Man sollte meinen, dass Aufmerksamkeit das Größte ist, was einem Musiker passieren kann: Am besten in Form einer Millionenschar zujubelnder Menschen, die im Idealfall auch noch ihr Erspartes in den Erwerb sämtlicher verfügbarer Tonträger anlegt. Und weiterhin sollte man annehmen, dass diese Musiker einiges dafür täten, eine einmal gewonnene Gunst nicht mehr zu verspielen. Man kennt das von Megastars wie U2, die nach einem von den Fans nicht goutierten Kurswechsel, reumütig zu den vertrauten Klangstrukturen zurückkehrten.

Für Steve Wilson, Gründer und musikalischer Kopf der Prog Rocker Porcupine Tree, wäre aber genau das ein Trauma: Für immer festgenagelt zu sein auf ein bestimmtes musikalisches Schema – nur weil das Publikum es so möchte. Künstlerische Freiheit ist ihm ein zu wichtiges Gut, als es auf diese Art leichtfertig zu verschleudern. Meine Intention in der Kunst war niemals, einfach nur erfolgreich zu sein und viel Geld zu verdienen. Vielmehr ging es mir um Ehrlichkeit zu meiner eigenen Kreativität. Wir haben immer den Weg genommen, der uns das Leben am schwersten gemacht hat – und manchmal war es auch der falsche Weg. Und dazu gehörte, unsere Fans vor den Kopf zu schlagen. Sie mit ihren Erwartungen zu konfrontieren und zu sagen, wir wissen, ihr mögt, was wir in der Vergangenheit gemacht haben, doch wir spielen das nicht mehr.

Und so war es auch diesmal wieder: Nachdem Porcupine Tree zwei Alben lang den komplexen, oft redundanten Prog-Rock mit den simplen Wendungen des  Pop versöhnten, lichte, hymnische Melodien in die Welt setzten und diesen damit schon fast wieder konsensfähig machten, kommt das neue Album ‘Deadwings’ schon beinahe metallisch schwer daher. Steve Wilson hat denn auch Verständnis dafür, wenn die Fans bei den ständigen Kurskorrekturen nicht mehr hinterherkommen. Aber so ist nun mal das Leben, Kreativität ist halt keine berechenbare Größe.

Seine Geduld und Verständigkeit ist allerdings zuende, wenn es um die Stilisierung von Dogmen und überkommenen Klischees geht: Zum Beispiel die von Sex, Drugs & Rock´n`Roll, sehr zum Nachteil anderer, progressiverer Musik. “Ich finde es frustrierend, dass die Medien, besonders in UK, so besessen von den Klischees von Sex, Drugs & Rock´n`Roll sind. Das ist Bullshit seit den Stones vor 40 Jahren. Ein ermüdendes altes Klischee, auf das die Medien immer und immer wieder anspringen. Musik ist zu viel mehr Inhalt in der Lage als nur den Drei-Akkorde-Rock´n`Roll. Natürlich hat auch der seinen berechtigten Platz, aber nur  diese Musik über Jahre und Jahre… Dabei vergibt man sich die harmonischen und rhythmischen Möglichkeiten andere Musikformen, wie zum Beispiel Prog-Rock. Es ist kindisch, diese Musik zu verleugnen, nur weil der NME dir sagt, du sollst es nicht gut finden.

Doch abgesehen von dieser Verbal-Attacke ist Steve Wilson ein kommoder und eloquenter Zeitgenosse, der zufrieden ist mit dem, was er erreicht hat, und wie sein Leben bisher verlaufen ist. Nur eines kann er bis heute nicht nachvollziehen: Warum Radiohead mit einem ähnlichen Konzept Millionen machten, auf dem Cover jedes Musikmagazins stünden, einschließlich NME, während er sich für sein Tun immer noch rechtfertige?

Text: Karsten Witthoefft