Glaubt man Kante-Gründer Peter Thiessen, waren die Aufnahmen zum vierten Longplayer “Die Tiere Sind Unruhig” ziemlich entspannt. Zum Glück, denn nach dem Monumentalwerk “Zombi” aus dem Jahre 2004 sprach einiges für ein jähes Ende der Band: Stress, Mitgliederschwund und totale Ausgelaugtheit. Probleme von gestern, wie die Hamburger Indierockband im persönlichen Gespräch bekräftigt.

Jahre, die ihr kennt

In einem Berliner Cafe geht es ebenfalls entspannt zu. Peter Thiessen und Kante-Neuzugang Florian Dürrmann (kam als Ersatz für den ehemaligen Bassisten Andreas Krane) schlürfen ausgelassen ihren Kaffee und es entsteht der Eindruck, die letzten drei Jahre habe es nie gegeben. Drei Jahre, in denen die Band mehr als das typische Lehrgeld zahlen musste. Drei Jahre, die fast die Existenz gekostet haben. Eine Zeit, die sich so besser nicht wiederholen sollte.

Bei unserem letzten Treffen, habt ihr einen sehr angespannten Eindruck gemacht. Die Zeit im Studio zum “Zombi”-Album schien euch viel Kraft gekostet zu haben! Wie steht es nach den Arbeiten am neuen Album “Die Tiere Sind Unruhig” um die Band Kante?
Peter: Unsere letzte Platte war extrem konzeptuell angelegt. Sowohl musikalisch, als auch textlich erforderte sie jede Menge Konzentration. Die ganze Sache hat deswegen doppelt und dreifach so lange gedauert, als geplant. Das wollten wir jetzt einfach nicht noch einmal so machen. Alles sollte ein wenig schneller gehen und mehr davon handeln, was man gerade so erlebt. Deswegen sind die neuen Songs auch musikalisch viel energetischer und zügelloser als die des Vorgängers. (überlegt) “Die Tiere sind Unruhig” sollte einfach mehr auf die Zwölf gehen!

Der Produzent spielte in der Vergangenheit bei Kante immer eine immens wichtige Rolle. War beim letzten Album Tobias Levin für die Rolle hinter den Reglern verantwortlich, nahm bei den neuen Aufnahmen Beatsteak-Produzent Moses Schneider das Heft in die Hand. Beide unterscheiden sich, so Peter, “durch eine unterschiedliche Herangehensweise” voneinander. Während Levin mit seinen Bands immer das Werk für die Ewigkeit zu schaffen versucht, setzt Schneider vorwiegend auf ein Maximum an Spaß während der Arbeit. Eine Methode, von der zuletzt auch Tocotronic profitieren konnte.

Peter: Produzenten sind einfach die Personen im Studio mit denen man als Band am intensivsten Zusammenarbeiten muss. Daher ist es uns sehr wichtig, dass wir jemanden haben, den wir vertrauen können. So weit, dass wir auch Vorschläge von ihm annehmen und Sachen wirklich verändern. Die Erfahrung mit Moses ein Album aufzunehmen war toll. Weil es das erste Mal war, dass wir eine Platte aufgenommen haben und nicht ständig daran dachten, diese Platte muss ein Meisterwerk für die Ewigkeit werden! Moses hat sein Handwerk gelernt und uns ein gutes Gefühl vermittelt. So etwas meine ich, wenn ich von Vertrauen rede!
Florian: Im Großen und Ganzen hat er uns eigentlich einfach machen lassen und keine Ideen gegen den Willen der Band durchgesetzt. (überlegt) Moses hat vor den Aufnahmen zu uns gesagt, “OK Jungs, euch muss klar sein, wenn ihr ins Studio geht, dass ihr die Stücke relativ fertig habt und sie bitte als Band einspielt. Ich habe keinen Bock auf langes Hin und Her!”

Eine völlig ungewöhnliche Arbeitsweise für die Band, dauerten doch die Studioarbeiten am Vorgänger fast ein ganzes Jahr. Vielleicht liegt es aber genau an dieser Leichtigkeit, dass Kante mit “Die Tiere Sind Unruhig” sich mehr denn ja als Band gefunden haben.

Selbstfindung durch Abgrenzung

Peter: Wir haben auf den Konzerten der letzten Jahre gemerkt, “Hey, die Musik, die wir machen, ist viel zu erwachsen, als wir uns innerhalb der Band fühlen!” Ständig hatten wir uns mit den Fragen beschäftigt, wie ist der Gesang oder wie sind die Arrangements? Ich meine, das ist das eine, aber sollte man nicht auch eine direkte Ansprache haben?! Das Gefühl zu bekommen: Hey, die Leuten haben da jetzt Bock drauf, es passt einfach in den Raum und füllt ihn aus! Die Konzentration verlagerte sich deswegen auf die Punkte: Was macht Spaß? Was können wir zusammen geil spielen? Woher kommt die Energie?
Florian: Dieses spielerische Element wurde auf “Die Tiere Sind Unruhig” einfach stark fokussiert. Nichts war anstrengend und nichts entpuppte sich plötzlich als etwas, dass uns auseinander bringen könnte!

