Viele Schicksalsschläge haben das Trio aus Wales geprägt. Es fing alles bereits in ihrer Kindheit an, als die Bergwerke geschlossen wurden und Blackwood, Gwent in eine schwarze Zukunft blickte. James Dean Bradfield (Gesang/Gitarre), Nicky Wire (eigentlich Jones, Bass), Sean Moore (Schlagzeug) und Richey James Edwards (Gitarre) wuchsen alle in den Sechzigern auf und haben sich seit 1989 mit intellektuellen Texten und eingängigen Melodien den Weg freigemacht, um den Sozialismus in Großbritanniens Wohnzimmer zu bringen. Als Richey 1995 spurlos verschwand, entschieden sich die restlichen Manics – nach einer kurzen Pause – trotzdem weiterzumachen. Richey wurde bislang nicht gefunden. Mit ‘Lifeblood’ kommt erscheint nun das siebte Manics-Album, und der politischen Inhalte ist die Band keineswegs müde geworden.

James: „Es gab immer Momente in unserer Vergangenheit, speziell wenn wir politische Aussagen trafen, in denen Leute – und insbesondere Leute aus unserem Publikum – gedacht haben: ‘Warum haltet ihr nicht einfach eure Klappe!? Warum müsst ihr immer wieder damit anfangen?’ Aber es gibt Themen, die sind uns wichtig, denn wir sind mit ihnen aufgewachsen und wurden von ihnen geprägt. Natürlich gibt es Menschen, die auch zu dieser Zeit in Großbritannien aufgewachsen sind und die das alles nicht erlebt haben, weil die Stahl- und Kohle-Industrie nicht in ihrer Region ansässig war. Diese Leute wollen, dass wir einfach weiter Songs wie ‘You Love Us’ (1992) und ‘A Design for Life’ (1996) spielen, und sie fragen sich, warum wir in den großen Arenen auftreten und wann dieser Typ (Nicky Wire) endlich diesen Rock auszieht. Ich denke aber auch, dass die meisten kommen und einfach eine tolle Zeit haben wollen.“

‘A Design For Life’ wurde aber auch so etwas wie eine Hymne für die Arbeiterklasse. Wie würdest du es erklären, dass es im heutigen Europa immer noch ein Klassensystem gibt?

James: In Großbritannien entstand das ganze aus einem Provinzialismus oder auch einer Antipathie gegenüber der Zentralregierung in London heraus. Wie will man die Einstellung der Leute aus London mit der der Leute aus Manchester oder Glasgow miteinander verbinden? Es gibt so große Unterschiede zwischen den Regionen in Großbritannien, wobei ich mir sicher bin, dass es diese Gegensätze auch in Deutschland gibt. Berlin ist so anders als München, aber das Klassensystem hat sich hier nicht halten können. Ich denke, das ist darauf zurückzuführen, dass unser Parteiensystem so polarisiert ist. Wenn man das Wort „Sozialismus“ in Deutschland erwähnt, dann hat es eine ganz andere Bedeutung als in Großbritannien. Geht man als Sozialist nach Ost-Europa dann fragen sich die Leute, wie man bloß Sozialist in Großbritannien sein kann. Die Labour-Partei hat immer gesagt, dass sie eine sozialistische Partei sei und Großbritannien kein kommunistisches Land ist, aber wir müssen auch nicht an den Kommunismus glauben und können trotzdem in einem Konkurrenzsystem leben: Labour gegen die Tories. Jeder glaubt an die Meinungsfreiheit und an die Demokratie, aber es sind einfach die grundverschiedenen Ideologien in diesem Land, die das Klassensystem erhalten. Ich muss aber sagen, dass die Grenzen zwischen links und rechts heutzutage so verschwommen sind, dass die Klasseneinteilungen ein nicht so großes Thema sind. Natürlich nicht völlig, aber man kann die Tendenz voraussehen.

Wenn man einmal realisiert, dass der Kapitalismus gewonnen hat, und er funktioniert auf einigen Ebenen in Europa einfach, dann muss man einfach sagen, dass er eben das ist, was wir verdienen.

Manche Leute sagen, dass die Demokratie ausstirbt, weil immer mehr Leute nicht zu den Wahlen gehen usw., aber sie funktioniert. Die Labour-Partei, egal welche Sünden sie begangen hat, hat uns eine Dezentralisierung gebracht. Man muss sich dann auch eingestehen, dass wir auch alle dafür gearbeitet haben. Als ich jung war, bedeutete die Arbeiterklasse, dass man es sich kaum leisten konnte, ein Auto zu haben und man nicht Urlaub machte. Heute sind die Leute reicher als damals und ich könnte nicht sagen, ob sie jetzt nicht mehr zur Arbeiterklasse gehören.

