Eminem weiß, was er seinen Fans schuldig ist. Gleich mit ‘Just Loose It’, dem ersten Video zum neuen Album ‘Encore’, entfacht der Meister der Provokation einen Sturm der Entrüstung: Einem als Michael Jackson verkleideten ‘Em’ fällt in dem Video die Nase ab während er sich mit kleinen Jungs vergnügt. Der durch die Pädophilie-Prozesse reichlich derangierte Jackson ist für derart derbe Späße jedoch nicht zu haben und fordert TV-Stationen zum Boykott des Videos auf, dem einige auch folgen. Der Welt größter (Skandal-) Rapper ist also zurück.

Seit Jahren arbeitet sich die Presse an ihm ab. Der Mann ist jedoch so leicht nicht zu packen. Eminem, soviel steht fest, hat sich seine eigene Welt erschaffen, in der er nach Belieben walten und schalten kann. Mit seinem fünften Solo-Album ‘Encore’ präsentiert er nun 20 neue Tracks und Kollabos mit Langzeit-Partnern wie Dr. Dre und 50 Cent. Um zu verhindern, dass sein junges und mit modernenen Technologien bestens vertrautes Publikum ‘Encore’ über illegale Tauschbörsen aus dem Netz bezieht, hat man sich im Lager des erfolgreichsten Rappers unserer Tage einen verkaufsfördernden Promotion-Gag der besonderen Art ausgedacht: Unter sämtliche Käufern von ‘Encore’ werden 400 Namen für ‘Shady Xmas List’ ausgelost, die von ‘Santa-Eminem’ für ihren Kauf mit verpackten Geschenken belohnt werden. Neben Schuhen und Merchandise-Produkten winkt den Auserkorenen so auch ein Auftritt in einem von Eminems nächsten Videos. Schließlich geht die Umsatzkrise auch an Künstlern dieses Kalibers nicht spurlos vorbei.

Für weit mehr Aufregung sorgte im Vorfeld der Veröffentlichung aber ein ganz anderes Thema: Eminem hat scheinbar die Zeichen der Zeit verstanden. Er, dessen ganze Karriere laut eigenem Bekunden auf „gezielter Provokation basiert“. Derselbe Emimen, der noch vor zwei Jahren und im Video zu ‘Without Me’ als Bin Laden verkleidet durch die Kulisse stolperte und damit im traumatisierten Amerika ein Tabu brach – über den 11. Spetember scherzt man nicht. Marshall Mathers aka Eminem, der sich bislang weder auf eine gewisse Haltung noch auf irgendwelche moralischen Verbindlichkeiten reduzieren oder festlegen lassen wollte; dem man mit keinem der gängigen HipHop-Klischees beikommen konnte, reiht sich nun mit dem zweiten Video zum kommenden Album ‘Encore’ unmissverständlich in die zuletzt sprunghaft gestiege Zahl der eindeutigen Bush-Gegner in der US-Amerikanischen Unterhaltungsindustrie ein. Der kurz vor der US-Wahl ins Netz gestellte Kurzfilm zu dem Song ‘Mosh’ zeigt den Großmeister der Skills anfangs noch verzweifelt auf eine Wand mit collageartig an eine Wand geklebten Berichten von den Feldzügen der Bush-Administration und deren Folgen hämmern. Im weiteren Verlauf jedoch animiert ‘Em’ die potentiellen Nichtwähler, Afro- und Latino-Amerikaner, unterpriviligierte Opfer der katastrophalen Innenpolitik Bushs – und nach des Meisters Selbstverständnis wahrscheinlich seine ‘Homies’, sich registrieren zu lassen. Denn diese Leute sind es ja, auf die es am Wahltag ankommen könnte. Und ohne Registrierung, so funktioniert das amerikanische Wahlrecht, auch keine Stimme. Der Rapper initiert desweiteren einen stetig anwachsenden Marsch jener Menschen aufs weiße Haus, untermalt von wütend gerappten Zeilen wie: „Stomp, push, shove, mush, fuck Bush.“ Alles ohne Ironie-Netz und Sarkasmus-doppelten Boden. Der agitorische Text mündet schließlich in der Forderung: „No more blood for oil.“

Ob der Aufruf folgenreich sein wird, wird sich in dieser Woche entscheiden. In jedem Fall dürfte Eminem, als das legitimierte Sprachrohr großer Teile der Jugend Amerikas, weitaus mehr Erstwähler erreichen als Kerry und Bush zusammen. Zumindest evoziert der Appell ein nicht mehr für möglich gehaltenes Entgegenkommen ganz anderer Art: Der sich mit Eminem im Dauerklinch befindliche Ambient-Rocker Moby lobte das ‘Mosh’-Video und forderte seine Fans dazu auf, es sich anzuschauen. Eminem wäre jedoch nicht Eminem, wenn er die ausgestreckte Hand des glatzköpfigen Veganers nun ergreifen würde. Dazu weiß er wohl doch zu gut, was er seinem Image schuldig ist. Denn letztlich hat natürlich auch ‘Mosh’ einen – sicher nicht unerwünschten – Nebeneffekt: Em ist bereits vor der Veröffentlichung von ‘Encore’ einmal mehr in aller Munde und wird kontrovers diskutiert.

Text: Torsten Groß