Eigentlichen sind.

Eins vorweg. ’26 1/2′ ist nicht das neue Studioalbum der Fehlfarben (das kommt vielleicht im Herbst), sondern eher ein ganz spezielles Jubiläums-Best-Of-Tribute inklusive Bonus-Track. “Die Idee dazu ist eigentlich damals entstanden, als wir im Studio waren und am neuen Album bastetlten”, erklärt Michael Kemner, der Fehlfarben-Bassist. “Thomas war, glaube ich, in Hamburg, rief uns an und schlug vor, dass wir vielleicht noch ein paar Stücke mit Gästen draufpacken sollten. Das heißt, wir spielen Stücke noch mal ein und lassen andere dann singen. Irgendwann sollte es sogar ein Doppelalbum werden.”

“Eigentlich ein Tripelalbum”, behauptet Peter Hein, genannt die Stimme, “aber da kamen gleich Marketing-Abteilung und Controller und sagten: ‘Gibt’s nicht! Viel zu teuer! Wer soll das denn kaufen?'” “Außerdem haben wir gemerkt, dass das ‘ne Riesenarbeit ist”, fährt Kemner fort. “Vielleicht noch mehr Arbeit als ein Studioalbum zu machen, weil man ja erst die Kontakte herstellen muss. Das bedeutet unheimlich viel Büroarbeit. Das Ganze hat sich dann verselbstständigt.”

Und weil die Fehlfarben gern ab und zu auch mal Erwartungen enttäuschen (während des Interviews erzählt mir beispielsweise Peter Hein, dass es in Vorbereitung auf die Tour zu ‘Monarchie & Alltag’ 1980 die Idee gab, nicht einen Song vom Album live zu spielen, sondern einfach komplett andere Sachen), ist das Album offiziell kein Best-Of (… erschien schon 1996), kein Tribute (… erzeugt einen unerwünschten Höhenunterschied) und erscheint zeitlich genau dann, wenn keiner damit rechnet (9.589 Tage, also 26 1/2 Jahre nach Bandgründung).

Auch der Bonus-Track kommt eher unerwartet, denn eigentlich sollte auch dieses Stück gerade nicht von Peter Hein, sondern einem weiteren Freund und Bekannten (Das sind übrigens alle auf dem Album. Kein Tribute eben!) eingesungen werden. “Der Titel heißt ja ‘Chirurgie 2010’ und wir dachten uns so – Chirurgie, Krankenhaus, Arzt – Die Ärzte. Farin war aber mit seiner eigenen Platte beschäftigt, deshalb hat es nicht geklappt, und meine Spur ist geblieben.”

Ansonsten reicht die stattliche Liste der Freunde und Bekannten von Campino (Die Toten Hosen), Jochen Diestelmeyer (Blumfeld), Françoise Cactus (Stereo Total), die Falschen Farben (Element of Crime), Claudia Kaiser (Moulinettes), Bernd Begemann und Harry Rag (S.Y.P.H.) über Frank Spilker (Die Sterne), Gudrun Gut (Malaria), Dirk von Lowtzow (Tocotronic), Nils Koppruch (Fink), Stoya (Bombay 1) und Thomas Mahmoud (Von Spar) hin zu Herbert Grönemeyer, Peter Lohmeyer, Helge Schneider, TV Smith sowie die Fehlfarben selbst – kein anderer Silberling hat so etwas zu bieten.

Lange Liste, doch keiner aus dem Osten. Denkt man an Bands wie Planlos, Herbst In Peking, Hard Pop, Feeling B, Die Art, Die Skeptiker oder auch Kaltfront, um nur ein paar zu nennen‚ könnte es doch eventuell Berührungspunkte geben. “Da kenn ich aber keinen”, meint Peter Hein und lehnt sich gleich zurück. “Rammstein hätten ‘Militürk’ von ‘Monarchie & Alltag’ machen können. Spielen wir aber nicht, weil der Text nicht von uns ist”, ergänzt Thomas Schwebel, Gitarre und Gesang. Geschrieben wurde der Text von Gabi Delgado-Lopez, der mit Hein bei Mittagspause war. Später, bei DAF wurden daraus die “Kebabträume”. Rammstein sind also nicht mit drauf.

Überhaupt gab es genaueste Vorstellungen, wer welchen Titel denn am besten singt:
“Bei ‘Paul Ist Tot’ zum Beispiel war uns allen klar, das kann nur Campino stemmen. Und auch bei ‘Grauschleier’ war klar, wenn Herbert Grönemeyer mitmacht, dann muss es ‘Grauschleier’ sein”, erzählt Thomas Schwebel. Der Draht zu Grönemeyer lief dann über Kurt Dahlke, Keyboards und Programming, der wiederum erklärt: “Herbert hat ja sein eigenes Label ‘Grönland’, auf dem ich drei Platten mit Bombay 1veröffentlicht habe. Als ich in London war und die Platte abgemischt habe, habe ich ihn einfach gefragt, ob er sich vorstellen könnte, ‘Grauschleier’ zu singen. Er hat ja gesagt und dann alles mit seinem Produzenten Alex Silva in Berlin aufgenommen.”

Aber nicht nur die “großen Namen”, auch der “Nachwuchs” überzeugt. Thomas Mahmoud hat “Zarte Zeilen” sich geschnappt und Peter Hein stellt fest: “Das ist schon interessant. Als wir das Stück damals gemacht haben, waren wir ja auch schon älter, als Thomas jetzt ist.” Tja, und so beweist ’26 1/2′ ganz nebenbei, dass Generationskonflikte nicht auf Alter basieren, sondern auf unterschiedlicher Weltsicht. Wenn die grundlegend übereinstimmt, wie bei den Musikern der Platte, dann, wage ich zu sagen, dann geht es auch voran!

Text: Jens Quandt