Die australische Band The Vines wurde vor vier Jahren nicht zuletzt wegen der Ausraster und merkwürdigen Manierismen ihres Frontmanns Craig Nicholls, aber auch wegen der zumindest am Anfang großartigen Musik zu einem der wichtigsten Acts der sogenannten The-Band-Explosion. Nachdem bei Nicholls das Asperger-Syndrom erkannt wurde, steht die Truppe nun vor den Trümmern einer eigentlich noch jungen Karriere. Dessen ungeachtet wagen Nicholls, Hamish Rosser (Drums) und Ryan Griffiths (Gitarre) in diesen Tagen mit ihrem dritten Album “Vision Valley” einen vorsichtigen Neuanfang.

Die Veröffentlichung des Albums wird indes von fürs Pop-Geschäft reichlich ungewöhnlichen Begleitumständen überschattet. Auf Grund der Diagnose, Asperger ist ein angeborener Gendefekt und eine milde Form von Autismus, wird es zu der Platte wohl weder eine Tour noch sonstige größere Promotion-Aktivitäten geben. Asperger-Patienten haben Probleme mit Veränderungen und dem Lesen von sozialen Situationen. Das Business-typische Prozedere wäre also reines Gift für den 27-Jährigen Nicholls. Trotzdem versucht sich Hamish Rosser im Interview in vorsichtigem Optimismus. In Sydney ist es neun Uhr morgens, Rosser ist gerade aufgestanden, macht sich einen Kaffee und hat hervorragende Laune:

Hamish, die Begleitumstände eurer aktuellen Albumveröffentlichung könnten ungewöhnlicher nicht sein. So gebt ihr zum Beispiel so gut wie keine Interviews, oder?
Das stimmt, wir machen nicht besonders viel in dieser Richtung. Zum letzten Album haben wir bis zu zehn am Tag gegeben, womit insbesondere Craig ziemliche Probleme hatte. Diesmal haben wir das deshalb drastisch reduziert. Ihr könnt also froh sein, dass ihr überhaupt eines kriegt. (lacht)

Inwiefern würdest du euch in der momentanen Situation überhaupt noch als eine normale Band bezeichnen?
Ich empfinde uns schon weitgehend als normal. Wir schreiben Songs, treffen uns zum Proben – und jetzt veröffentlichen wir gar ein weiteres Album. Allerdings gibt es natürlich auch einige Dinge, die uns von anderen Bands unterscheiden. So geben wir wie gesagt kaum Interviews und können fürs erste auch nicht auf Tour gehen.

Nach all dem Wahnsinn, der die letzte Tour begleitet hat und Craigs anschließender Asperger-Diagnose – Hand aufs Herz, hättest du gedacht, dass es überhaupt jemals ein weiteres Album geben wird?
Keiner von uns konnte diesbezüglich sicher sein. Nachdem wir zuletzt sämtliche Aktivitäten absagen mussten, unter anderem eine große US-Stadion-Tour mit Incubus, haben wir erstmal gedacht, jetzt sei alles vorbei. Aber im Ende hat’s dann eben doch wieder geklappt.

Haben sich die Arbeiten am neuen Album denn von früheren Aufnahmen unterschieden?
Das war eigentlich ein ganz normaler Prozess. Craig fing vor ungefähr anderthalb Jahren mit dem Schreiben neuer Songs an, kurz darauf haben wir bei ihm zu Hause einige Demos aufgenommen und schließlich gingen wir ins Studio, um alles richtig aufzunehmen. Alles ganz normal also – bis auf die Tatsache, dass wir während der Aufnahmen einen anderen Bassisten dabei hatten. Craig ist immer sehr fokussiert, sobald es ins Studio geht. Das ist die eine Sache, die er wirklich schätzt und beherrscht. Da kann er tatsächlich alles andere ausblenden. Das ist sein stärkster Punkt und da ergänzen wir uns auch gut.

Stichwort anderer Bassist: Mit Ex-Basser Patrick Matthews hat ein für Craig und die Vines sehr wichtiger Mensch die Band verlassen. Steht ihr noch in Kontakt zu Matthews?
Zunächst eines: Es war Patricks Entscheidung, er wollte gehen. Wir anderen hatten damit nichts zu tun. Danach haben wir ungefähr ein Jahr nicht miteinander gesprochen. Während der Aufnahmen ist er uns jedoch besuchen gekommen. Er und Craig gingen miteinander um wie alte Freunde. Das war sehr schön zu sehen – nach all den Hässlichkeiten, die sie sich vorher an den Kopf geschmissen hatten. Patrick hat jetzt übrigens eine neue Band, Youth Group, mit der er gerade durch die USA tourt – es geht ihm gut.

Gab es denn die Überlegung, ihn wieder zurückzuholen?
Wir haben ihn gefragt, ob er wieder dabei sein will und er hat abgelehnt. Patrick war das alles zuviel – die Presse, das viele Touren, das ganze Theater halt.