Kante fühlten sich wie “eine ganz junge Band” bei den Aufnahmen. Ein Grund, weswegen auch die musikalischen Einflüsse eher der Gegenwart zuzuordnen sind: weniger Miles Davis-Jazz, als vielmehr Queens Of The Stone Age-Gitarren. “Wir arbeiteten früher mehr nach dem Prinzip eines Miles Davis. Er ging einfach ins Studio, spielte ein paar Sessions und heraus kamen Alben für die Ewigkeit. Das Problem ist nur, die Mitglieder von Kante sind nicht Miles Davis, sondern Rockmusiker. Wir können halt nicht aus dem Stegreif drauf los spielen. Da fehlt uns einfach der inhaltliche Zusammenhang. Das mussten wir einsehen!”, erklärt Peter zurückblickend.

Die Queens Of The Stone Age wurden von euch öfter als musikalischer Einfluss zur Platte genannt. Ziemlich ungewöhnlich!
Peter: Eigentlich nicht! Ich mochte die schon immer. Es ist für mich einfach eine der wenigen modernen Rockbands, deren Sound du nicht als Retro bezeichnen kannst. Klar verarbeiten die auch Blues und sind sehr psychedelisch, aber es ist etwas Eigenes.
Florian: Die Art, wie wir unsere Stücke darbieten, hat eben auch nichts mit Retro zu tun!
Peter: (überlegt) Auch wenn wir so gar nicht dieses Image einer schweißnassen Männerband entsprechen, wollten wir so etwas machen.

Auch mit dem Hintergedanken, dass Josh Homme doch als ziemlicher Diktator gilt und meist mit komplett fertigen Stücken ins Studio kommt?
Peter: Die klassisch demokratische Band hat auch immer einen Frontmann! Früher hatten wir die Ansicht, dass alles verteilt werden sollte, dass es nicht einen Songwriter geben darf, dessen Kollegen nur stur seine Ideen umsetzen. Ich habe dann immer Druck auf die anderen ausgeübt und wollte, dass sich sie noch mehr einbringen, als sie es zwangläufig schon taten. Dabei war ich ja trotzdem der Hauptideengeber, auch wenn ich es nicht wahr haben wollte!
Florian: Es ist ja auch eine Form von Demokratie, wenn ich sagen kann: Hör her, das ist meine Bass- oder Lapsteelgitarre, die da erklingt. Und an einer anderen Stelle, bemerkt man dann den Part, wo ich oder jemand anders aus der Band, Peter überredet haben, dass dies nicht so geht wie er es sich gedacht hat.
Peter: Vielleicht war ich auch nicht selbstbewusst genug, zu sagen: Ich bin der‚Bandleader’ von Kante. Dies hat sich halt jetzt geändert und ich nehme das Heft selbst in die Hand. Zur neuen Platte habe ich die Songs zu Hause geschrieben und gefragt: Wollen wir das Aufnehmen? Ganz einfach so!

Angekommen in der Wirklichkeit

Aufgenommen haben Kante Peters Material und herausgekommen ist ein “Werk von Album”, wie Moses Schneider es ganz treffend beschreibt. “Die Tiere Sind Unruhig” besitzt vieles was auch schon auf dem Vorgänger “Zombi” zu hören war: Jazz, Avantgarde und Instrumentals. Aber eben auch Gitarrenbretter, die oft beschworene Zügellosigkeit und sogar einen Rap-Part von Gitarrist Felix Müller! “Den Text für den Song ‚Die Größte Party Der Geschichte’ habe ich geschrieben und Felix kam plötzlich mit der Idee, dazu Rappen zu wollen! Eigentlich nichts wahnsinnig Neues, weil er ja auch Live schon oft das Mikro in die Hand nahm und drauf los legte”, erklärt Peter den Ausflug ins benachbarte Genre.

Würdest ihr beide sagen, dass “Die Tiere Sind Unruhig” in euch ein neues Bandgefühl hat entstehen lassen?
Peter: Die Arbeiten waren von einer Art Leichtigkeit geprägt. Diese Gelassenheit begleitete uns beim kompletten Aufnahmeprozess zu “Die Tiere Sind Unruhig”.
Florian: Es ging diesmal halt sehr schnell, bis wir bemerkten: OK, jetzt haben wir unseren Sound gefunden und müssen nicht mehr lange daran rumtüfteln. (Peter nickt zustimmend) Lässt sich trotzdem schlecht in Worte fassen.

Ist auch nicht wirklich nötig. “Die Tiere Sind Unruhig” ist eines von den Alben, dass am besten für sich selbst spricht: Es handelt von Hitze, roher Energie, Menschen, Tiere, Verzweifelungen, Wut, Zorn, Liebe, Gefühle von Verlassen-Sein und vor allem “von dem was man Jugend nennt.” Die Gitarren dröhnen dabei wie nie zuvor im sonst eher als leisetreterischen Indiepop eingestuften Sound von Kante. Keine Zweifel mehr, ob der eigenen Qualitäten, keine Bandinternen Unruhen, sondern Euphorie und die Erkenntnis, “das man auch das Unvollkommene lieben kann!”


Peter: Wir sind eigentlich eine Band, die oft dazu neigt zu Zweifeln. Aber diesmal wurde es auch durch Moses Hilfe viel selbstbewusster. Er sagte uns halt, ‚Kommt, das ist echt toll, wie ihr das macht, weiter so!’ Eine ganz neue Erfahrung für uns. Wir haben dadurch gelernt, wie es sich für eine Band anfühlt, mit jeder Menge Spaß ein Album aufzunehmen. Ich finde, man kann ‚Die Tiere Sind Unruhig’ diesen Umlernprozess auch ganz genau anhören!

Fotos: Dorle Bahlburg