In einer Zeit, in der sich Bands verstärkt Retro-Sounds bedienen und auf Indie-Ikonen berufen, fühlen sich die Mitglieder von New Order als die Verwalter des Joy Division-Erbes bestimmt umschmeichelt durch die Tatsache, immer noch eine musikalische Inspirationsquelle sein zu können. Trotzdem macht die Tatsache, als lebende Legende gehandelt zu werden, es den Stammesältesten des Indie-Pop sicherlich nicht leichter, komplett locker zu bleiben. Erst recht nicht dann, wenn es daran geht, nach einem unerwartet erfolgreichen und deshalb um so sensationelleren Comeback-Album wie ‘Get Ready’ (2001), Songs zu veröffentlichen, die an diesen Erfolg anzuknüpfen imstande sind.

Die größte Erwartungshaltung ist New Order dieser Tage gewiss. ‘Waiting For The Siren´s Call’ heißt das Album, das – laufen die Dinge weiterhin so gut für die Formation aus Manchester- idealerweise zum Blueprint zeitgemäßen Independent-Chart-Pops gerechnet werden wird.
Doch das gilt es noch zu beweisen. Sänger Bernard Sumner und seinem Drummer-Kollegen Stephen Morris scheint diesbezüglich jedoch schon einmal jegliche Aufregung fremd. Alte Hasen werden eben nicht so leicht aufgescheucht.

Sumner, erschreckend feist geworden, bedient sich während einer lockeren Plauderei zur Album-Promotion in einer Hotelsuite dann auch recht oft von den in verschwenderischer Weise bereit gestellten Leckereien, während ein meist selbstzufrieden lächelnder und dadurch ausgeglichen wirkender Morris die Stimmung während der Produktion des neuen Albums zusammenfasst: “Dieses Mal waren wir definitiv wesentlich entspannter. ‘Get Ready’ war ja schließlich unsere erste Arbeit seit langem und deshalb hatten wir logischerweise zu dem Zeitpunkt ein bisschen Angst, dass das, was wir da veröffentlichten, eher ein alter Hut für die Leute sein könnte.” War es bekanntermaßen eher nicht und vor allem die Single ‘Chrystal’ ist noch gut in Erinnerung.

Zeitgemäß und modern wirkt nun das neue Album ebenfalls. Auch dann, wenn die wegen interessanter musikalischer Evolutionsschritte herunterklappenden Kiefer wohl eher nicht zu beobachten sein werden. Vier vergangene Jahre haben dahingehend nicht sonderlich viel mit sich gebracht. Mit gehobenem Alter werden die Schritte eben doch auch etwas kleiner, bleiben aber im Falle von New Order dennoch sicher, erfüllen die Engländer doch in beinahe routiniert wirkender Weise auf ‘Waiting For The Siren´s Call’ ihren Auftrag. Gefälliger Pop mit einem im Vergleich zum Vorgängeralbum eher zurück genommenen Gitarrenanteil, der auch nicht zuletzt darin begründet liegt, dass die Band auf ihrer letzten Tour bemerkte, dass es besonders die von synthetischer Klangerzeugung dominierten Songs waren, bei der die Massen sich angesprochen fühlten.

Die Stil übergreifende (gerne als Konsens-Band bezeichnete) Gruppe mit dem geübten Händchen für charakteristische Melodien ist auch dieses Mal nicht unbedingt dazu prädestiniert, Schiffbruch zu erleiden, auch wenn eine Hitdichte wie beim Vorgängeralbum sich nicht sofort bemerkbar macht. Geschliffen und catchy sind dennoch viele Songs. Aber eben auch etwas vorhersehbar. “Es gibt eben Sachen, auf die du keinen Einfluss hast”, meint Stephen auf einen vielleicht etwas zu eng gesteckten New Order-Kompositionsrahmen angesprochen. “Wenn wir zusammen spielen, dann wird das eben immer nach New Order klingen. Es ist unmöglich, den Sound komplett zu verändern. Wir versuchen natürlich, bestimmte Sachen anders zu machen, aber unsere Handschrift wird immer zu erkennen sein.”

Zur ‘Handschrift’ zählen natürlich auch die schon seit Joy Division charakteristischen Bassläufe von Peter ‘Hooky’ Hook: “Du hast Recht, Hookie ist wie ein Trademark. Ich denke, der Job vom Rest von uns ist, den Style zu verändern, interessant und zeitgemäß zu halten. Hookie bleibt der gleiche. Wir verändern uns. Wenn du von der Musik von Joy Division ausgehst, dann fällt auf, dass wir den Style verändert und Dance-Music mit in den Sound hineingebracht haben, Hookie aber blieb eine Konstante”, so Bernard. Keine Konstante dagegen blieb die Besetzung des Postens des Keyboarders und Gitarristen, den Morris` Ehefrau Gillian Gilbert schon vor einer Weile geräumt hatte. Phil Cunningham, einerseits schon vorher Bernards Mitstreiter beim Sideprojekt Electronic, außerdem Live-Gitarrist bei der letzten Tour, komplettiert nun das Line-Up der Mancunians. Die Beteiligung Cunninghams am Songwriting hat, so gibt Sumner zu verstehen, neben der Zufuhr “frischen Blutes” indes dazu beigetragen, die Produktivität des Quartetts zu verbessern. Während Bernard an seinen Texten arbeitete, schrieb der Rest der Band eifrig ohne den Sänger weiter, so dass am Ende 18 Songs zur Auswahl standen, von denen elf auf dem Album Platz fanden. Mit Stephen Street, John Leckie und Stuart Price haben eine ganze Reihe namhafter Produzenten auch ihre Finger mit ihm Spiel.
Was denkt die Band eigentlich über die eingangs erwähnte vielerorts zu beobachtende Rückbesinnung auf die musikalischen Achtzigerjahre? Bands wie Interpol, die Joy Division allem Anschein nach mit der Muttermilch aufgesogen zu haben scheinen? Schmeichelt so etwas oder ist eine die alten Ideale so offensichtlich zitierende Musiksparte doch eher enervierend? “Mir wurde gesagt, dass ich Interpol unbedingt einmal live ansehen sollte, weil es wie eine Art Joy Division Tribute-Nacht sein sollte”, erklärt Stephen. “In gewisser Weise fühlt man sich ist schon etwas geehrt, wenn man daran denkt, dass du eine Gruppe von Leuten auch heute noch inspirierst. Ob das jetzt in gewisser Weise abgekupfert ist oder nicht, letzten Endes zählt doch, dass sie gute Songs schreiben, nicht WIE sie sie schreiben.”

Text: Martin Erfurt