Für dich und Gitarrist Ryan Griffiths stand ein Ausstieg aber nie zur Debatte, oder?
Nein, nicht ernsthaft. Wir haben hier eine großartige Band, das gibt man nicht einfach so auf. Klar, wenn es irgendwann gar nicht mehr gehen sollte, sucht man sich eben etwas anderes – aber bis dahin…

Was hast du an dem Tag gedacht als bei Craig Nicholls das Asperger Syndrom diagnostiziert wurde?
Das hat eine Menge Sinn gemacht, da es so vieles erklärte. Patrick hat schon vorher einmal vermutet, Craig könnte autistisch sein. Aber da fehlten dann doch einige typische Verhaltensweisen. Wir haben das also eigentlich ausgeschlossen. Und als jetzt diese Asperger-Diagnose kam, war auf einmal alles klar. Das macht es für uns alle und auch für Craig selbst viel einfacher, miteinander umzugehen. Ich meine, das ist etwas, was er seit seiner Geburt hat, man kann nichts dagegen unternehmen, es ist nicht heilbar. Also müssen wir das Beste daraus machen.

Gibt es denn bei Craig eine Veränderung seines Verhaltens, seit er den Ursprung seiner Probleme kennt?
Er kann lernen, mit gewissen Situationen besser umzugehen. Das Hauptproblem ist aber, dass er im sozialen Umgang mit anderen Menschen deren Gefühlsregungen nicht richtig einschätzen und danach handeln kann. Wenn du mit jemandem sprichst, merkst du, ob dein Gegenüber glücklich oder sauer ist und kannst danach handeln. Craig kann das nicht. Das Wissen darum führt im Moment dazu, dass er sich ständig selbst überprüft. Er fragt mich zum Beispiel in einem normalen Gespräch: “Fühlst du dich durch mich angegriffen”, obwohl er etwas völlig Harmloses oder sogar Witziges gesagt hat. Früher ist das ja wirklich laufend passiert, dass er völlig unverhältnismäßig auf Leute reagiert hat, und die dann auch ziemlich angepisst von ihm waren – weil natürlich niemand den Ursprung für sein Handeln kannte. Ich denke also es hilft ihm schon, dass ihm jetzt mehr Verständnis entgegen gebracht wird.

Kann man mit ihm über seine Probleme reden?
Am Anfang haben wir schon darüber gesprochen. Wir wollen ihm aber auch nicht ständig das Gefühl geben, dass er nicht normal ist. Ich meine, für uns ist er ein großartiger Kerl und immer noch der Alte. Er war ja nie anders als jetzt. Wir können uns sein Verhalten in manchen Lebensbereichen jetzt nur besser erklären.

Erfährt er Unterstützung durch seine Familie?
Er verbringt jedenfalls viel Zeit mit seiner Familie, was gut ist. Jahrelang hat er überhaupt kein Interesse an seinen Leuten gehabt. Im Moment sind wir alle dicht beieinander, alles läuft gut.

Wie gehst du als Musiker mit dem Gedanken um, vielleicht nie wieder mit deiner Band auf Tour gehen zu können?
Ich würde nicht nie sagen. Es wird nur definitiv nicht mehr die Mammuttourneen früherer Zeiten geben. Das war zuletzt die Hölle, und eine Menge der Konzerte haben qualitativ auch sehr stark unter allem gelitten. Wir überlegen zurzeit, wie wir einen speziellen Weg für die Band finden können, diese Dinge zu handhaben. Wahrscheinlich werden wir zunächst ein Konzert in Sydney oder Melbourne spielen, gucken, wie es läuft und anschließend eventuell hier und da noch weitere Shows, mal sehen. Erst müssen wir ohnehin einen neuen Bassisten suchen.

Mit wem habt ihr denn die Platte eingespielt?
Das war Andy Kent von der australischen Band You Am I. Die waren immer eine von Craigs Lieblingsbands und auch ein großer Einfluss für die Vines. Wir haben überlegt: Wer ist der beste Mann für den Job und glücklicherweise hatte Andy Zeit. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Nur hat er aber leider seine eigene Band und steht deswegen über die Aufnahmen hinaus nicht zur Verfügung.

Inwiefern sind du und Ryan eigentlich in den kreativen Prozess eingebunden? Arbeitet Craig alles komplett aus oder könnt ihr auch eigene Ideen einbringen?
Wir fügen so viele Ideen hinzu wie möglich. Aber am Ende des Tages kommt das meiste natürlich von Craig. Er hat sehr konkrete und detaillierte Vorstellungen davon, wie alles klingen soll. Allerdings ist er sehr generös, auch wenn alle Songs von ihm kommen, haben wir einen sehr fairen Anteil an den Einkünften.

Das letzte Album “Winning Days” wurde von den Skandalen auf der anschließenden Tour mit abgebrochenen oder gar nicht erst gespielten Konzerten überschattet und ist auch teilweise bei der Kritik sehr schlecht weggekommen. Was erhoffst du dir vom neuen Werk?
Okay, wir hatten teilweise schlechte Kritiken. Ich finde aber nach wie vor, dass “Winning Days” ein sehr gutes Album ist, und der Titelsong einer der besten, die wir jemals geschrieben haben. Und in Anbetracht der Begleitumstände war es ja mit 600.000 verkauften Exemplaren sogar noch relativ erfolgreich. Nun müssen wir sehen, was passiert. Die ersten Reaktionen auf “Vision Valley” sind jedenfalls sehr gut. Wir hatten gestern das britische Magazin NME hier, und die waren begeistert. Was auch immer als nächstes kommt – wir als Band sind jedenfalls mit den neuen Songs sehr zufrieden und stolz auf das Erreichte.

Text: Torsten Groß