Irgendwann trifft es jeden. Vor über zehn Jahren schoss er mit seiner Band Atari Teenage Riot an den Spitze des politischen Avantgarde-Elektro, und stellte vor den Aufnahmen zu seinem neuen Soloalbum “The Golden Fortaste Of Heaven” fest: “Ich hatte das Gefühl meine Musik in eine andere Richtung treiben zu müssen.” Im persönlichen Gespräch erklärt Mastermind Alec Empire die Hintergründe.

Im Vorfeld zur neuen Platte war zu lesen, dass du “null Bock mehr auf das Revolver-Album der Beatles” hast. Wie ist das zu verstehen?
Alec Empire: Ich habe nach dem Ende von Atari Teenage Riot lange Zeit in England gelebt und fand die dortige Musikszene anfangs sehr spannend, bzw. den Underground höchst innovativ. Seit zwei Jahren hat aber eine Entwicklung eingesetzt, welche sehr rückwärts gewand ist. Die Musiker orientieren sich traditionell an einem älteren Musikverständnis und viele Bands versuchen ein zweites “Revolver” aufzunehmen. Dieses Phänomen ist auch in der Presse zu beobachten und das spiegelt schon einen gewissen Wertkonservatismus wieder. Ende der Neunziger fand ich aber England, vor allem London wegen der elektronischen Musik sehr wichtig. Inzwischen fühle ich mich an der Spree musikalisch zu Hause.

Trotzdem hat auch der Osten Europas deine neuen Songs beeinflusst. Wie geht das mit Berlin zusammen?
Alec Empire: Man spürt hier die vielen Einflüsse aus den östlichen Musikkulturen und das schafft mir Freiheiten. Ich konnte noch nie viel mit der amerikanischen Musiklandschaft anfangen und die ist in England sehr präsent. (überlegt) Die deutsche Clubszene ist progressiver – auch wenn viele Berliner meinen: Ey komm, so toll ist das hier nicht! Kann ich zwar nachvollziehen, aber es ist anders, verglichen mit einigen britischen Metropolen. Da geht es eher darum, als Neunzehnjähriger wie ein Musiker aus den Sechzigern, Siebzigern rüber zu kommen. Als würden die Labels den Bands eine Strichliste geben, die sie mit jedem einzelnen Song abarbeiten müssen. (lacht)

Bei dir geht es vielmehr um Sex, Liebe und leidenschaftliche Trennungen. Relativ ungewohnt, sonst waren es eher Politik, Krieg und Sozialkritik die dich interessierten!

Alec Empire: ‚The Golden Fortaste Of Heaven’ beschreibt meine Rückkehr nach Berlin, um Sex, um das Thema der Liebe und der Leidenschaft dreht sich die Platte natürlich auch. Ich gebe dir deswegen Recht, es unterscheidet sich stark von vorangegangen Arbeiten. Der Grund ist folgender: Meine Sicht der Dinge in Sachen Politik habe ich bereits mehrfach in der Musik geäußert und bin zu der Meinung gekommen, alles Wichtige gesagt zu haben und das auch heute noch so vertreten zu können. Deswegen habe ich mich in den Vordergrund gestellt und kann nur sagen: Wer wirklich wissen will, wer ich bin, muss sich einfach nur die Texte anhören!

Zwangläufig scheinst du dich von deiner ehemaligen musikalischen Ausrichtung verabschiedet zu haben, das Album ist wesentlich ruhiger als ältere Arbeiten.
Alec Empire: Wenn die Themen sich ändern, wechselt auch das musikalische Gewand der Songs, bei mir jedenfalls. Ich wollte neue Bereiche erkunden und meine Live-Band The Hellish Vortex hat mir dabei geholfen: Es würde alles nicht funktionieren, wenn sie nicht so derbe rocken würden, wie sie das tun. Wir verfolgen mehr ein Soundverständnis à la Depeche Mode, denn das der Einstürzenden Neubauten. Im Studio ist es ähnlich: Ich produziere Elektro-Tracks wie die Amis Rocksongs abmischen – sehr präzise und clean.

Dein neues Video sorgt hingegen schon jetzt für Gesprächstoff. Das Internetportal YouTube hat es sogar als nicht jugendfrei eingestuft!
Alec Empire: Die erste Single ‚On Fire’ habe ich bewusst als Appetizer ausgewählt. Ein Song, der unlängst wie ‚extremer Sex auf harten Drogen’ interpretiert wurde. Natalie Avelon gefiel er sogar so sehr, dass sie im dazugehörigen Video mitwirken wollte. Der Dreh selbst ging hart an meine Grenzen: Wir hatten einen krassen Performance-Künstler dabei und der ließ echtes Blut fließen. Ich musste bei manchen Szenen den Raum verlassen, weil einfach alles zu viel für mich wurde. Wer das aus der Realität kennt, weiß, was ich meine!

Es mag Dinge geben, auf die Alec Empire nicht sonderlich viel Zeit verschwendet. Die Musik zählt nicht dazu, wie er mit “The Golden Fortaste Of Heaven” einmal mehr beweist. Ein Album, dem ein langer Denkprozess vorausging. Gut so, die Richtung stimmt wieder!

Text: Marcus Willfroth

Sonic Seducer I Unclesally*s I Groove I Titus I The Gap I Motor präsentieren:
ALEC EMPIRE “The Golden Foretaste Of Heaven” Tour 2008

31.01. Nürnberg – Hirsch
01.02. Hannover – Capitol
02.02. Dresden – Star Club
03.02. Berlin – Festsaal Kreuzberg
04.02. München – Ampere
06.02. Stuttgart – Die Röhre
07.02. Darmstadt – Centralstation
08.02. Bochum – Riff
09.02. Köln – Underground
12.02. Bremen – Tower
13.02. Hamburg – Uebel & Gefährlich
18.02. Rostock – Mau Club
21.02. Wien (A) – Flex