Euer letztes Album ‘Know Your Enemy’ (2001), war auch gegen euch selber gerichtet, nachdem dem Vorgänger ‘This Is My Truth Tell Me Yours’ (1998) ein Ausverkauf unterstellt wurde.

James: ‘Know Your Enemy‘ war eine Reaktion auf die Tatsache, dass wir uns über eine so lange Zeit behaupten konnten. Durch ’Everything Must Go’ (1996) und ’This Is My Truth Tell Me Yours’ läuft ein Faden. Nachdem Richey verschwunden war, haben wir versucht, uns hinter der Musik zu verstecken und haben ehrlich gesagt auch qualitativ bessere Arbeit geleistet. Die Wut war in den Texten noch da, hat sich aber in der Musik entmanifestiert. Das passierte alles unterbewusst. Der Vergleich hinkt zwar ein wenig, aber es ist dasselbe, wenn du eine Diät machst. Am Ende stopfst du dich wieder mit dem ganzen Fast Food Zeug voll. Naja, wenn du ich bist, dann machst du das jedenfalls. Es war einfach so, dass wenn du über zwei Alben hinweg so eine hohe Gewichtung auf die Produktion legst, dann willst du einfach ins Studio gehen und etwas gesünder damit umgehen. Wir wollten einfach unserem Instinkt vertrauen.

War die EP ‘Masses Against The Classes’, die 2000 rauskam, nicht eine Antwort auf die Vorwürfe, mit denen man euch konfrontierte?

James: Nein, nicht wirklich. Wir wollten das Millenium mit einem großen Song verabschieden und es hat ja geklappt.

‘Lifeblood’ ist viel poppiger als ‘Know Your Enemy’, aber ihr sprecht natürlich auch politische Themen an, wie z.B. im Song ‘Emily’.

James: ’Emily’ ist aber auch das politischste Lied. Wir haben heute so eine merkwürdige Kultur im Fernsehen, mit Shows wie ‘Die besten 10 Horrorfilme aller Zeiten’ oder ähnliches. Und auf der BBC gab es dieses Ding, wo man den wichtigsten Briten aller Zeiten wählen sollte. Und davon gab es dann auch die weibliche Form und du kannst bestimmt raten, wer gewonnen hat. Es ist eine Million Meilen entfernt von Emily Pankhurst.

Lady Di?

James: Ganz genau! Ich bin Republikaner. Das war ich schon immer, na ja seit ich 15 bin. Ich will nicht sagen, dass das, was ihr passiert ist, nicht schlimm ist. Es ist wirklich tragisch. Es ist für jeden tragisch, seine Mutter zu verlieren. Ich musste das auch durchmachen. Das meine ich aber nicht. Es geht mir darum, dass ich mich frage, welche Opfer sie erbringen musste für die Gesellschaft. Ja, sie hat viele gemeinnützige Organisationen unterstützt, aber konnte sie deshalb nicht zwei Wochen lang shoppen gehen, hat sie all ihr Geld für die Menschen aufgegeben? Emily Pankhurst hat sich aufgeopfert für die Rechte der Frauen. Und sie wurde in dieser ganzen Show nicht einmal erwähnt. Wir haben heutzutage die Bedeutung des Heldentums komplett reduziert und gehen damit einen sehr gefährlichen Weg. Der Song sagt nicht: „Fuck You Diana!“, sondern will einfach auf das grundlegende Problem aufmerksam machen.

Wo siehst du das Problem, dass Menschen nicht erkennen können, was wichtig ist, um ihr Leben zu verändern?

James: Es ist die Reduzierung von Worten. Wenn du das NME anschaust, dann hast du da mehr Bilder als Worte. Die Anzahl der Worte, die sie schreiben dürfen, wurde gekürzt. Das erkennt man schon an den Kurzbiographien, die sie benutzen, um einen ganzen Werdegang einer Band vorzustellen. Unser Aufmerksamkeitsfähigkeit wird immer kleiner. Wenn man sich bloß anschaut, wie Journalisten ihre Recherche machen. Sie gehen auf Google und das war‘s. Ich habe schon so viele falsche Dinge über uns gelesen und wir sind nur eine verdammte Band. Nicht einmal die Regierung kann richtig recherchieren, sondern schaut auf Google, wenn sie nach Unterlagen zum Irak-Konflikt suchen. Das ist echt traurig. Es ist keine Antipathie gegen Journalisten. Ich habe einige Journalisten als Freunde, die sich völlig unterschiedlichen Themen zur selben Zeit widmen müssen. Früher hatte ein Journalist einfach auch die Zeit, Dinge genau zu untersuchen.

Text: Ines Nurkovic